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Salman Rushdie

Ein Ausweg aus Trumpistan

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Der Schriftsteller Salman Rushdie über Irrungen und Wirrungen von Wahrheit, Lüge, Literatur und Fake News.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte Salman Rushdie auf der Website des „New Yorker“ einen Kurzessay „Wahrheit, Lügen und Literatur“. Rushdie beginnt mit der großen „realistischen“ Literatur des europäischen 19. Jahrhunderts und endet mit einem überraschenden Vorschlag, wie wir aus Trumpistan hinauskommen können. Nicht zurück zu einer Literatur, die ihren Realismus daher bezog, dass sie sich auf winzige Ausschnitte beschränkte. Bei Dickens zum Beispiel kommt das Empire fast gar nicht vor. Bei Jane Austen fehlen die napoleonischen Kriege nahezu ganz. Diese Art Realismus wurde von so unterschiedlichen Autoren wie Franz Kafka und Gabriel García Márquez gesprengt. Dabei ging es immer darum, „die Wahrheit durch offensichtliche Unwahrheiten hindurch zu sagen und so – wie durch Magie – eine neue Art von Wirklichkeit zu schaffen.“ Der von Rushdie nicht erwähnte französische Autor Louis Aragon nannte das das „Wahr-Lügen“. Er sagte es, als er bereits Kommunist geworden war. Das weist auf eine Untergrundgeschichte des Verfahrens hin, die ihm den Hauch der Unschuld nimmt, die es in Rushdies kurzem Rückblick hat.

Da brach es die einseitigen Erzählungen auf, führte verschiedene Perspektiven zusammen, nahm der Wirklichkeit ihre Selbstgewissheit, alles bekam mindestens einen doppelten Boden. Die Wahrheit war nicht mehr die einfache Wahrheit, sondern ein verwirrendes Konglomerat unterschiedlichster Ansichten, durch die durchzusteigen eine so schwierige Aufgabe war, dass es der ganzen Kunst eines Schriftstellers bedurfte, den Leser dazu zu bringen, ihr womöglich sogar lustvoll nachzugehen.

Das schreibt Rushdie nicht im „New Yorker“. Aber so haben seine Leser seine Romane erfahren. Im „New Yorker“ schreibt er resümierend: „Der Zusammenbruch der überkommenen Auffassungen von der Wirklichkeit ist heute das, was Wirklichkeit ausmacht“, habe er fast sein ganzes schriftstellerisches Leben hindurch erklärt. Die Welt könne „besser als durch die eine Wahrheit durch die Schilderung oft einander widersprechender Erzählungen erklärt werden.“

Jetzt sieht er sich eingeholt von der Wirklichkeit. Die Politik hat das offene Lügen zu ihrem Metier gemacht. Sie wiederholt sie so oft, bis man sich an sie gewöhnt wie an selbstverständliche Wahrheiten. Die Modi-Regierung, die aus Indien, einem Staat vieler Völker, vieler Religionen, ein Hindustan machen möchte, die Brexit-Befürworter, die das Vereinigte Königreich aus Europa brechen möchten und Donald Trump – sie wollen ihre eigene Wahrheit, die der anderen besteht aus Fake News, durchsetzen. Im Namen der Mehrheit.

Doch noch einen Blick auf die Untergrundgeschichte. Hannah Arendt erklärte anlässlich einer Rückkehr nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“ Genau das erleben wir, wenn zum Beispiel in den USA darüber gestritten wird, ob die biblische Schöpfungsgeschichte im Biologieunterricht nicht neben der darwinschen Evolutionstheorie gelehrt werden müsste: als eine andere Meinung über die Entstehung der Menschheit. Die Meinungsfreiheit wird interpretiert nicht als Weg zum Herausfinden von Wahrheit, sondern als Grundrecht auf Wahrheitsleugnung.

Wege zur Wahrheit

Anfang der 80er Jahre hatte die Debatte schon einmal stattgefunden. Selbst an den Universitäten wurde mancherorts die Auffassung vertreten, auf Tatsachen komme es nicht an, sondern auf gute Erzählungen. Rushdies Position war das nie. Seine Erfindungen waren als Schlüssel gedacht, die einem Türen „vor dem Gesetz“, Wege zur Wahrheit, öffnen sollten. Seine Lügengeschichten gaben sich nicht für die Wahrheit aus, sie sollten Blicke auf sie ermöglichen. Aber es gab damals Vertreter der Postmoderne, die glaubten, sich in ihrem Namen lustig machen zu können über die „Wahrheitssucher“, über die, die festhielten an der freilich stets fragilen Unterscheidung von richtig und falsch. Schon damals ging es – das war allen klar – nicht nur um richtige und falsche Sätze, sondern auch um Taten, um Politik. Darum wurde damals viel polemisiert gegen die Postmoderne. Sie wurde in eins gesetzt mit ihrer Extremposition. In Wahrheit führte und führt noch immer kein Weg hinter die Postmoderne zurück.

Sie war freilich nur eine kurze Zwischenetappe auf dem niemals endenden Weg der Aufklärung über den labyrinthischen Charakter der Wahrheit. Sie ist nicht ein für alle Mal festzuhalten. Sie ist aber doch zu unterscheiden von dem, das ihr nur nahekommt und von der Wahrheit, in der die Tatsachenkonstellation, die sie ist, aufgehen wird als nur eine Teilwahrheit.

Wo bleibt die Untergrundgeschichte? Stimmt, Hannah Arendt: „Man kann sagen, dass der Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat – die teuflischste Variante, die man sich denken kann – nämlich: das Wahrlügen.“ Das schrieb die Erforscherin des Totalitarismus lange vor Aragons „Mentir-vrai“, von dem es heißt, es sei eine Prägung Aragons. Der gab einer Schilderung seiner Kinderjahre und dann einem Band mit seinen Erzählungen diesen Titel. Zu einem Zeitpunkt, da er sich wohl dessen bewusst geworden war, wie viel er sich in seinem Leben hatte wahrlügen lassen und auch selbst wahrgelogen hatte.

Das „Wahrlügen“ war womöglich niemals nur eine poetische Praxis gewesen. Schon gar nicht erst eine des 20. Jahrhunderts. Vor den von Rushdie erwähnten großen europäischen Romanen des 19. Jahrhunderts, hatte es die Phantastik der Romantik, des Barock, des Manierismus gegeben. Das Spiel von Sein und Schein ist so alt wie die beiden. Und es war immer – schon Ovids Metamorphosen – auch politisch.

Wenn aber die Politik ästhetisiert, wenn der Staat zum Kunstwerk gemacht werden soll, dann schlägt die Stunde der großen Verbrecher. Die oft – es gibt eine ganze Reihe von ihnen zwischen Nero und Hitler – kleine Künstler sind.

Und Salman Rushdies Vorschlag für einen Ausweg? Ein Blick auf Deutschland! Auf die „Trümmerliteratur“ der ersten Nachkriegsjahre, als deren Autoren „die Notwendigkeit fühlten, ihr Land und ihre Sprache – beide vom Nazismus vergiftet – wiederaufzubauen. Sie hatten verstanden, dass die Wirklichkeit, die Wahrheit ebenso von Grund auf wieder errichten werden mussten wie die zerbombten Städte. Von diesem Beispiel können wir lernen. Wir stehen wieder, wenn auch aus ganz anderen Gründen, inmitten der Trümmer der Wahrheit. Und es liegt an uns – Autoren, Denkern, Journalisten, Philosophen – die Aufgabe anzupacken, den Glauben unserer Leser an die Wirklichkeit, an die Wahrheit, wiederherzustellen. Mit einer neuen Sprache, von Grund auf“.

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