+
Arnulf Baring, Historiker und Publizist, ist im Alter von 86 Jahren gestorben.

Nachruf

Arnulf Baring: Die Lust am Brummen

  • schließen

Zum Tod des konservativen Publizisten und Zeithistorikers Arnulf Baring.

Bis vor einigen Jahren erschien er zu Terminen gern mit dem Motorrad. Lederkluft und Helm verliehen ihm ein verwegen-jugendliches Aussehen, und bei seinen vielen öffentlichen Auftritten auf Podien und in TV-Talk-Shows ließ er es gern brummen. Dabei war der Politologe und Zeithistoriker Arnulf Baring durchaus ein Schöngeist und intellektueller Tausendsassa. Eigentlich sei er brav wie ein Lamm, hat er einmal über sein politisches Temperament gesagt, aber gelegentlich gehe es mit ihm durch.

Seine Lust am Widerspruch hat viele Debatten belebt, nicht selten schoss er dabei über das Ziel hinaus und fühlte sich nachher missverstanden, ohne deswegen wehleidig zu sein. Über das Bildungssystem der DDR polterte er bereits Anfang der 90er-Jahre los: „Das Regime hat fast ein halbes Jahrhundert die Menschen verzwergt, ihre Bildung verhunzt. Jeder sollte nur noch ein hirnloses Rädchen im Getriebe sein, ein willenloser Gehilfe.“ Arnulf Barings undifferenzierte Behauptung führte wenig später zu der Annahme, dass der Typus des Ostdeutschen als soziale Konstruktion nun überhaupt erst entstehe.

In seinem Buch „Scheitert Deutschland?“ von 1997 nahm Baring die heraufziehende Finanzkrise vorweg, er kritisierte darin insbesondere die Aufnahme Griechenlands in die europäische Währungsunion. Als politischer Publizist war er ein angriffslustiger Leitartikler, für den die Katastrophe immer unmittelbar bevorstand. Durch seine lautstarke Omnipräsenz nahm er sich oft einiges von der Seriosität seiner vielfach bedenkenswerten Argumentation.

Arnulf Baring war ein konservativer Intellektueller, der sich gern auch an die Seite der vermeintlich Verfemten stellte. Er stritt für den wegen Antisemitismusvorwürfen aus der CDU ausgeschlossenen Martin Hohmann und sprang auch dem Berliner SPD-Politiker Thilo Sarrazin nach dessen umstrittenen Thesen in dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ bei. Durch seine unerschrockene Meinungsfreude war er auch für politische Gegner einer, an dem man sich gern rieb. Wer die Eigenschaft besaß, den reizte er zum gebannt-gelassenen Zuhören, das sich in den sich zuspitzenden politischen Auseinandersetzungen inzwischen verloren zu haben scheint.

Arnulf Baring wurde am 8. Mai 1932 in Dresden geboren und stammt aus dem deutschen Zweig der britischen Bankiersfamilie Baring, deren weltweit agierende Investmentbank 1995 auf spektakuläre Weise durch einen einzelnen angerstellten Termingeschäftshändler in den Ruin getrieben worden war. Arnulf Baring war in Berlin zur Schule und gegangen studierte später u.a. in Hamburg, Freiburg, Paris und New York Staatslehre und Verwaltungsrecht. Vorübergehend arbeitete er als Journalist für den WDR und war lange Zeit Professor für Politikwissenschaft, Theorie und vergleichende Geschichte der politischen Herrschaftssysteme an der FU Berlin. Sein Buch „Machtwechsel“ über die Ära Brandt-Scheel stand 1982 und 1983 lange auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Am Samstag ist Arnulf Baring im Alter von 86 Jahren in Berlin gestorben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion