Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Alte Brücke in Frankfurt im Modell (links die Ausstellungshalle "Portikus"). Im kommenden Monat beginnen die Bauarbeiten.
+
Die Alte Brücke in Frankfurt im Modell (links die Ausstellungshalle "Portikus"). Im kommenden Monat beginnen die Bauarbeiten.

Auch ein Brückenschlag

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
    schließen

Durch die Initiative des Architekten Christoph Mäckler und eines Investors und Mäzens erhält die Stadt Frankfurt ihre Alte Brücke zurück

Seit rund fünfzig Jahren hat die kleine Großstadt Frankfurt am Main durch ihre Planungsdezernenten eine immer wieder rabiate Behandlung erfahren. Sie bestand in hitzigen Modernisierungsvorstößen, die auf Kosten des architektonischen Erbes gingen. In Frankfurt war das Tilgen so aufmerksam wie nachhaltig bei der Arbeit, sobald es um die Beseitigung historischer Hinterlassenschaften ging.

Allein als es anstand, zentrale Orte der Stadt wie etwa den Römerberg als Knusperhäuschenzeile wieder aufzubauen, wurde die Traditionsseligkeit nicht mehr als Kleinigkeit behandelt. Die Kompensation sorgte für nette Laubsägearbeiten, mit falschem Giebel und aufgedunsener Butzenscheibe. Angesichts einer kommunalen Trostverordnung drängten Nostalgie und Gemüt mit aller Macht in die Öffentlichkeit - und die historische Kenntnis und den architektonischen Skrupel in die Defensive.

Rekonstruktionsdebatten

Auch hat die Global City in den letzten Jahren zwei, drei kurze Rekonstruktionsdebatten erlebt, sie entwickelten sich rund um den Wiederaufbau des barocken Thurn- und Taxis-Palais' sowie die Wiederherstellung der klassizistischen Stadtbibliothek. Das Palais als barocke Hinterlassenschaft, die Bibliothek als spätklassizistisches Erbe sind als Gegenstand eines unbeirrbaren Wiederauferstehungswillens wiederentdeckt worden. Auch zeigten sich in der Stadt Hinweise darauf, dass Barockfaible und Klassizismusbewunderung in Frankfurt eine Perspektive begründen sollten, in der mancher Protagonist des Stadtumbaus, Architekt und Magistratsmitglied, Bauherr und Developer, eine nagelneue Gründerzeit aufziehen sehen.

Anders jedoch als etwa in Berlin oder auch Dresden wurde die Frankfurter Debatte nicht durch eine sowohl historisch verquere als auch politisch hysterische Symbolpolitik aufgeladen. In beiden Frankfurter Fällen ging es, anders als in der Hauptstadt, nicht um gesamtdeutsche Phantomschmerzen; obendrein hat sich der Frankfurter Retrogeist, dort wo er sich anstecken ließ, nicht durch einen geschichtspolitischen Normalisierungsfuror befeuern lassen.

Sicher ist aber auch, dass sich in beiden Fällen, beim Palais genauso wie bei der Bibliothek, für deren Wiederaufbau der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler verantwortlich ist, ein Dogma artikuliert. Es war der große Architekt Rudolf Schwarz (1897 - 1961), der bei der Wiederherstellung der durch den Bombenkrieg zerstörten Frankfurter Paulskirche eine konservierende Rekonstruktion genauso entschieden abgelehnt hatte wie eine restaurierende. Allein eine interpretierende Rekonstruktion erschien Schwarz denkbar - schon aus Gründen der historischen Aufrichtigkeit.

In der Tradition einer interpretierenden Neuerschaffung muss man jetzt auch Bemühungen um den Ausbau der Alten Brücke sehen, mit auffallend spitzem Satteldach, mit richtigem Belvedere und einem Fassadenaufriss der alten Schule. Anders als bei Mäcklers Kopie eines klassizistischen Bauwerks geht es ihm bei dem Neubau der Alten Brücke nicht um das sepiagetönte Festhalten an einem abgelebten Renommee, sondern um so etwas wie einen kühnen Konservativismus.

Schon seit über zwanzig Jahren beschäftigt sich Mäckler mit der Alten Brücke, bereits als Zweiunddreißigjähriger lieferte er 1984 für eine Ausstellung im Deutschen Architektur Museum (DAM) eine geradezu archäologische Expertise über Frankfurts Brücken, darunter die 1222 erstmals genannte Alte Brücke, die, über Jahrhunderte die einzige feste Mainüberquerung am unterer Flusslauf, im Laufe ihrer Geschichte, mit Kapelle und Mühle, mit Häusern, Pumphaus, Gefängnis und zwei Türmen, so etwas wie eine Stadt in der Stadt bildete, zeitweilig mit eigener Gerichtsbarkeit.

