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Verehrter Homo sapiens, welches das Menschen- und welches das Affenskelett ist, müsste klar sein.

Danuvius guggenmosi

Aufrechter Gang: Der weitläufige Verwandte

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Die sensationelle Entdeckung des Allgäuer Menschenaffen lässt erneut über den Nutzen und Nachteil des aufrechten Gangs nachdenken.

Damals bereits Lebewesen, die für ihre Verhältnisse vollkommen ungewöhnlich unterwegs waren. Sicherlich ziemlich wackelig, aber wie auch anders? Man musste ja erst mal einigermaßen auf die Beine kommen. Ausprobiert wurde die neue Form des Fortkommens in flacheren Gewässern. Wohl so, watend, begann der aufrechte Gang, wobei dieses „Damals“ sehr weit zurückliegt, Jahrmillionen Jahre.

Seitdem läuft der Vorläufer des Menschen auf zwei Beinen, was wir Nachfahren uns sicherlich besser vorstellen können als eine Zeitspanne von fünfeinhalb, sechs, sieben Millionen Jahren. Wohl auch deswegen hat ein Forscher wie der Frankfurter Paläobiologe Friedemann Schrenk in einem seiner zahllosen Beiträge über die Urszene des aufrechten Gangs von „damals“ gesprochen, so vage wie geheimnisvoll.

Man könnte auch von, mystisches Wort, Urzeiten sprechen. Oder, wissenschaftliches Wort, vom Neogen. Es war eine Zeit, in der beispielsweise Wale ganz unterschiedliche Formen annahmen, doch nicht nur in der Tierwelt tat sich etwas, erhebliche Veränderungen auch in der Pflanzenwelt, und ohne dass man es heute noch ohne weiteres sehen könnte, sank der Meeresspiegel dramatisch. Was aber geschah unter den – sicherlich nicht unmittelbaren – Vorfahren, aber – auf jeden Fall – den Vormenschen?

Soweit wir seit ein paar Tagen übersehen können, liegt seine Aufrichtung womöglich nicht nur sechs, sieben Millionen Jahre zurück, sondern eher elfeinhalb Millionen Jahre, wie ein Forscherteam um die Tübinger Paläontologin Madelaine Böhme soeben bekanntgegeben hat. Mit ihren Ergebnissen, die auf Untersuchungen zwischen 2015 und 2018 im Alpenvorland zurückgehen, ist Böhme in der Zeitschrift „Nature“ an die Öffentlichkeit gegangen (s. FR v. 8. November) – seitdem spricht nicht nur die Forscherin selbst von einer Sensation. Denn in der Tongrube „Hammerschmiede“, an einem Bachlauf im Allgäu, fand das Team des Tübinger Senckenberg Zentrums die versteinerten Fossilien einer bislang unbekannten Primatenart vor. Die Entdeckung des Danuvius guggenmosi genannten Affen, der vor 11,62 Millionen Jahren lebte, datiert Belege für den aufrechten Gang um mal eben sechs Millionen Jahre vor – noch dazu in einen anderen Raum. Bisherige Nachweise stammten aus Afrika, aus Kenia, bzw. Kreta.

„Dass sich der Prozess des aufrechten Gangs in Europa vollzog, erschüttert die Grundfeste der Paläoanthropologie“, sagt Böhme selbstbewusst. Wie sehr nicht nur ein Insiderkreis in Unruhe versetzt worden ist, sondern eine weit größere Öffentlichkeit (Moment mal jetzt!) wuschig geworden ist, zeigt eine Zeitungsüberschrift: „Erster gehender Mensch war Europäer“ (FAZ). Die Belege, die Böhme ausgebreitet hat, zeigen dagegen Reste eines Menschenaffen, 37 Einzelfunde, zusammen etwa 15 Prozent eines Skeletts, wobei insbesondere eine S-förmige Wirbelsäule, Brustwirbel, X-Beine, ein stabiles Fußgelenk sowie die große Zehe an einem Greiffuß für ein Lebewesen sprechen, das sich auf nur zwei Beinen aufrichten konnte.

Was heißt das für den Stammbaum des Menschen, den ein Charles Darwin nicht (erst) neu pflanzen musste, dessen Wurzeln er vielmehr freilegte, als er dem Menschen absprach, ein Ebenbild Gottes zu sein. Anstelle des biblischen Weltbildes etablierte Darwin die wissenschaftlichen Belege für die Abkunft des Menschen aus dem Geschlecht der Affenmenschen. Die Reaktionen waren wahrhaftig nicht so entspannt oder lustig, wie sie Wilhelm Busch beschrieb, als er über die herablassende Arroganz am Biedermeier-Stammtisch spottete: „Das mit dem Darwin wär’ gar nicht so dumm“.

