Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Wer hat sich Fernsehen so Aufregendes getraut, dass es einen in den Sessel zwang?
+
Wer hat sich Fernsehen so Aufregendes getraut, dass es einen in den Sessel zwang?

Fernsehrückblick 2009

Aufsteigende Hitze

  • VonJörg Thadeusz
    schließen

Wem ist im Fernsehjahr 2009 etwas Tolles eingefallen? Welcher Sender hat sich etwas Aufregendes getraut? Markus Lanz, Guido Cantz und weitere Coups im deutschen Fernsehen. Von Jörg Thadeusz

Er musste auf den Balkon gehen. Ins Kalte. Sich neben die Blumenkästen mit den Tulpenzwiebeln stellen, denen der Frankfurter Frost bereits jedes Leben genommen hatte. Der Hesse suchte die Kühle, weil ihn das Fernsehen zu sehr erhitzt hatte. Vielleicht müsste man sogar von Erregung sprechen. Aber der Mann ist bereits 44 Jahre alt. Wissenschaftlich ist kaum auszuschließen, dass nicht auch der Mann unter abgeschwächten Erscheinungen einer Phantom-Menopause zu leiden hat. Nehmen wir aber an, es war keine alterstypische Wärmewelle: Dann hat tatsächlich das Fernsehen seine einstige Heißblütigkeit wieder aufbrodeln lassen. Die Dame, wegen der sich seine Atemwolken auf dem Balkon zu Herzchen formten, heißt Linda Zervakis. Sie präsentiert als Vertretung das "Nachtmagazin" der ARD.

Die charaktervolle Linda

Eine junge Frau, die, anders als andere Nachrichtendamen, nicht auf diese Art schön ist, wie Yorkshire-Terrier süß sind. Man möchte ihr schlicht kein Schleifchen ins Haar binden. Ihr legt niemand vor der Nachtschicht ein Butterbrot in die Box. Sondern sie geht nach dem "Nachtmagazin" tanzen. Oder singen. So hört sich jedenfalls ihre Stimme an.

Für die ARD präsentiert sie auch die "Klimaschau" im Netz. Man sieht die Redakteure, die auch dieses Unding wieder sehr gut gemeint haben, förmlich bei mäßigem Gebäck im Kreis sitzen. Am Ende dieser ausführlichen Überlegungen sitzt dann die charaktervolle Linda mit einem Computer auf den Beinen (wirkt jung!) und ist über ein mangelhaftes Bildtelefon (wirkt noch jünger!) mit einem Klimawissenschaftler verbunden. Damit ist das Fernsehjahr schon beinahe zusammengefasst.

Selbstverständlich gibt es nicht nur im Bundeskabinett junge Leute, denen einiges zuzutrauen ist. Also gutaussehende Figuren, die für "Bunte"-Homestories mindestens so neckisch auf dem Sofa liegen können, wie die neue Familienministerin Kristina Köhler.Aber wem ist denn in diesem vergehenden Jahr etwas Tolles eingefallen? Vor allem: Welcher Sender hat sich etwas so Aufregendes getraut, dass es uns Zuschauer förmlich in die Sessel zwang? Von den Privatsendern erwartet das kaum jemand. Die haben genug damit zu tun, die Unterhaltungsbedürfnisse derjenigen zu befriedigen, die schon glücklich glucksen, wenn Frauen getauscht und Bauern mit Bäuerlichen verkuppelt werden. Sat.1 hat Johannes B. Kerner gekauft und den Pocher auch, na toll. Aber was ist mit den anderen? Was ist mit uns? Denn schließlich sitze ich als wohlgenährte Amsel auf einem öffentlich-rechtlichen Ast, während ich hier zwitschere. Ist wirklich alles, was es an erzählenswertem Alltäglichen gibt, mit 1254 (!) Folgen "Lindenstraße" ausreichend besprochen?