Mäckler will die Brücke, unterstützt durch den Unternehmer und Mäzen Carlo Giersch, dadurch beleben, dass er sie mit zwei Turmbauten versieht, die die Überführung zukünftig rahmen sollen. Ein Bauwerk im Westen, ausgestattet mit steilen Satteldächern (anstelle eines ursprünglich vorgesehenen, bei Museen nicht unüblichen Sägezahndachs). Vorgesehen ist das Bauwerk für die Nutzung durch die Ausstellungshalle "Portikus". Nach Norden hin eingelassen in die Dachschräge eine großzügige Glasfäche. Mit ihr, gefiltert durch eine Glasbetondecke, die von einer rechteckigen Galerie gerahmt wird, soll der "Portikus" natürlich belichtet werden. Die Galerie oberhalb des Ausstellungsraumes wird durch schmale Fenster mit ausgeprägt kräftigen Laibungen markiert. Dass in südlicher Richtung gar eine Stiege wie eine Hühnerleiter die Fassade betont, bringt in den strengen Aufriss eine bizarre Note.

Keine Architekturskulptur - vielmehr ein Stadthaus, in seiner Typologie, in seiner Einfachheit, die in ihrer Reduktion eine Klarheit höherer Ordnung ausmacht. Reimportiert wird Mäcklers zweite Einfachheit auf eine Maininsel, zwischen Sachsenhäuser und Innenstadtufer, um dort von mächtigen Quadern eingefriedet zu werden, hinter denen ein Ruderclub residieren wird. Darüber dann Fassaden aus gelbfarbenem Sandstein, in denen eine jede Fensteröffnung, so schartenhaft sie im einzelnen auch ausfällt, durch korpulente Gewände auffällt.

Der Ostturm, mit seinem Belvedere, erhält bis zum Brückenniveau einen sich in gotischer Manier verbreiternden Sockel, in den vier oberen Geschossen sollen eine Wohnung, ein Restaurant und eine weiterer Ausstellungsraum untergebracht werden. Das Duo, das die Alte Brücke in die Mitte nimmt, steht zu ihr unterschiedlich, mal in Giebel- mal in Traufstellung, mal als hochaufgestossenes Volumen, mal als stämmiger Baukörper - und bildet, gemeinsam mit den vier Meter hohen Türmen oberhalb der Brückenpfeiler ein Ensemble.

Hochfahrende Eleganz

Das Vorhaben Alte Brücke hat in den letzten Jahren den einen oder anderen Geldgeber kommen und gehen sehen. Die Frankfurter Politik hat das bürgerschaftliche Engagement flüchtig begleitet. Eine Bürgerinitiative mahnt für die Vogelfauna den Frieden auf der Maininsel an. Und auch die Community rund um den Portikus, der es in seiner ehemaligen Containerunterkunft zu einer Institution mit Weltruf gebracht hat, treibt Mäcklers entschiedener Zugriff, mit dem er sich auf eine zwanzigjährige Beschäftigung beruft, um.

Was in zwei Etappen entstehen wird, zunächst ab März mit dem westlichen Turmbau und der darin untergebrachten Ausstellungshalle, anschließend mit dem höheren Brückenturm, ist nicht zuletzt von einer für Frankfurt hochfahrenden Eleganz, jenseits von Nostalgie, Gemüt und Trostverordnung. Seit ihrem Wiederaufbau, 1965, bildet die Brücke architektonisch einen Unort, urban ein Niemandsland. Allein durch die Pylone, die Mäckler vier Meter hoch oberhalb der Brückenpfeiler plant, als Kontrapunkte zu den stämmigen Vorlagen, dürfte sich für den Hochhauspulk der Innenstadt nicht zuletzt eine weitere Perspektive ergeben.

Bereits heute kann man sich die neue Alte Brücke, wenn man sich ihr eines Tages nur langsam genug, von Osten, ob nun auf dem Fluss oder vom Mainufer aus nähert, als einen Rahmen für das Stadtbaukunstwerk Skyline vorstellen. Als Passepartout für das Sinnbild der Global City. Wer will, mag auch darin gar einen Brückenschlag erkennen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare