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Sie ahnte es bereits.

Deutsches WM-Aus

An Automatismen hat es noch nie gefehlt

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Das gilt auch für spaltenlange Erklärungen zum Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Wann genau der Abstieg begann, lässt sich nicht so genau sagen, obwohl man das gern hätte, dass man sagen könnte: Genau! Diese Szene, diese Nachlässigkeit, dieser Moment, dieser Fehler. Aber so ist es ja nicht, weil der Abstieg selten mit einem dramatischen Auftritt beginnt, ohne mächtiges Brimborium, ohne dünnes Gebimmel eines Glöckleins. 

Nein, der Abstieg wird nur selten eingeläutet, vielmehr setzt er zumeist unauffällig ein, gar nicht theatralisch, mit einem Wort: unbemerkt. So muss man es sich eingestehen, so muss man es im Nachhinein zugeben, auch wenn viele Menschen sagen, Tausende, Hundertausende, sie hätten es kommen sehen, dieses Debakel - das Desaster, das Ausscheiden der DFB-Elf. Diese Menschen haben es immer schon gewusst. Sie sind die Propheten unter uns! 

Das ist natürlich ein erstaunliches Wissen, wenn man mit solchen Gaben ausgestattet ist. Andererseits ist es überhaupt nicht erstaunlich, denn im Fußball gilt, dass man im Nachhinein immer schon wusste, was dann tatsächlich auch eintrat, ob ein 0:1 oder ein 1:0, je nachdem. Man sah die Führung ebenso wie den Rückstand.

Natürlich ist es sehr schön, wenn man recht behält. In seinem klugen Buch „Matchplan“ kommt der Fußballfachmann Christoph Biermann auch auf den überaus menschlichen Versuch zu sprechen, „aus den vielen Momenten unseres Lebens eine irgendwie schlüssige Erzählung über uns zusammenzubasteln“. Zu dieser Form des Bastelns einer Biografie gehört aber nicht nur das Bemühen um eine schlüssige Erzählung. Plausibilität wird erzwungen – und unterliegt nicht selten einem Wahrnehmungsfehler, dem „Hindsight Bias“. 

Vielleicht ist es nicht ein Fehler, aber doch ein Konstrukt, nach dem Motto: Man habe es immer schon gewusst. Nicht allein Rechthaber konfrontieren ihre Umwelt mit diesem Satz, der auf dem Gefühl beruht, die Zeichen von vorneherein richtig gedeutet zu haben, mit Folgen wie zwangsläufig. Und der Zufall? Gerade im Fußball. Wie auch immer, zusammen mit dem „Outcome Bias“, der „Tendenz, Bewertungen vom Ergebnis zu konstruieren“ (Biermann), legt sich der Zurückblickende das Zurückliegende zurecht. Durch das Resultat erscheint die Geschichte im Rückblick plausibel. 

Der Abstieg

Wann begann der Abstieg? Der Rückblickende ist wahrhaftig nicht nur ein brav rekonstruierendes Wesen, der Rückblickende ist ein auch tapfer konstruierendes Wesen. Wann also begann der Abstieg? Mit der ersten Pleite der Löw-Elf nach einer Serie von 22 ungeschlagenen Spielen, im März 2018? 

Aha! 

Seltsam, einige Analysen seit dem WM-Aus lesen sich nicht wie Analysen, sondern wie Abrechnungen - als hätte es die Propheten schon vor dem Anpfiff zum ersten Spiel der DFB-Elf in Russland gewusst: Mangelnde Laufbereitschaft, mangelnde Durchsetzungsfähigkeit. Ein einziger, ein Riesenmangel an: Spritzigkeit, Biss, Demut, Aggressivität, Technik, körperlicher Frische, geistiger Frische, Präsenz, Zielstrebigkeit, Willen, Mannschaftsgeist, individueller Klasse, Körpersprache, Zähigkeit, Verbissenheit, Gier. Wir reden weiterhin von Mangel – einem gigantischen Mangel an: Pressing, Gegenpressing, Raumaufteilung, Flügelspiel, vertikalem Spiel, Spiel mit dem Ball, ohne den Ball, Positionsspiel, Kompaktheit, Zonenaufteilung, Kreativität, Flexibilität, Geschwindigkeit, Ballgenauigkeit, Passgeschwindigkeit, Passabständen, Überzahlsituationen – kurz: ein horrender Mangel an Automatismen. Keine Phase, in der die Mannschaft in einen „Flow“ hineingekommen wäre, was ja nicht nur im Fußball ein Dasein anderer Art ist, eines der höheren Art, eines, in dem alles von selbst zu laufen scheint, und nicht etwa nur die Beine.

Aber so war es nicht!

Vielmehr auch in Hälfte zwo war es so: Mangelnde Laufbereitschaft, mangelnde Durchsetzungsfähigkeit. Ein weiterer Riesenmangel an: Spritzigkeit, Biss, Demut, Aggressivität, Technik, körperlicher Frische, geistiger Frische, Präsenz, Zielstrebigkeit, Willen, Mannschaftsgeist, individueller Klasse, Körpersprache, Zähigkeit, Verbissenheit, Gier. Wir reden weiterhin von Mangel - einem gigantischen Mangel an: Pressing, Gegenpressing, Raumaufteilung, Flügelspiel, vertikalem Spiel, Spiel mit dem Ball, ohne den Ball, Positionsspiel, Kompaktheit, Zonenaufteilung, Kreativität, Flexibilität, Geschwindigkeit, Ballgenauigkeit, Passgeschwindigkeit, Passabständen, Überzahlsituationen - kurz: ein horrender Mangel an Automatismen. Keine Phase, in der die Mannschaft in einen „Flow“ hineingekommen wäre, was ja nicht nur im Fußball ein Dasein anderer Art ist, eines der höheren Art, eines, in dem alles von selbst zu laufen scheint, und nicht etwa nur die Beine. 

Abpfiff!

Wenn das jetzt alles ein bisschen viel auf einmal ist, kann man sich immerhin damit abfinden, dass Fußball eine menschliche Betätigung von ungeheurer Komplexität ist. Und sobald diese Komplexität nicht im einzelnen zu erklären ist, wird dann eine Niederlage rasch damit erklärt, es habe an Qualität gefehlt.

Welche Erklärungen taugen?

Hinterher ist man immer schlauer. Deswegen stellt sich die Frage, welche Erklärungen zum Ausscheiden der Nationalmannschaft wirklich taugen, zumal es bei der Suche nach den Ursachen nicht an Automatismen fehlt. Je länger man über diese Automatismen nachdenkt, kommt man nicht mehr an dem Gedanken vorbei, dass man bei der Ursachenforschung in einen gewissen Flow hineingeraten ist. Einmal im Flow, ist der Gedankenfluss dann nicht mehr aufzuhalten, und der Redefluss erst recht nicht. Folglich ein einziger, ein Riesenmangel an: Spritzigkeit, Biss, Aggressivität, Technik, Mentalität, körperlicher Frische, geistiger Frische ... 

Ja, gut, man könnte von einer Wiederholung sprechen, der Fußballanhänger kennt das. Das Fußballfernsehen lebt von unzähligen Wiederholungen, warum also auch nicht der Redefluss des Fußballfans? Die eigene Meinung ist dann etwas, was nicht mehr zu erschüttern ist. Go für den Flow. 

Was die Sache kompliziert macht: Im Grunde handelt es sich um eine gegenläufige Denkbewegung. Man muss sich den Flow als einen mentalen Zustand vorstellen, und man kann ihn sich nicht anders vorstellen, als dass vorausschauende Vorurteile sich rückblickend ihre Bestätigung suchen. 

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