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Masha Gessen bei der ersten russischen LGBT-Parade in den USA, Brighton Beach Boardwalk, 2017.

Masha Gessen

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Die US-amerikanische und russische Welterklärerin Masha Gessen erhält heute den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. 

Masha Gessen wurde am 13. Januar 1967 in Moskau in eine aschkenasisch-jüdische Familie hineingeboren. 1981 zog sie mit ihrer Familie in die USA. 1991 ging sie als Russlandkorrespondentin wieder nach Moskau. Gessen hat die russische Staatsbürgerschaft und die der USA. 2013 floh sie aus Moskau nach New York. Es wurde immer lauter damit gedroht, homosexuellen Paaren die Kinder wegzunehmen. Masha Gessen schreibt für die wichtigsten amerikanischen Tageszeitungen und Magazine. Masha Gessen ist Autorin von neun Büchern. Ihr jüngstes, „Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“ (Suhrkamp, vgl. FR v. 17.1.), erhielt 2017 den National Book Award. Am heutigen Mittwoch wird sie im Gewandhaus für dieses Buch mit dem „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ ausgezeichnet. Die Leipziger Buchmesse zeigt mit der Auszeichnung Gessens wieder einmal, dass es ihr bei der Verständigung ganz wesentlich ums Verstehen geht. Gessens große Begabung ist es, uns verständlich zu machen, was uns fremd ist.

Es gibt einen winzigen, wunderbaren Artikel von ihr aus dem Jahre 2004. Darin beschreibt sie ihre jüdische lesbische Hochzeit. Sie erzählt darin auch, wie die Kinder und die Ehe ihr Leben veränderten. Sie zieht nicht mehr nächtelang durch die Bars auf der Suche nach dem nächsten Flirt. Sie genießt die Vertrautheit, die Beständigkeit, wie sie zuvor das Fremde und den Wechsel genoss. Sie und ihre Gattin kümmern sich um die Kinder, treiben sich auf Spielplätzen herum, gehen ins Kindertheater. „Wir waren keine Lesben mehr“, schreibt sie. Sie meint damit, dass sie sich jetzt als „husband“ und „wife“ betrachten. Früher zuckte sie zusammen, wenn das gleichgeschlechtliche Partner voneinander sagten.

Masha Gessen nimmt das Politische persönlich, und das Persönliche nimmt sie politisch. Das ist ihre große Stärke. Die Entschlossenheit, die Kompromisslosigkeit, mit der sie es tut, macht sie zu einer der großen Autorinnen unserer Zeit.

Eines ihrer leider noch nicht ins Deutsche übersetzten Bücher heißt „Blood Matters: From Inherited Illness to Designer Babies. How the World and I Found Ourselves in the Future of the Gene“. Ausgangspunkt des Buches ist ein Gendefekt, den sie von ihrer Mutter geerbt hat. Er führt zu Brustkrebs. Gessen schildert ihr gespanntes Verhältnis zu ihrer Mutter, ihr Gefühl, dass sie nichts mit ihr gemein hatte, und dann das. Aber das ist nur – nein nicht „nur“ – der Ausgangspunkt. Dann geht es, ohne ihn jemals aus den Augen zu verlieren, über Reproduktionstechniken, über Leiber und Liebe, über Zugehörigkeits- und Fremdheitsgefühle. Über die Notwendigkeit von Distanz und Nähe. Es gibt keine Verständigung ohne Verstehen.

„Wie die Welt und ich uns fanden...“ darum geht es. Und es geht nur zusammen. Die Reise nach innen muss eins werden mit der in die Welt. Die Welt lässt sich auch nicht begreifen, wenn man seinen eigenen Ort in ihr nicht erkennt. Das ist die Botschaft eines jeden Buches von Masha Gessen, eines jeden noch so kleinen Artikels. Ich weiß nicht, ob es eine Bekenntnisschrift von ihr gibt, in der sie das ausführt. Ich weiß nur, dass das Prinzip ist, die Triebfeder, der Treibstoff, der jeden ihrer Sätze beflügelt.