Brustwirbel der Primatenart Danuvius guggenmosi.

Über Darwins grundstürzende Erkenntnis, über seine evolutionäre Beweiskette hinaus kam eine Spekulation hinzu. Schon 1871, als Darwin sein bahnbrechendes Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ veröffentlichte, vermutete der Autor die Wurzeln (die Wiege) der Menschheit in Afrika – allerdings wurden fossile Hominiden lange Zeit ausschließlich in Europa und Asien freigelegt, 1856 in der Nähe von Düsseldorf, Neandertal genannt, 1891 auf Java. Die Skelettreste auf Java wurden fortan als das Zwischenglied zwischen dem Menschenaffen und dem Menschen angesehen. Die Entdeckung des Arztes Eugen Dubois ging als „Homo erectus“ in die Geschichte der fossilen Überlieferungen ein – nur der fossilen Funde? Vielmehr in die Geschichte der Menschwerdung, darunter die Etappe des „aufrecht gehenden Affenmenschen“, von dem jetzt auch Böhme spricht: „Danuvius war ein Menschenaffe.“

Reste, die Ende der 1920er Jahre, 40 Kilometer entfernt von der alten Metropole im Reich der Mitte gesichert wurden, ließen vom „Peking-Menschen“ sprechen, einem Lebewesen rund 400 000 bis 780 000 Jahre vor heute. Seit rund hundert Jahren hat das Auffinden fossiler Funde die Geschichte der menschlichen Evolution um immer wieder neue Facetten bereichert, nicht zu vergessen, als 1907 südöstlich von Heidelberg ein Unterkiefer freigelegt wurde, das Körperteil eines rund 200 000 bis 600 000 Jahre alten Vorfahren, der fortan als „Homo heidelbergensis“ einen festen Platz in der Fundgeschichte des Frühmenschen hat.

Wenn noch vor hundert Jahren die Sensationsfunde aus Europa, Südostasien, China stammten, so verlegte sich der Fokus seit den 1920er Jahren auf Afrika, zunächst auf Südafrika. In einem Steinbruch hatten Arbeiter einen Kinderschädel freigelegt, zwei Millionen Jahre alt. Mit „Lucy“, benannt nach einem Skelett teil, das in den 1970er Jahren in Äthiopien entdeckt wurde, veränderte sich der Zeithorizont erneut gewaltig, wurde doch ein Alter von 3,2 Millionen Jahren nachgewiesen.

Afrika also - nun das Allgäu. Die philosophische Anthropologie hat sich mit der Frage nach den Fundorten nie groß abgegeben, warum auch, es ging ihr um die Frage, welchen Einfluss Körperhaltungen auf nicht nur körperliche Zustände haben, sondern auch auf emotionale. In sich zusammengesunkene Personen, Versuchspersonen haben es vorgemacht, reagieren weniger selbstbewusst, Personen, Versuchspersonen, die nach unten blicken und nicht nach oben oder geradeaus, wirken von vorneherein hilflos, erst recht gilt das in freier Wildbahn. Man muss nicht in der Savanne dabei gewesen sein, um eine solche Schlussfolgerung plausibel zu finden – und natürlich prekär, denn für die philosophische Anthropologie ist der Mensch äußerst misslicher Natur, nicht instinktsicher, ohne Waffen gegenüber einem wilden Tier hilflos, sobald etwas Unvorhergesehenes eintritt oft kopflos. Der Mensch ist ein Mängelwesen.

Allerdings hat er zu kompensieren gelernt. Schon in einem Mythos, wie ihn der römische Dichter Ovid in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts v. u. Z. erzählt hat, war der aufgerichtete Menschen mit einem erhobenen Antlitz ausgestattet, verband sich mit ihm ein dem Himmel zugewandtes, ein also metaphysisch orientiertes, seine unmittelbare Umwelt transzendierendes Wesen. So sollte man sich den Allgäu-Affenmenschen wohl nicht vorstellen (wie auch immer dieser Vormensch getauft werden wird, Udo heißt er ja schon).

Wie auch immer es genau ausgesehen haben mag, wollte man sich von dieser Urszene ein Bild machen, so muss der Vormensch sich wohl kaum mit einem Ruck aufgerichtet haben. Eher ein Strecken, ganz langsam, ein Stretchen. Die Selbstaufrichtung des Affenmenschen war eine Entwicklung von Jahrmillionen. Was wohl die Lendenwirbel machten, würde die Hüfte mitspielen? Auf welche Weise horchte das Lebewesen in sich hinein? Ging ihm bereits etwas auf? Dass sich auf nur zwei Beinen nicht nur gut stehen ließ, ständig sowieso nicht. Die Fortbewegung des Vormenschen, so wurde es zuletzt (seit rund 100 Jahren) rekonstruiert, geschah mal so mal so, immer noch auch auf allen Vieren, gelegentlich sich aufrichtend.

Sicherlich bedeutete die Aufrichtung einen enormen Gewinn, angefangen mit einer Erweiterung des Blickfeldes. Wahrhaftig einer Horizonterweiterung, wie auch immer sie in der Savanne ausgesehen haben mag. In all den Jahren (Jahrhunderttausenden) der Selbstaufrichtung entwickelte sich das besser Sehenkönnen nie auch nur annähernd so majestätisch wie das bei den Giraffen. Aber es war schon etwas anderes, als wie ein Ameisenbär mit seinem Rüssel ständig über den Erdboden zu schnüffeln. Mit der Horizonterweiterung dürfte sich auch die Neugier vergrößert haben. Auch sie nahm Einfluss auf den Gesichtskreis des (Affen-)Menschen. Mit dem, was dem Vor- und Frühmenschen durch den Kopf ging, veränderte sich sein Blickfeld, wie wiederum das veränderte (vergrößerte) Blickfeld auf sein Verhalten seiner unmittelbaren Umwelt gegenüber Einfluss genommen haben dürfte. Inwiefern – Fragen über Fragen.

Wegen all dieser Mirakel macht der Knochenfund aus dem Ostallgäu Kopfzerbrechen. Das gilt auch für die Einsicht, dass es keinen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit gibt ohne hochheikle Risiken, angefangen mit der Situation damals. Sehenkönnen bedeutete Gesehenwerden. Der Philosoph Hans Blumenberg interpretierte die „primäre Selbstaufrichtung“ nicht nur als eine organische Evolution, sondern als eine optische Revolution: „Dieses explodierte Sehenkönnen ist aber zugleich ein exponiertes Gesehenwerdenkönnen.“ Heikle Sache also, die Bedingungen veränderten sich radikal, der Preis für den biologischen Gewinn für den Menschen, dieses „riskante Lebewesen“ (Blumenberg), war immens. Aus dem Privileg wurde umgehend auch ein Problem. Ein nicht geringes: Der Beutejäger wurde zu einem Beutetier.

So ganz einverstanden aber kann man mit dieser Interpretation nicht sein, so wendet etwa der münstersche Philosoph Kurt Bayertz, der sicherlich noch Gelegenheit zu Gesprächen mit dem Münsteraner Blumenberg gehabt haben dürfte, ein: „Niemand wird im Ernst behaupten, dass vierfüßige Tiere füreinander unsichtbar sind.“

Blumenberg ging es in einem seiner großen Bücher, seiner „Beschreibung des Menschen“ allerdings nicht nur um diesen Aspekt. Er interpretierte das Gesehenwerdenkönnen unter Artgenossen als Quelle des Selbstbewusstseins, was natürlich nicht von heute auf morgen geschah, wie auch.

Ernst Bloch hat den aufrechten Gang als Großtat der sozialen Emanzipation interpretiert, der Gedanke wurde zu einer suggestiven Metapher revolutionärer Selbstfindung. Hinter der sozialen Errungenschaft verschwand die biologische Bürde völlig. Denn was für ein Kreuz, dieser aufrechte Gang. Der aufrechte Gang machte den Menschen zugleich anfällig – erhöhte seine körperliche Labilität. Überhaupt die Frage: Wie geht es dem Bewegungsapparat, wo zwickt’s heute im Gebälk, habe ich schon wieder Rücken? Fragen, über die nicht nur Orthopäden zu dozieren wissen. Prekärer Bewegungsapparat hin oder her, beiseite auch die Einsicht eines Arthur Schopenhauer, dass „bekanntlich unser Gehen nur ein stets gehemmtes Fallen ist“: Denn wo es in diesen Tagen um den Sensationsfund im Allgäu geht, stellt sich ja auch die Frage, wie es dort, Millionen Jahre früher als in Afrika, wohl ausgesehen haben mag? Stand der Allgäu-Affenmensch an den Ausläufern eines damaligen Ammersees – wenn man denn die seit einigen Jahren als sehr plausibel erachtete „Uferhypothese“ des Berliner Anthropologen und Humanbiologen Carsten Niemitz ernst nimmt. Die ja besagt, dass die Menschwerdung sich watend in flachen Gewässern von Uferhabitaten vollzog. Was bedeutet die sensationelle Entdeckung für die Flachwasserhypothese in der Anthropologie?

