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Neues Dokumentationszentrum

Ausstellung über Flucht in Berlin: Schlüssel der Geschichte

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Die Ausstellung über „Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ verpflichtet zu überfälligen Geschichtslektionen.

Nicht selten ist es der Verlust eines Schlüssels, der einen Menschen aus dem Gleichgewicht bringt. Im urbanen Alltag denkt man sogleich an die kostspielige Dienstleistung von Schlüsseldiensten, im übertragenen Sinn aber verweist das verlorengegangene Stück Metall auf die gefährdete Rückkehr in den sicher geglaubten privaten Raum.

Von Schlüsseln und Verlust ist oft die Rede in den Zeitzeugengesprächen des „Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, das von Mittwoch an nach mehrjähriger Sanierung und einer über zwei Jahrzehnte andauernden kontroversen Diskussion (s. FR. v. 16. u. 18. Juni) freien Eintritt im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof in Berlin gewährt. Wer unverhofft fliehen muss, verknüpft mit dem Schlüssel ganz unmittelbar die Hoffnung auf baldige Rückkehr. Man schließt ab in der Hoffnung, dass niemand unbefugt eintreten möge. Auf der Flucht wird der Schlüssel direkt am Körper aufbewahrt, als müsse man ihn schnell zur Hand haben, wenn man wieder vor der eigenen Haustür steht.

Wenn die Flucht das Ergebnis einer Vertreibung ist, wird der Schlüssel schnell emblematisch. Man ahnt, dass die Zeit der Abwesenheit länger dauert und das Eigene nicht geschützt ist. Als Symbol repräsentiert der Schlüssel nun all das, was man verlassen musste. Viele der rund 700 Gegenstände und Artefakte, die in der Ausstellung des neuen Berliner Dokumentationszentrums gezeigt werden, haben eine derart emblematische Funktion. Im einzigartigen Kleinod scheint das Vergangene auf, ein im Alltag leicht zu übersehener Gegenstand erscheint derart isoliert nun emotional aufgeladen. Ein Schlüssel, ein Milchtopf und ein Waschbrett evozieren alsbald unterschlagene Jahrhundertgeschichten, der Zugang zu sozialen Ausnahmezuständen wie Flucht, Vertreibung, Zwangsmigration und Genozid kann verblüffend einfach und direkt sein.

Dabei war die Geschichte der Ausstellung, an deren Artefakte sich oft hart umkämpfte historische und politische Kontexte knüpfen, zu keinem Zeitpunkt widerspruchsfrei. Neben dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor stieß kein kulturpolitisches Vorhaben in der späten Bundesrepublik auf derart große Ablehnung. Der Verdacht wog auch im benachbarten Ausland schwer, die Deutschen, das Tätervolk, versuchten mit dieser Einrichtung sich eine Opfererzählung zurechtzulegen.

Anstelle von Mutmaßungen

An die Stelle von Mutmaßung und Unterstellung ist nun die Gelegenheit zur Anschauung getreten. Schon möglich, dass die inhaltliche Gewichtung von Vertreibung, Umsiedlung und ethnischen Säuberungen in anderen Ländern im Verhältnis zur thematischen Konzentration auf die Vertreibungserfahrungen der Deutschen noch immer Fragen aufwirft. Deutlich wird nun aber auch, wie sehr die von Vorwurf, Verdacht und Verletzung geprägten Diskussionen der Konkretion ermangelten.

Die r Ausstellung jedenfalls ist penibel darum bemüht, die Entstehung falscher Pathosgefühle zu vermeiden. In der roh-nüchternen Raumarchitektur sieht man sich vor beinahe jeder Vitrine dazu aufgerufen, sich auf eine überfällige Geschichtslektion einzulassen. Wer die innere Verpflichtung abwehrt, doch bitte einmal etwas genauer hinzusehen, wird diesen Ort schnell wieder verlassen. Wer die Einladung zum Erkenntnisgewinn jedoch anzunehmen bereit ist, wird reich belohnt mit historischer Orientierung und geschichtspolitischen Deutungsangeboten.

Ein kulturelles Unbehagen ist die konstitutive Voraussetzung für diese Kapitel gesellschaftspolitischer Aufklärung, das konzeptionell keinesfalls abgeschlossen ist. Gundula Bavendamm, seit dem Jahr 2016 Direktorin der Bundesstiftung, hat sich die Formel „Verstehen, was Verlust bedeutet“ zum Leitmotiv ihrer Arbeit gemacht. Allein in den fünf Jahren von Bavendamms Amtszeit hat sich die Lage in den verschiedenen Regionen der Welt, in der Flucht und Vertreibung für Millionen Menschen zur alltäglichen Erfahrung geworden sind, auf dramatische Weise zugespitzt. Anhand der weltweiten Migrationsbewegungen mag es noch immer paradox erscheinen, sich derart intensiv einer nationalen Geschichte von Siedlungspolitik und Zwangsmigration zu widmen.

Trotz aller berechtigten Zweifel zeigt die Ausstellung aber auch, dass geschichtlicher Erinnerung keinem rückwärtsgewandten Selbstzweck dient, sondern das Material zur Bewältigung der Gegenwart bereithält. Die Bewegung der Menschen von hier nach da ist ein Kernthema unserer Zivilisation. Wie Zwang und Gewalt sich auf sie auswirken, wird nun im besten Sinne beispielhaft in Berlin gezeigt.

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