Merkwürdige Metaphern? Eine der zentralen Figuren ihres „Non-fiction“-Romans „Die Zukunft ist Geschichte“ ist die 1984 geborene Masha. Ihre Großmutter war Raketenspezialistin. Sie arbeitete an dem sowjetischen Raumschiff „Buran“ (Schneesturm). Ihre Aufgabe war die Entwicklung des Mechanismus, mit dessen Hilfe die Crew die Tür des Raumschiffs nach der Landung hätte öffnen können. So weit kam es nie. Das Programm wurde nach einem einzigen unbemannten Flug abgebrochen. Der Sowjetunion waren die Mittel ausgegangen.

In „Die Zukunft ist Geschichte“ analysiert sie die letzten Jahrzehnte der russischen Geschichte, in der es ein paar sehr kurze Jahre lang so aussah, als habe Russland – endlich – die Geschichte hinter sich und eine Zukunft vor sich. Eine Illusion. Eine Illusion vor allem der russischen Intelligenzija, deren Lage die unglaublich scharfsichtige Masha Gessen bereits 1997 mit brutaler Lakonie als „dead again“ (wieder mal tot) beschrieben hatte. Das Buch erschien auch auf Deutsch. Allerdings mit dem weniger treffgenauen Titel „Auf den Erfolg unserer hoffnungslosen Mission“.

Überhaupt die Übersetzungen. Auch der Titel ihres neuesten Buches wurde für die deutsche Fassung entschärft. Der englische lautet: „The Future Is History. How Totalitarianism Reclaimed Russia.“ Auf der Überfahrt nach Deutschland ging der Totalitarismus verloren. Das ist ein Zugeständnis an ein Publikum, das vor einem halben Jahrhundert beschloss, Totalitarismus habe es niemals gegeben, der Begriff sei nichts als eine Erfindung eiskalter Krieger, die dem Sozialismus am Zeug flicken wollten.

Das ist das eine. Das andere ist, „wie Russland die Freiheit gewann und verlor“. Das ist schön gesagt. So wird eine Erzählung angekündigt. „Die Zukunft ist Geschichte“ ist eine Erzählung. Alles, was Gessen anfasst, wird eine Erzählung. Aber niemals verzichtet sie auf Begriffe. Die harten, die widerspenstigen, die sperrigen sind ihr die liebsten. „Totalitarismus“ ist so einer. Er ist das Leitfossil einer Epoche, die wir in der Vergangenheit wähnen.

Masha Gessens Buch zeigt, dass, wie die Zukunft ein kurzer, längst vergangener Moment war, die Vergangenheit mit all ihren Gespenstern – wären es doch nur Gespenster! – danach drängt, die Zukunft zu sein. Wladimir Putin ist der Agent dieser Vergangenheit. Er will aus Russland wieder eine Großmacht machen. Dafür richtet er es und seine Menschen zugrunde.

Donald Trump, der „Amerika wieder groß machen“ möchte, ist das transatlantische Echo dieser Stimme, dieser Stimmung. Masha Gessen hat das in einer Reihe von Artikeln über das Verhältnis der beiden Lügner beschrieben, die sich darin völlig einig sind, dass die Zukunft in der Vergangenheit liegt und dass die Gegenwart betrogen gehört.

Was ist der Beitrag der US-Amerikanerin und Russin Gessen zur europäischen Verständigung? Sie hat sich nicht darum gekümmert, dass Deutsche und Franzosen oder gar Polen und Russen mehr Verständnis füreinander haben. Sie versteht Putin – sie hat ein großartig wütendes Buch über ihn geschrieben –, aber gerade darum bringt sie kein Verständnis für ihn auf.

Wer Verständnis für Putins Trauer um den verlorenen Weltmachtstatus aufbringt, wer bereit ist, mit ihm den Zusammenbruch der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts zu empfinden, der hat die Lage nicht nur nicht verstanden. Er weigert sich, die Augen zu öffnen, um die Welt zu sehen, wie sie ist.

Masha Gessen öffnet uns die Augen. Nicht uns Russen, nicht uns Amerikanern, auch nicht uns Europäern. Sie öffnet sie uns Menschen, die wir eingebettet sind in unsere Umgebung, in unsere Körper. Wir haben nur eine Chance, wenn wir uns das klarmachen. Dabei hilft uns Masha Gessen.

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