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Architektur in der Zwangsjacke

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Hier entsteht ein Haus.
Hier entsteht ein Haus. © rtr

Der Wohnungsbau muss nicht neu erfunden werden – aber Konzepte für zukünftiges und zukunftsfähiges Wohnen müssen weit mehr als nur unmittelbar naheliegende Ziele erfüllen.

Von Robert Kaltenbrunner

Architektur spiegelt jene Kräfte, die bei ihrem Entstehen wirksam waren. Eben weil das so ist, lässt es uns nicht unberührt. Scheinbar zwingen aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen sie in eine bestimmte Richtung: Das äußert sich entweder in einer Konzentration auf den „Star“, von dem man zumindest Qualität erwarten darf. Oder in einer strikten Orientierung an statistischen Daten, deren Umsetzung vornehmlich auf quantitative Bedürfnisbefriedigung zielt. Doch weder das eine, noch das andere stellt ein nachhaltiges Zukunftskonzept dar.

Um das zu erläutern, muss man die – banale – Erkenntnis wiederholen: Unsere Städte sind bereits gebaut. Diese Einsicht darf aber nicht zu Attentismus führen; sie hat Konsequenzen. Denn sich mit dem Bestand zu beschäftigen, heißt so viel wie die Reset-Taste zu drücken. Wenn man den Begriff aus der Computersprache rückübersetzt in den Lebensalltag, dann bedeutet das in etwa: Es geht um das Wiederherstellen eines neuen Funktionszustandes unter Rückgriff auf systemimmanente Elemente und Routinen. Damit sind insbesondere zwei Fragen aufgeworfen: Wie kann man bestehenden städtischen Räumen zeitgemäße Programmierungen einschreiben? Und: Wie können dabei immanente, bisher vielleicht kaum beachtete Qualitäten freigesetzt und für ein nachhaltiges Konzept von Stadt fruchtbar gemacht werden?

Nun stellen freilich diese beiden Hypothesen das traditionelle Planungsverständnis gewissermaßen auf den Kopf. Denn üblicherweise formuliert Planung zuerst ein (intendiertes) Ergebnis, um im zweiten Schritt zu überlegen, wie dieses erreicht werden kann. Hier dreht sich das Verhältnis um, weil zunächst gefragt wird, wie eine Entwicklungsdynamik entfaltet werden kann, ohne gleich einen idealen Endzustand zu definieren.

Zur Illustration ein Beispiel: 1996 hatte sich die Stadt Bordeaux die Aufwertung und Neugestaltung einer Reihe von Plätzen vorgenommen. Das war auch das erste Projekt der mittlerweile bekannt gewordenen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal. Sie wurden gefragt nach Ideen zur Verschönerung des Place Léon Aucoc, einem Platz im Arbeiterbezirk der Stadt. Die Architekten verbrachten zunächst einmal viel Zeit dort. Und während sie sich in die Situation selbst hineinbegaben, bemerkten sie, dass der Platz baulich bereits alles hatte, was man brauchte. Physische Veränderungen erschienen ihnen deshalb nicht angebracht. Stattdessen veranlassten sie ein Regelwerk simpler Instandhaltungsarbeiten, die vernachlässigt worden waren, gerade weil der Platz vorher baulich nicht als „schön“ interpretiert wurde.

So drehten sie die Situation um: In ihrem Verweis auf die performative Umgangsweise mit dem Platz verbesserten sie dessen Nutzbarkeit, dasjenige, was mit dem Platz gemacht wird, wie er gebraucht wird. Der Mehrwert bemisst sich nicht in Quadratmetern, sondern im hinzugefügten Potenzial an Lebensbewegung und -qualität.Die Messlatte der Architektur wird mit einer solchen Haltung neu justiert. Ihre raison d’être liegt weniger in der Produktion von signethaften Ikonen, vielmehr soll sie sich als Teil eines sozialen Prozesses sehen und verstehen. Vielleicht ist es hilfreich, sich dazu einige Erfahrungen der letzten Jahrzehnte in Erinnerung zu rufen.

