Facebook-Manifest

Das asoziale Netzwerk

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Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat Probleme erkannt, die Facebook verursacht und ein Manifest verfasst. Dennoch kämpft das Netzwerk weiter mit vielen Problemen.

Er hat geschrieben und die Welt hat ihn gehört. Mit seinem politischen Manifest hat Mark Zuckerberg begeistert und verstört. Seine Unterstützer teilen seine Vision von einer offenen, sozialen Welt. Sie sind begeistert davon, dass sich der milliardenschwere Facebook-Chef mit seinem sozialen Netzwerk dafür einsetzen will. Seine Kritiker sehen hingegen ihre schlimmsten Alpträume wahr werden. Das Manifest sei ein „angsteinflößendes, dystopisches Dokument“, schreibt der Bloomberg-Kolumnist Leonid Bershidsky. „Es zeigt, dass Facebook sich in eine Art extra-territorialer Staat verwandelt, der von einer kleinen, ungewählten Regierung geführt wird, die massiv auf private Algorithmen setzt, um die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern.“

Facebook hat inzwischen 1,86 Milliarden Mitglieder. Rein rechnerisch ist also jeder vierte Erdenbürger dort vertreten. In der Praxis dürfte allerdings nicht hinter jedem Konto ein Mensch stecken, sondern manchmal auch nur ein Computer. Gleichwohl waren die Menschen noch nie in ihrer Geschichte so eng miteinander verbunden – jeder kann mit jedem in Kontakt treten – und sich zugleich gegenseitig so fremd: Jeder kann sich in seiner eigenen Gedankenwelt abkapseln und findet genügend Gleichgesinnte, die ihn in seiner Haltung bestärken.

Die hässliche Seite des sozialen Netzwerks

Hasskommentare, Mobbing, Rassismus, Lügen, politische Agitation, das ist die hässliche Fratze des Netzwerks. Eine Fratze, die wohl auch Zuckerberg, den Erschaffer des Netzwerks, erschreckt hat. Aufgerüttelt durch den Erfolg von Donald Trump bei den US-Wahlen, den geplanten Abschied der Briten aus der Europäischen Union, das Erstarken rechter Kräfte und den zunehmenden Protektionismus, hat er vor zwei Wochen eine neue Agenda für Facebook vorgelegt. Eine politische Agenda. Zwar hat er schon immer behauptet, dass das Netzwerk in erster Linie eine „soziale Mission“ habe. Doch sind ihm ganz offensichtlich Zweifel gekommen, ob er diesem Anspruch bislang genüge getan hat. Ganz am Anfang seines Briefes steht jedenfalls die Frage: „Schaffen wir eigentlich die Welt, die wir alle wollen?“

Die Antwort von Zuckerberg lautet: nein. Er findet, dass demokratische Institutionen gestärkt werden müssten, dass die Bürger besser informiert sein sollten, dass die Zivilgesellschaft und gemeinschaftliche Werte eine Auffrischung benötigten, dass politische Prozesse demokratischer werden müssten und dass den Menschen mehr Sicherheit geboten werden müsse. Facebook sieht er als Betriebssystem dieser neuen Welt. Ein System, das sich aus seiner Sicht so verändern lässt, dass sich der politische Horizont der Menschen wieder öffnet, dass sich mehr Bürger in Gruppen zusammenfinden, die sich für das gegenseitige Wohl engagieren, dass Politiker in einem engeren Dialog mit der Bevölkerung stehen.

Die Kritiker von Facebook sehen in dem Netzwerk allerdings weniger die Lösung für die gesellschaftlichen Probleme als deren Ursache. So hat eine dänische Studie im Jahr 2015 ergeben, dass Facebook-Nutzer unglücklicher sind als Menschen, die nicht in dem Netzwerk sind. Denn über soziale Medien verbreiteten Nutzer eine idealisierte Version ihres Lebens, die unsere Wahrnehmung der Realität verzerre, so die Wissenschaftler des Zufriedenheitsforschungsinstituts in Kopenhagen. Sie hatten Facebook-Nutzer gebeten, eine Woche lang auf das Netzwerk zu verzichten. Am letzten Tag wurden sie gefragt, wie es ihnen gehe. Das Ergebnis: Sie waren zufriedener, enthusiastischer und entscheidungsfreudiger als die Menschen in der Kontrollgruppe. Und: Sie waren weniger besorgt, weniger einsam und weniger wütend.

Perfekt für Populisten

Das ist nicht das einzige Problem, das Facebook mit sich bringt. Wie Zuckerberg selbst schreibt, haben die Politiker mit den meisten Kontakten auf Facebook bei den vergangenen Wahlen jeweils gewonnen. In Frankreich (Marine Le Pen) und in den Niederlanden (Geert Wilders) liegen die extrem rechten Kandidaten in diesem Ranking deutlich vor ihren wichtigsten Gegnern. Sie haben mit Facebook ein sehr kraftvolles Instrument erhalten, da der Algorithmus des Netzwerks den stark emotionalisierenden Botschaften eine größere Präsenz verleiht.

Zuckerberg hat diese und andere Probleme erkannt. Die Frage ist nur, ob es überhaupt Lösungen dafür gibt. Wahrscheinlicher ist, dass der Algorithmus immer negative gesellschaftliche Effekte haben wird und dass es immer Gruppen geben wird, die bevorzugt oder benachteiligt werden. Es geht also nicht nur um Technik. Der Facebook-Chef muss Werturteile fällen. Und Zuckerberg hat klargemacht, dass er dazu bereit ist. Er will die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen formen.

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