Es wird Menschen geben, die den Allgäu-Fund mit Genugtuung registriert haben. Oder gar mit einem gewissen Triumph. Der Zweibeiner als Urbayer? Stammt der aufrechte Gang aus dem Allgäu? Spaß beiseite – sobald man erkennt, dass sich paläoanthropologische Fragen, weil sie sich ja schon landsmannschaftlich nicht aufpumpen lassen, auch nicht biologistisch-rassistisch instrumentalisieren lassen.

Faktencheck: Eine medizinische Interpretation sah den aufrechten Gang nie leichtsinnig, auf keinen Fall so euphorisch wie eine metaphorisch-symbolische. Um Komplexität bemüht zeigte sich die anthropologische. Deshalb die Frage: Was bedeutete die Entwicklung der allmählichen Aufrichtung eigentlich unter Artgenossen? Doch wohl ein Anderssein, ein sich Anders-Bewegen, ein sich Anders-Verhalten, ein anderes Leben. Wurde das so einfach hingenommen, friedlich, oder steigerte es die Konkurrenz? Ging man sich aus dem Weg oder aufeinander los?

Die zweifellos anachronistische Frage ist nicht vollkommen abwegig, weil zu einer Zeit, als die ersten anthropologischen Fragen aufkamen, um 480 v. u. Z., bei dem Griechen Herodot, die Nichtgriechen zu Barbaren erklärt wurden. Verachtung galt dem Fremden, was unter ungleich moderneren, scheinbar zivilisatorisch einigermaßen eingerenkten Bedingungen bis heute eine fundamentale Rolle spielt.

Nicht dass der Affenmensch bereits das Bewusstsein der alten Griechen gehabt hätte, dennoch: Wie sah die Reaktion unter Artgenossen aus, noch dazu auf eine Handlung wie eine Aufrichtung, die ja wohl beides war, eine gleichzeitig so hochgemute, wie hilflos wirkende Tat?

Auf jeden Fall verschaffte der aufrechte Gang dem Vor- und Frühmenschen bereits freie Hand. Sich an zwei langen Armen hangelnd durch Bäume zu bewegen anstatt mit allen Vieren zu klettern, schuf bessere Voraussetzungen, um sich am Boden auf zwei Beinen zu bewegen. Der Gebrauch der Hände erforderte eine höhere Intelligenzleistung, schuf größere Gehirnvolumen, und die Hände endlich frei zu haben, machte es möglich, um auf Umwelt und Natur Einfluss zu nehmen, kultivierend, konkurrierend.

Aus dem Aufgerichtetsein hat die Anthropologie nicht zuletzt moralische Rückschlüsse gezogen, aus dem Aufgerichtetsein auf die Aufrichtigkeit des Menschen rückgeschlossen, jedenfalls die Möglichkeit zum aufrichtigen Handeln. Nicht in jedem Fall gingen die moralischen Rückschlüsse positiv oder optimistisch aus, im Gegenteil, dazu ist der Mensch aus einem viel zu „krummen Holz gemacht“, wie Immanuel Kant so lapidar wie fundamental feststellte. Kant nannte seine Anthropologie ausdrücklich eine in „pragmatischer Hinsicht“, und es ist auf jeden Fall ergiebig, wenn man den aufrechten Gang und das krumme Holz als zwei Metaphern in ein und derselben Angelegenheit zusammen denkt. Das sollte heute keine Überforderung darstellen.

Hans Blumenberg sah in der Selbstaufrichtung keinen Grund zum Hochmut oder zur Hochnäsigkeit, allenfalls verschaffte der aufrechte Gang einen besseren Überblick. Dem Gedanken Blumenbergs schließt sich Kurt Bayertz an, wenn er schreibt, die aufrechte Haltung sei kein Grund für „anthropologischen Triumphalismus, auch wenn sie immerhin die Selbsterhaltung erleichtert“.

Mit dem Bewusstsein für die Errungenschaften der Selbstaufrichtung stieg die Einsicht in die Defizite eines Mängelwesens. Dieses Eingeständnis wurde nicht etwa zu einem Selbstläufer, diese Selbsterkenntnis setzte vor gerade einmal 2500 Jahren ein, Schritt für Schritt.

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