Osterreiter in der Oberlausitz verkünden die Auferstehung Jesu.
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Osterreiter in der Oberlausitz verkünden die Auferstehung Jesu.

Pfarrer im Interview

"Die Auferstehung ist eine erfreuliche Pointe"

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Wie kann jemand Gott und Mensch sein? Was passiert an Ostern? Was ist Glaube? Fragen an den evangelischen Pfarrer Matthias Loerbroks.

„Bazon Brock. Theoreme. Er lebte, liebte, lehrte und starb. Was hat er sich dabei gedacht?“ Was macht dieses Buch hier bei Ihnen auf dem Tisch?
Er ist Mitglied unserer Gemeinde, war hier, wo wir jetzt sitzen, und hat uns das Buch geschenkt.
 
Er ist Mitglied Ihrer Gemeinde geworden...
Ich vermute nicht ausschließlich, weil wir so kluge Theologen haben, sondern wohl auch ein wenig wegen des Dorotheenstädtischen Friedhofs...
 
Wo er dann in der Nähe von u.a. Hegel und Fichte, Brecht und Heiner Müller, Herbert Marcuse und Fritz Teufel liegen würde...
Bazon Brock wurde vergangenes Jahr achtzig. Da macht man sich so seine Gedanken. Ich gehe dort auch gerne spazieren. Wenn, so heißt es derzeit, ab Juli im Französischen Dom gebaut werden wird, dann werden wir unsere Sonntagsgottesdienste in der von dem amerikanischen Lichtkünstler James Turrell umgestalteten Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofes abhalten. Ich bin gespannt. Ein bisschen prägt ja der Ort.
 
Wir sind hier im Schleiermacher-Haus.
Das prägt jetzt nicht meinen Alltag. Ich denke nicht unentwegt daran. Aber natürlich ist es eine Verpflichtung. Wir nehmen ein wenig die Tradition auf. Seit 15 Jahren führen wir auch einen Salon. Jeden ersten Montag im Monat um 19.30 Uhr findet hier „bei Schleiermacher“ statt: Lesungen, Kammermusik, Politik, Theologie.

Sie sind Seelsorger, aber doch auch Prediger. Die Predigt steht ja im Zentrum des protestantischen Gottesdienstes.
Ganz anders als bei den Katholiken. Da dreht sich alles um die Messe, um die Wandlung. Bei uns geht es dagegen um die Auseinandersetzung mit dem Text. Ich finde das gut. Aber natürlich ist es auch ein Risiko. Alles hängt davon ab, wie gut die Predigt ist. Bei der Messe spielt keine Rolle, was der Pfarrer sagt. Die Handlung selbst ist die Sache. Das ginge zur Not auch ohne Gemeinde. Es ist gut, dass es bei uns darum geht, den Text zu interpretieren. Das bringt den seit Jahrhunderten feststehenden Wortlaut ein wenig ins Schweben, verflüssigt ihn durch Interpretation.
 
Also nicht „Wort des lebendigen Gottes“?
Die Schrift ist natürlich Menschenwort. Aber durch die Menschen spricht Gott.
 
Christus ist der Gott, der auch Mensch ist. Das ist wie die glückliche Situation beim Mühlespiel, wenn man ganz gleich, wie man seinen Stein schiebt, immer gewinnt.
Die Christologie wird seit Jahrhunderten diskutiert. Das Wort vom Gottessohn löst die Frage nicht, sondern ersetzt das eine durch ein anderes Problem. Alle sind sich einig, dass der christliche Gottessohn nicht wie Herakles hervorgegangen war aus der sexuellen Verbindung eines Gottes mit einer Menschenfrau. Dazu kommt, dass es Bibelstellen gibt, an denen das Volk Israel als Gottessohn bezeichnet wird. So gelesen, kann man Jesus als Repräsentant des jüdischen Volkes sehen.
 
Ist Jesus Gott?
Der Mensch Jesus ist geboren und gestorben. Er ist eine der Arten, auf die Gott uns nahegerückt, uns auf die Pelle gerückt ist.

Wie Buddha?
Ich glaube nicht. Ich kenne mich da nicht so aus. Ich glaube aber, dass Buddha in seinem Selbstverständnis mehr hinter seine Lehre zurücktreten wird.
 
Wie Jesus?
Nein. Ich glaube, das Meiste, das Jesus sagt, lässt sich nicht trennen von ihm. Nehmen Sie die Seligpreisungen in der Bergpredigt. „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“ oder „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“ Diese Paradoxa – das ist der Stil Jesu. Auch diese Verheißung der neuen Welt. Das ist schon ein wenig Auferstehung.

