Andererseits wird alles, was mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat, derzeit im Illustrationsgewerbe intensiv vermenschlicht und ist voll mit Augen, Gesichtern und Händen.
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Andererseits wird alles, was mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat, derzeit im Illustrationsgewerbe intensiv vermenschlicht und ist voll mit Augen, Gesichtern und Händen.

Update

Augenlose Telefone

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Der Mensch sieht gern in allem ein Gesicht - in den Wolken, im Mond, auch im PC. Warum nicht im Smartphone?

Seit den 1950er Jahren haben Computer in Handbüchern und Karikaturen Augen. Diese Augen bestehen, für Jüngere vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar, aus Magnetbandspulen. An den realen Geräten waren diese Spulen sichtbar und oft ungefähr in Augenhöhe angebracht. Der Begriff „Pareidolie“ beschreibt den menschlichen Hang, überall Strukturen hineinzusehen, also Tiere in Wolken und Gesichter in alles, was dazu den geringsten Anlass gibt – zum Beispiel in den Mond. Vielleicht ist es ein Nebeneffekt der Pareidolie, dass alles, was zwei ganz entfernt augenähnliche Elemente hat – Scheinwerfer, Löcher, Schrauben, zufällige Flecken – Grafikerinnen und Grafiker zwingt, es beim Zeichnen mit einem kompletten Gesicht auszustatten.

Im Laufe der 1970er verschwinden die Magnetbänder aus dem Computeralltag und damit auch die Magnetbandaugen aus den Abbildungen. Die neueren Geräte haben Röhrenmonitore, und diese Monitore zeigen auf vielen Zeichnungen freundliche, wenn auch manchmal etwas grob gepixelte Gesichter. Es ist leicht, den klobigen und auch wieder in menschlicher Augenhöhe angebrachten Monitor als den Kopf des Computers zu deuten. Da der Mensch den Monitor anschaut, wirkte es offenbar naheliegend, den Monitor zurückblicken zu lassen. Schließlich findet zwischen Mensch und Gerät irgendeine Art von Kommunikation statt.

Für Computer war es also lange Zeit normal, ein Gesicht zu haben. Aber warum sind Handys immer augenlose Geräte gewesen? Brauchen vor allem große Geräte, die anfangs bedrohlich wirken, eine Darstellungsstrategie, die sie harmloser und menschlicher aussehen lässt? Vielleicht sind Augen aber auch wegen der wachsenden Aufmerksamkeit für Fragen der Überwachung nicht mehr so beruhigend, wie sie früher einmal waren. Smartphones und Tablets haben im Unterschied zu den Computern von früher tatsächlich visuelle Wahrnehmungsorgane auf der Vorder- und Rückseite. Sie erfassen auf verschiedenen Kanälen eine Fülle von Daten und leiten diese Daten an Unternehmen und staatliche Organisationen weiter. Darauf auch noch hinzuweisen, indem man Handyabbildungen mit Augen versieht, führt wahrscheinlich nicht dazu, dass das Gerät besonders harmlos und niedlich wirkt.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Andererseits wird alles, was mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat, derzeit im Illustrationsgewerbe intensiv vermenschlicht und ist voll mit Augen, Gesichtern und Händen. Grundsätzlich scheint das Anbringen von Gesichtern an Geräten also nicht aus der Mode gekommen zu sein. Womöglich hängt die Augenlosigkeit der Telefone eher damit zusammen, dass sie lange Zeit reine Ohrengeräte waren und wenig mit dem menschlichen Blick zu tun hatten. Seit den 1960er Jahren gibt es ein Telefon mit Rädern von Fisher Price, das Kinder an einer Schnur hinter sich herziehen können. Dabei wackelt es mit den Augen, die an seiner Vorderseite angebracht sind, unterhalb der Wählscheibe. Abgesehen von diesem Sonderfall war es offenbar nicht üblich, Festnetztelefone mit Augen darzustellen. Auch die Handys der 1990er Jahre waren Geräte fürs Ohr und nicht fürs Auge. Wenn das Smartphone nicht von einem Mobiltelefon, sondern von einem Minicomputer mit Bildschirm abstammen würde, hätte es wahrscheinlich im Werbe- und Informationsmaterial ein Gesicht bekommen. Als sich mit wachsender Beliebtheit der SMS und schließlich mit dem Aufkommen von Smartphones die Gewohnheit ausbreitete, das Handy anzusehen, anstatt es ans Ohr zu halten, war das Gerät vielleicht schon so weit in den Alltag integriert, dass die Darstellung mit Kulleraugen zur Beruhigung skeptischer Zielgruppen nicht mehr nötig schien.

Geräte, die so neu sind, dass sie noch gar nicht existieren, sind oft im Design besonders stark an Lebewesen angelehnt: Vor der Entwicklung des Autos meldeten einige Erfinder dampfgetriebene mechanische Pferde zum Patent an, und frühe Staubsaugeroboter sahen aus wie Dienstmädchen mit Schürzen (konnten aber viel schlechter, in den meisten Fällen überhaupt nicht staubsaugen). Bis so ein Gerät dann eines Tages tatsächlich existiert und funktioniert, nimmt es eine sehr wenig an Menschen oder Pferde erinnernde Form an. Vielleicht handelt es sich bei der Darstellung von Geräten mit Augen gar nicht um eine Konstante in der Menschheitsgeschichte, und in einer fernen Zukunft werden Neuerungen direkt als gesichtslose Rechtecke beworben. Jedenfalls so lange, bis wirklich jemand ein mechanisches Pferd erfindet.

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