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Jan Böhmermann steht im Mittelpunkt einer Antisemitismus-Affäre.

Böhmermann-Polak-Affäre

Auch nachträglich zeigt sich keine Pointe

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Jan Böhmermann reagiert kläglich auf späte Reaktionen zu einem antisemitischen Sketch.

Der TV-Komödiant Jan Böhmermann ist in den Mittelpunkt einer Antisemitismus-Affäre geraten. In der Wochenzeitung „Der Freitag“ hat der Medienjournalist Stefan Niggemeier ihn als bisher nicht genannten Akteur einer Szene geoutet, die der Komiker und Autor Oliver Polak in seinem Buch „Gegen Judenhass“ schildert.

Darin berichtet Polak darüber, wie er von drei Kollegen einst als Jude innerhalb eines Sketches von der Bühne geworfen wurde. Einer der drei holt dabei ein Desinfektionsmittel hervor und fragt die Zuschauer: „Habt ihr ihm die Hand gegeben?“ Polak hat in seiner Beschreibung des Vorgangs darauf verzichtet, Böhmermann namentlich zu nennen, es ist lediglich von einem Fernsehmoderator mittleren Alters die Rede. Ihm, Polak, sei es dabei vor allem um das Charakteristische eines sich im Alltag breitmachenden Antisemitismus gegangen. „Sollte das Ironie sein? Wem genau galt sie?“, fragt Polak in seinem Buch. Und weiter: „Imitierte er mit seiner Geste einen Antisemiten, oder sprach einer aus ihm? Fakt ist: Sein Gag war keiner, denn er hatte keine Pointe. Er bildete lediglich den Antisemitismus des Dritten Reiches ab.“ 

Später war Polak als Gast in Böhmermanns Talkshow „Neo Magazin Royale“ eingeladen. Polaks Bitte, seine jüdische Herkunft nicht allzu sehr in den Mittelpunkt der Sendung zu stellen, sei von Böhmermann geradezu konterkariert worden. Bereits vor der Sendung habe Böhmermann Polak auf Twitter mit der Bemerkung angekündigt, der israelische Geheimdienst habe ihn zum Auftritt Polaks gezwungen. 

Fragen wirft auch die Rolle des Verlages Kiepenheuer & Witsch auf, in dem Polaks Text wie die Vorgängerbücher zunächst veröffentlicht werden sollte, dann aber wegen der fraglichen Passage nicht erschienen sei – so Polak –, weil Böhmermann ebenfalls Autor des Kölner Verlages ist. 

Im Gespräch mit der „Welt am Sonntag“ wies Kiepenheuer-Verleger Helge Malchow diese Vermutung aber als „absolut gegenstandslose Unterstellung“ zurück. „Gegen Judenhass“ kam schließlich im Suhrkamp Verlag heraus.

Antisemitismus oder bloß eine Geschmacklosigkeit? Einmal mehr befindet sich Jan Böhmermann inmitten einer Auseinandersetzung um die Grenzen der Satire. Darin erfolgt alsbald der Hinweis, dass die Methode Böhmermann ein Spiel mit Geschmacklosigkeiten sei. Es geht also nicht um die Frage, ob Böhmermann ein Antisemit ist. Zweifelsfrei aber darf man den geschilderten Sketch als antisemitisch bezeichnen.

Böhmermanns Reaktion auf das Outing ist allerdings nicht witzig, sondern nur kläglich. Er könne leider nicht mitwirken an der „Umdeutung von ultrakrassen Ficki-Ficki-Comedykarrieren in schillernde, sensible Intellektuellenbiografien“, ließ er mitteilen.

Das Klägliche besteht darin, dass der Hauptdarsteller des Systems Böhmermann nicht einsehen kann, dass er zu weit gegangen ist bei der grenzenlosen Gier nach Lachern auf Kosten anderer. Es würde ein Rollenmodell zerstören, für das Antisemitismus eine leicht aus dem Hut zu zaubernde Spielmarke ist.

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