Sehr schön, dass wir jetzt schon bei Ostern gelandet sind. Die Auferstehung – was soll ich mir darunter vorstellen?
Es ist der springende Punkt des christlichen Glaubens. Natürlich ist auch die Kreuzigung wichtig. Es ist ja etwas Besonderes, dass im Mittelpunkt eines Glaubens eine Leidensgestalt steht. Aber die Kreuzigung selbst, das Leiden ist ja gerade nichts Besonderes. Es ist menschlicher Alltag. Die Botschaft von der Auferstehung ist dagegen das wirklich Besondere. Sie fragen mich, was sie sich darunter vorstellen sollen. Ich sage ihnen: am besten nichts. Wenn sie die Texte im Neuen Testament dazu lesen, merken sie sofort, dass da versucht wird, etwas zu beschreiben, das sich nicht beschreiben lässt. Jesus taucht auf und seine Jünger erkennen ihn nicht. Dann verschwindet er wieder. Er geht durch verschlossene Türen. Es ist keine Tatsachenbehauptung, sondern das Zeugnis einer Erfahrung. Es bedarf offenbar der Erscheinung des Auferstandenen, um zum Osterglauben zu kommen. In der Apokalypse des Johannes geht es darum, dass der Geschlagene, der Gekreuzigte sich erheben und das ewige Rom stürzen wird. Das ist Untergrundliteratur.
 
Was Sie erzählen ist eine Geschichte. Nicht history, sondern eine story.
Das stimmt. Es sind keine Lehrsätze, sondern mehrdeutige Geschichten.
 
Aber sie sollen doch, so glauben Sie, außerdem noch stimmen.
Was heißt stimmen?
 
Fontane erwartet nicht, dass ich seiner Story glaube. Dass am Ende der Weltgeschichte aber das Reich Gottes steht – an dieses Happy End soll ich glauben. Fontane dagegen wollte nur, dass wir seiner Erzählung gespannt folgen...
Das wäre ja schon nicht schlecht, wenn wir den Geschichten der Bibel und ihren Auslegungen gespannt folgten. Das elfte Gebot ist auch hier: Du sollst nicht langweilen. Man soll auch wiederkommen, weil man wissen will, wie die Geschichte weitergeht. Ich denke genau so ist das Kirchenjahr konstruiert.
 
Was hat das mit Glauben zu tun?
Glaube ist ein missverständliches Wort. Wovon in der Schrift die Rede ist, hat mit der Glaubwürdigkeit von Tatsachenbehauptungen nichts zu tun. Das hebräische „emuna“ und das griechische „pistis“ heißen so viel wie Treue und Vertrauen. Das lateinische Credere kommt von cor (Herz) und dare (geben). Es geht nicht darum, was mein Verstand für wahr hält, sondern darum, worauf, auf wen ich setze. Es ist die Wette, von der Pascal sprach. Es geht gerade nicht darum, etwas für wahr oder falsch zu halten, sondern darum, wonach ich mein Leben ausrichte. Es geht nicht um Theorie, sondern um Praxis.

Ich habe mir ein Schleiermacherzitat notiert und eines von Ihnen. Schleiermacher sagt: „Religion ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl.“ Loerbroks predigt: „Niemand hat Gott je geschaut. Wartet nicht ab, bis euch theoretisch alles klar ist mit Gott. Versucht einfach praktisch das zu tun, was er sagt. Dann werdet ihr was erleben, Erfahrungen machen, nicht nur mit euch selbst und untereinander, auch mit Gott. Ihr werdet ihn kennenlernen.“
Ich finde, dass Schleiermacher völlig recht hat, wenn er sagt: Religion ist weder Metaphysik noch Moral. Immer wieder tut die Kirche so, als verwalte sie einen Sinn-Vorrat, aus dem sie schöpfen und mit dem sie die Welt beglücken könnte. Vor ein paar Jahren gab es eine Kampagne der Evangelischen Kirche für den Religionsunterricht: Werte brauchen Gott. Da wurde so getan, als verfügten wir über ein spezielles Vermögen. Dagegen gefällt mir Schleiermacher, der klar sagt: Es geht nicht um Denken und Handeln, es geht nicht um Metaphysik und Moral.
 
Und seine Rede von der Anschauung und dem Gefühl?
Schleiermacher hatte wenig Sinn für den besonderen Pfiff das Alten Testamentes und auch des Neuen. Er erbaute sich am Blick aufs Ganze, aufs Allgemeine. Während die Bibel ihn erst aus dem besonderen Blickwinkel des kleines Volkes Israel und dann des kleinen Jesus gewinnt.
 
Für mich macht das ein Stück der Komik der christlichen Überlieferung aus: Der Herr und Schöpfer von Universum und Planckwelt hat Abermilliarden Lebewesen und Jahre zur Verfügung und kapriziert sich auf uns, einen winzigen Ausschnitt des Universums.
Ich sehe das als eine erfreuliche Pointe.

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