1. Das Wohnen und der Wohnungsbau müssen nicht neu erfunden werden. Bei allen kulturellen Differenzierungsleistungen im Erscheinungsbild und im Gebrauch, ist das Wohnen eine anthropologische Konstante, ein Teil des Bedürfnishaushaltes geblieben. Mit großer Sicherheit sind die Häuser der Zukunft vernetzt und in sich „mobil“, werden avancierte Technologien – ubiquitär und kabellos – zur Verfügung stehen. Die Wohnwelt selbst aber verändert das nicht grundlegend. Ohnehin hat das Haus gegenüber öffentlichen Dienstleistungen immer wieder erstaunlichste Integrationsleistungen vollbracht. Die wichtigste war vielleicht die Privatisierung des WC, das sich noch lange extern, auf der Etage, auf dem Treppenabsatz, im Hof, befand. Auch die öffentlichen Wasch-, Bade- und Saunaanstalten sind längst in der Wohnung privatisiert. Und sie hat auch die Eigenküche gegen alle rationalistischen Vorschläge verteidigt, mit enormen technischen Aufwand sogar ausgebaut. Warum sollten bei dieser Fähigkeit der Wohnung zur Einverleibung, bei dieser „Absorbtionsfähigkeit“ der Wohnung nun deren Grundfesten ins Wanken geraten, wenn seit zwanzig Jahren Techniker und Marktstrategen sich mit dem „Smart House“ beschäftigen? Ein high-tech-Regelmechanismus, die intelligente Vernetzung von Zentralheizung über Waschmaschine, Rollläden, Dusche bis Kaffeekocher, ist als künftige Grundausstattung durchaus machbar – als eine Art Intranet für das eigene Haus –, ohne dass deswegen das tradierte Wohnmuster selbst in Frage gestellt wird. Die grundsätzlichen Ansprüche an das Wohnen bleiben, nur verfeinern sie sich gegebenenfalls. Sie finden ihre Bestätigung, indem sie sich technischer Innovationen bedienen.

2. Das Wechselspiel zwischen der Architektur und dem Wohnen ist ambivalent. Zwar hatten die Architekten vor einem knappen Jahrhundert das Wohnen als „ihre“ Aufgabe entdeckt: Sie wollten Haus und Wohnung nach rationell-funktionalen, ihnen als vernünftig erscheinenden Gesichtspunkten gestaltet wissen. Aber ganz selbstverständlich nahmen sie an, dass sich die Menschen ebenfalls nach diesen Maßstäben erziehen lassen werden. Was als „befreites Wohnen“ proklamiert wurde, ähnelte alsbald einer Zwangsjacke. Minimalmaße wurden oft genug als notwendige Maße missverstanden und mussten als Ausgangspunkt für den Entwurf herhalten. Hier drängt sich die Frage auf: Warum ist die Binnendifferenzierung unserer heutigen Sozialbau- oder Mietwohnungen oder auch des Eigenheims in der Regel kaum weiter fortgeschritten als im Nürnberger Stadthaus der Dürerzeit oder ein Jahrhundert später in den Niederlanden? Die holländischen Architekten Claus en Kaan haben dies auf folgenden Nenner gebracht: „Zusehends werden die Bedürfnisse des Menschen analysiert und kategorisiert, und der Wohnungsbau wird auf „rationelle Bebauungsweisen“ reduziert. Dies hat zur Folge, dass die entwickelten Wohnungsgrundrisse unmöglich noch etwas anderes beherbergen können als das unmittelbar vorgesehene Programm, das ihnen zugrunde liegt.“

3. Konzentration und Masse machen den Wohnungsbau problematisch. Der springende Punkt ist die Frage der Größenordnung. Wenn wir unter Stadt urbane Vielfalt und Lebendigkeit verstehen, dann braucht sie eine gewisse Kleinteiligkeit, in der Fachdiskussion geht es um die städtische Körnung. Genau die aber spielt in den Strategien der Immobilien- und Wohnungswirtschaft keine oder doch nur eine geringe Rolle. Mehr noch: Kleinteiligkeit wird von Investoren zumeist als kontraproduktiv wahrgenommen. Und dieser Trend ist nur schwer zu durchbrechen. Betriebswirtschaftlich handelt es sich um die Nutzung „positiver Skaleneffekte“, somit allein um Strategien der Kostenminderung, die bei der Projektierung größerer Gebäudekomplexe zu erzielen sind. Diese Mechanismen bilden sich in der Struktur und im Bild der Städte ab.

Das Problem liegt in der „Anlage“ – jenem baulichen Format, das Gebäude, Freiraum und Erschließung gleichsam zu einer Betriebseinheit zusammenfasst. Hier blühen Monokulturen aller Art, hier wird Homogenität zur Beschränkung. Kleinteilig strukturierte Gebiete hingegen, von öffentlichen Räumen durchzogen, sind im Unterschied dazu entwicklungsfähig.

„Wie wenn es schon immer so gewesen wäre“: So lässt sich jenes Gestaltungsprinzip umschreiben, für das der Wiener Architekt Josef Frank 1958 das originelle Lehnwort „Akzidentismus“ (er)fand. Nicht der Baumeister bestimme den Gebrauch, sondern der Gebrauch die Architektur. Nur so lasse sich die unaufgeregte Alltäglichkeit des Lebens erreichen. Die gestalteten Dinge müssen dem Benutzer eben „zufallen“.

Frank trennte das Haus nie von Stadt und Landschaft, soziales Engagement nicht vom exklusiven Interieur. Und just so etwas wäre auch heute notwendig: Die Architektur des Wohnens ist eine integrative Angelegenheit, doch mit vielen Wechselwirkungen. Es gibt diesbezüglich nicht nur „eine“ Sichtweise und nicht nur „eine“ richtige Entwicklung. Nicht alles, was möglich ist, ist auch realistisch. Und nicht alles was machbar ist, ist auch wünschenswert.

Der Autor ist Architekt und Stadtplaner.

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