Mit Guido Cantz hat das ARD-Totenschiff "Verstehen Sie Spaß?" einen neuen Kapitän, welchen Unterhaltungs-Coup gab es sonst noch?Und auch wenn es schon tausendmal bemotzt wurde: Ich sähe im Ersten selbst am Samstagabend die steinernste Darfur-Dokumentation tausend Mal lieber, als dass ich über Hansi Hinterseer zusammenschrecke, der sich wie narrisch über mein Zugucken freut, nur weil ich nicht schnell genug an der Fernbedienung war.

Dabei ist in diesem Jahr in der ARD an unerwarteter Stelle der öffentlich-rechtliche Zement aufgebrochen, und Glamour kam zum Vorschein. Die "Tagesthemen"-Moderatorin Caren Miosga führte mit einer solchen Nonchalance und Süffisanz durch den Wahlabend, als hätte es den kläglichen Wahlkampf nicht gegeben. Sie parlierte unkrawattig und mörserte Beamtensprech mit kraftvollen Fragen. Weil in Fernsehzusammenhängen immer übertrieben wird und weil Frank Plasberg jede Woche behauptet, bei ihm würde Politik statt auf Frank auf die gesamte Wirklichkeit treffen, behaupte ich an dieser Stelle: Hier ist eine neue Ära angebrochen.

Schließlich ist vieles möglich. Wasser kann aufwärts fließen, Fußballer wie Thomas Hitzlsperger kundiger über Literatur sprechen als Individuen, die dafür in Kulturfernsehgold aufgewogen werden. Vielleicht kann irgendwann in Deutschland auch einfach nur Schnee fallen, ohne dass nicht ein aufgeregter Ansager in irgendeinem "Morgenmagazin" davon spricht, die "Gefahr", also die Schneewolken, sei im Südwesten noch "nicht ganz gebannt". Wie sehr doch möglich ist, was unmöglich scheint, beweist das ZDF. Auch wenn der CDU-Ministerpräsident Koch am Ende des Jahres regelrecht darum gebettelt hat, man möge doch die nächste Soprano-artige Serie über Organisierte Kriminalität mit einer Verbrecherfigur nach seinem Vorbild konzipieren. Das ZDF setzt ganz offensichtlich nicht mehr nur noch auf die Zuschauer, die spätestens in 15 Jahren durch Versterben an weiterem Fernsehen gehindert werden. Plötzlich darf Robbie Williams auf "Wetten dass..?" hinweisen. Vor Angst schlotternde Redakteure, die auf ein solches Vorhaben mit dem Satz "O Gott, wer kennt denn diesen Engländer?" reagieren würden, kenne ich persönlich.

Markus Kavka, der beim Musikfernsehen zu einer überaus erfreulichen Moderatorenpersönlichkeit reifte, wurde immerhin für ein ZDF-Tochterprogramm gewonnen. Sobald sich der sehr gut frisierte Markus Lanz mit seinem Versandhaus-Charisma für noch höhere Aufgaben empfohlen hat, könnte sich der neugierige Interviewer Kavka vielleicht auch häufiger nach dem "heute-journal" sehen lassen.

Die hinreißende Martina

Für eine ZDF-Großtat werde ich mir aber bei der Silvester-Party durchgängig ein Auge zuhalten und durch immer größere Gaben von Sekt die Imagekampagne des Zweiten nach Jahren zu verstehen versuchen: für die bald wöchentliche Ausstrahlung der "Heute Show". In einem Land, in dem Dirk Niebel (FDP) und Rainer Brüderle (FDP) als ministrabel gelten, ist nämlich keineswegs der Journalismus, sondern die Satire die vierte Gewalt im Staat.

Der Moderator Oliver Welke hat durch sein Aufwachsen in der ostwestfälischen Einöde (Harsewinkel) genug Schmerzerfahrung, um auch dann noch lächeln zu können, wenn es besonders weh tut. An seiner Seite die Parodistin Martina Hill. Die ist mit "hinreißend" nur unzureichend beschrieben. Sobald ich sie im Fernsehen wieder sehe, werde ich danach auf den Balkon treten müssen, um mich wieder kühl zu atmen. Sie kann keine Garantin für ein frohes, neues Jahr sein. Aber lustig wird 2010 mit ihr auf jeden Fall.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare