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Der ausrangierte Spielautomat wird in Ricarda Roggans äußerst malerischer Fotografie zu einem surrealen Monstrum, Artefakt aus vergangenen Zeiten.
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Der ausrangierte Spielautomat wird in Ricarda Roggans äußerst malerischer Fotografie zu einem surrealen Monstrum, Artefakt aus vergangenen Zeiten.

Fotografie

Ausgediente Traummaschinen

  • VonIngeborg Ruthe
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Zurück in die Zukunft: Ricarda Roggan fotografierte in verlassenen Spielhallen auf Zypern.

Willkommen im Reich des Surrealen. Dies hier war einmal ein Ort der Illusionen. Aus der Galerie Eigen + Art wird durch großeFotos an der Wand eine Spielhalle mit einst farbschillernden, lärmenden, nun aber stummen, wie toten Automaten. Wer auf diesem Ledersitz, vor diesem Lenkrad, an diesem Schalthebel Platz nahm, glaubte sich in einem Flugzeug hoch über den Wolken – oder hart auf der Erde, in einem Ferrari. Er war, solange die Moneten für den gierigen Zahlschlitz in der Maschine reichten, Pilot auf der Formel-1-Rennstrecke in Monza, Silverstone oder sonstwo. Und er siegte, siegte, siegte. Bis, wie gesagt, das Kleingeld alle war.

Überdeutlich lässt sich an diesen handfesten Simulationsmaschinen noch ablesen, wozu sie einst dienten. Sie wurden nach menschlichem Körper-Maß konstruiert, ohne jedoch dem Menschlichen wirklich angemessen zu sein. Sie bedienten ihre Benutzer einst mit einer – körperlichen – Erfahrung, die in Wirklichkeit keine war. Das, was von der Illusion blieb, die erloschenen Monitore, die Ledersitze, das ganze bunte Metall hat die Leipziger Fotokünstlerin Ricarda Roggan, 40, auf Zyperns griechischem Teil in einer verlassenen Spielhalle vorgefunden und ohne Hast, man kann auch sagen, mit verzögerter Zeit, aufgenommen.

Kompakte Simulationsapparate

Unter Schichten von Staub fand die seit ihrem Studium Ende der Neunzigerjahre nach beredten Spuren des Vergangenen Suchende diese kompakten Simulationsapparate. Einst verkauften die Apparaturen an Jugendliche oder nicht erwachsen Gewordene Träume. Aber das ist lange her, wahrscheinlich zehn, zwanzig Jahre. Der Ort scheint vergessen, und mitten in der griechischen Generalkrise hat niemand für die alte Halle einen Plan. Nur die Fotografin, die hatte einen für diese von der rasanten Zeit und ihren neuen Moden, Spaßmaschinerien und digitalen Reizen nicht mehr gemochten Spielzeuge.

In Set/Reset, wie Ricarda Roggan ihre Fotoserie nennt, spielt sie auch mit der Fiktion, Zeit verschieben zu können – etwa dem mit der Fotografie möglichen „Zurück auf Start“. Erscheinen die Simulationsautomaten wie vergessene Requisiten eines 60er-Jahre-Science-Fiction, als die Zukunft noch eine technologische Verheißung war, ein Versprechen, dass der Mensch die Natur samt ihrer Gesetze bald perfekt beherrschen könne, so wirken die mit Bauplanen verhangenen Räume von Set dagegen wie Stills aus dem Land der letzten Dinge. Die Künstlerin hat, nachdem sie die handfesten Spielmaschinen in wie gemalten Bildern aufnahm, die Halle für weitere Bilder „inszeniert“. Sie verwandelte die Architektur mit durchsichtigen Folien in prismatisch spiegelnde Gehäuse des eigentlich Unsichtbaren.

Auf einmal werden die verlassenen, leeren Spielhallen zu eisblauen, magisch-rätselhaften Nicht-Räumen. Die Zeit erscheint wie eingefroren oder konserviert. Die Präzision und Konzentration von Roggans Fotografien besagt, wie sehr sie noch die kleinste Beiläufigkeit inszeniert und jeder Zufall ein nur scheinbarer ist.

Leere Räume und funktionsloses Inventar

Roggan zeigt, wie die Zeit an diesen Apparaten, die doch einstmals die Zeit durch das Vorgaukeln von Geschwindigkeit für Momente ausschalteten, spurlos und gleichgültig vorüberging. Nun sind sie funktionslos, ohne Ziel. Das passt bestens ins Fotoprogramm der Leipzigerin, die mit Leidenschaft seit Jahren leere Räume und funktionslos gewordenes Inventar fotografiert und daraus denkwürdige, melancholische, gespenstische, ja, surreale fotografie-malerische Skulpturen schafft. Eine gewisse Verwandtschaft zu den Surrealisten drängt sich auf. Und doch ist hier etwas ganz Entscheidendes anders als bei den Traumbildmalern der Moderne. In deren Bildern schlummert das Übernatürliche im Unbewussten. Ihr Surrealismus stellt eine (alb)traumhafte Über-Wirklichkeit vor, das Bildpersonal besteht immer aus Fantasie-Gestalten, überrealistisch dargestellt in einer unrealen Welt. All diese Begegnungen und Konstellationen sind fiktiv.

Roggans „Modelle“ hingegen sind real. An diesen Apparaten, in diesen Räumen vergnügten sich einst Menschen, Touristen, einheimische Jugendliche. Hier wurde viel Geld verdient. Die penibel abgebildete Mechanik der Maschinen freilich hält der Überprüfung ihrer Tauglichkeit nicht stand.

Den Fotografien der Leipzigerin wohnt eine große Neugier, aber eine mindestens ebenso große Skepsis inne: Misstrauen gegenüber allem Fortschrittsglauben, Traurigkeit im Rückblick auf das Inventar einer gescheiterten Ära. Ihre Bildmotive wirken wie Skulpturen, die vom Sein hinterm Schleier der Dinge erzählen. Resignation? Nein, es kommt immer etwas Neues.

Galerie Eigen + Art, Auguststraße 26 (Mitte). Bis 10. März, Di–Sa 11–18 Uhr.

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