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April 2019, andere Gemengelage: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, CSU-Chef Markus Söder, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer (v.l.).
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April 2019, andere Gemengelage: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, CSU-Chef Markus Söder, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer (v.l.).

Kanzlerkandidatur

Armin Laschet und Markus Söder: Das Jungsgerangel und die Theorie der Macht

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Armin Laschet obsiegt über Markus Söder – eine Nachschau.

Obwohl wir nahezu täglich mit Formen von Macht und Machtausübung konfrontiert sind, so unterliegen wir doch immer wieder Fehleinschätzungen. In der Berichterstattung über die Entscheidung der CDU/CSU, sich auf einen Kanzlerkandidaten festzulegen, ist beinahe unisono analysiert worden, dass Armin Laschet geschwächt aus dem desaströsen Konflikt hervorgehen werde, während Markus Söder als der Stärkere und Machtbewusstere erschien.

Es drängten sich sogleich Bilder vom Schulhof auf, in denen Söder nicht nur als der körperlich Größere ins Auge sprang. Unmittelbar einleuchtend schien die Vorstellung, dass er schon in jungen Jahren einer gewesen sein dürfte, der Strippen zu ziehen vermochte und jüngere Mitschüler für seine Interessen einzusetzen verstand. Demgegenüber wirkte Laschet wie einer, der Loyalität zunächst unter Beweis stellen muss, ehe er auf die anderer setzen darf. Der kleine, aber intelligente Laschet musste sich das Vertrauen der anderen erarbeiten, er genoss es nicht qua Statur.

Nun, als hätte es unmittelbar nach der Bekanntgabe von Söders Rückzug wie durch eine Art Zaubertrank eine Schubumkehr der Kräfte zugunsten Armin Laschets gegeben, erscheint dieser nun als derjenige, der als später Triumphator aus diesem zähen Ringen hervorgegangen ist. Wie hatte man nur annehmen können, dass Laschet als der eben erst gewählte Vorsitzende seiner Partei am Ende nicht erfolgreich aus der Gemengelage hervorgehen würde?

Was eben noch wie ein Totalschaden bei der CDU aussah, fühlt sich nun an wie die neue Machtoption eines Unterschätzten. Für Theoretiker der Macht kommt die Erstarkung Laschets keineswegs überraschend. Elias Canetti hat in „Masse und Macht“ auf die ungeheure Kraft hingewiesen, die aus der Langsamkeit der Masse hervorgeht. Nun will es plötzlich so erscheinen, als hätte Laschet Söder in die Falle einer schnellen Entscheidung gelockt, die sich angesichts der institutionellen Prozesse, die eine Partei nun einmal nicht über Bord werfen kann, gegen das Momentum gerichtet hat, das Söder für sich bereits hatte ausschlagen sehen.

In seiner Systemtheorie unterscheidet der Soziologe Niklas Luhmann Macht von Zwang, in dem „konkret genau Bestimmtes“ zu tun ist. Während die Wahlmöglichkeiten des Gezwungenen sich auf null reduzieren, lässt Macht in komplexeren Systemen auch Unterliegenden noch Optionen. Das ist kein Konstruktionsfehler, vielmehr entstehen daraus Dauer und Reichweite der Macht.

Wenn die Kandidatenkür innerhalb der CDU/CSU denn überhaupt als Machtkonstellation mit ungewissem Ausgang zu beschreiben war, dann wären dem zunächst vermeintlich Unterliegenden, also Laschet, natürlich mehr Optionen geblieben, als ihm in der öffentlichen Wahrnehmung der vergangenen Tage zugebilligt worden sind. Politik, so lautet einer der Kernsätze Luhmanns, „ist das Bereithalten der Kapazität zu kollektiv bindenden Entscheidungen“. Laschet ist nun wieder im Spiel, um dies zu tun.

Die parallel zum Jungsgerangel in der Union nahezu geräuschlos ablaufende Entscheidung der Grünen, Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin in den Wahlkampf zu schicken, sollte nach genauerer Betrachtung nicht als Gegenbild der politischen Personalauswahl bei der Union betrachtet werden. Die Grünen haben lediglich das ihnen bisher eigene Prinzip der konfliktreichen Auseinandersetzung in ein Modell der Harmoniebildung überführt, das in dieser Form wohl nur durchzuhalten war, weil es auf einen Erwerb politischer Macht ausgerichtet war, der von vornherein etwas Illusionäres hatte.

Grüne Darstellungsfreude

Weder Annalena Baerbock noch Robert Habeck durften zuletzt ernsthaft davon ausgehen, dass einer von ihnen im Herbst ins Kanzleramt gewählt werden würde. Wahrscheinlicher ist für beide der Zufall bedeutender politischer Ämter in einer Koalition mit der CDU/CSU. Was den Grünen nun aber einen deutlichen Zuwachs an Stärke beschert hat, ist das Spiel der Macht, auf das sie sich mit ausgeprägter Darstellungsfreude eingelassen haben.

Und so gilt auch für Baerbock, dass sie unmittelbar nach der Bekanntgabe der Entscheidung in der äußeren Wahrnehmung an Statur gewonnen hat. Politik lässt sich zweifellos mit den Mitteln kühler Rationalität als Geschehen beschreiben, in dem Kräfteverhältnisse abgewogen, Widersprüche gegenübergestellt und Wahrscheinlichkeitsrechnungen aufgestellt werden. Wie nach mitreißenden Fußballspielen aber, in denen der Außenseiter den großen Favoriten zu bezwingen imstande war, ist man hernach oft aber verblüfft, wie es zu dem Ergebnis hat kommen können.

Der Philosoph Martin Seel hat sportliche Leistungen einmal als „Zelebration des Unvermögens“ beschrieben, weil sich das tatsächliche Eintreffen der herausragenden Leistung und des Triumphes letztlich nicht trainieren lässt. Es ist nach den zurückliegenden Tagen nicht abwegig, diese Formel auch auf die Politik anzuwenden.

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