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Resilienz, Suffizienz: Das Grünhaus auf der schwedischen Insel Ekero gilt aus verschiedenen Gründen als vorbildich.

Architektur

Architektur: Vom Scheitern und Verzichten

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Es braucht einen neuen, erweiterten Funktionsbegriff in der Architektur.

Es ist nur etwas verkürzt, wenn man behauptet, dass die Klassische Moderne vor allem ein Leitmotto kanonisierte: „Form Follows Function“. Seit den 1920er Jahren kreiste der Architekturdiskurs um den Begriff der Funktion, begründete mit ihm eine neue Rationalität sowie allerlei formale Innovation, und bemühte ihn mitunter sogar als Antwort auf die von dem Kunsthistoriker August Schmarsow aufgeworfene Frage, wie die Architektur zu „Ausweitung und Aufschwung unserer Seele“ beitragen könne.

Doch spätestens die negative Entwicklung durch den Bauwirtschaftsfunktionalismus, unübersehbar seit den 1950er Jahren, offenbart, dass der Funktionsbegriff in der Architektur gehörige Probleme in sich birgt. Einerseits ist er meist nur ein Teilargument, das dann unstatthaft verabsolutiert wird. (Gibt es etwa im Menschen nur Funktionen der Arbeit, des Schlafens, der Erholung – die mit einer vermeintlich effizienten Bereitstellung von Räumen bestens befriedigt werden können?). Andererseits, und dem nicht widersprechend, deckt der Funktionsbegriff ein (zu) großes Spektrum ab. Wie der Gesetzesbegriff, der seit alters her davon ausgehen muss, dass sich seine Allgemeingültigkeit nicht für alle Fälle passend machen lässt und deshalb einer beständigen Anpassung bedarf, hat auch der Funktionsbegriff einen generellen Anspruch, so dass er immer wieder auf jeweils neue Bedeutungen hin befragt werden muss, um ihn sinnvoll auch anwenden zu können. Zumal er ja ein Terminus ist, der, historisch gesehen, in der Architektur stets dann auftauchte, wenn eine Veränderung sich abzeichnete, wenn etwas Neues eingehegt werden musste.

Angesichts der heutigen Herausforderungen, stellen Resilienz und Suffizienz zwei vielzitierte Schlagworte dar. Was hat es damit auf sich? Der Begriff Resilienz bedeutet so viel wie Unverwüstlichkeit, Zuverlässigkeit und Wider-standsfähigkeit. Er benennt die Fähigkeit einer bedrohten Einheit, antizipierte Schäden zu überstehen. Erreicht werden kann sie entweder durch die Fähigkeiten von Systemen, bei auf-tretenden externen Schocks entweder möglichst robust zu sein, also möglichst geringfügig verwundet zu werden, oder schnell wieder den Ursprungszustand zu erreichen, oder durch deren Flexibilität, ihre internen Strukturen zu verändern und einen konstanten Zustand der Anpassungsfähigkeit zu kultivieren.

Ein typisches Beispiel für mangelnde Resilienz zeigte ein Vorfall, der sich im Januar 2010 am Münchner Flughafen ereignete: Ein Passagier durchquerte die Sicherheitskontrolle (wie sich später herausstellte: versehentlich), nahm seinen Laptop mit und ging einfach weiter, obwohl das Personal ihn aufforderte, den Computer erneut prüfen zu lassen, da der Sicherheitscheck angeschlagen hatte. Niemand hielt den Mann schnell genug auf, und so war er innerhalb kürzester Zeit zwischen den Hunderten von Passagieren im Terminal verschwunden. Daraufhin wurde dieses komplett geräumt; für drei Stunden gab es keine Starts mehr, einige Flugzeuge mussten den Flughafen leer verlassen, um die Flugpläne einzuhalten. 100 Flüge verspäteten sich oder fielen aus, Tausende Passagiere waren betroffen. Ein resilientes System wäre in der Lage gewesen, den Fehler aufzufangen und den Mann in einer weiteren Sicherheitsstufe festzuhalten.

Doch bietet der Begriff nun etwas, das über den strapazierten Terminus Nachhaltigkeit hinausgehen könnte? Während Anpassung an und Vorbeugung vor Krisen als die zwei Säulen nachhaltiger Entwicklung einem ausgeprägten Positivismus folgen, stellt sich Resilienz der Möglichkeit des Scheiterns. Sie könnte einen komparativen Vorzug aufweisen, weil sie erlaubt, auch über Schrumpfung, Unerwartetes oder Visionen jenseits des Status quo nachzudenken, wohingegen Nachhaltigkeit stets eine Fortführung des Status quo, also Stabilität zum Ziel hat. Dass Architektur und Städtebau weiterhin darauf abzielen, die heute schon vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen einfach immer weiter auszubauen, steht damit auf dem Prüfstand. Wäre es nicht angezeigt, Risiken bereits im Vorfeld abzuschätzen und ihr Entstehen zu vermeiden? Da krisenhafte Ereignisse aber dennoch eintreten können, muss man schon vorher fragen, wie man sie mit möglichst geringem Schaden bewältigen kann. Das berührt zugleich die Anreizkonstellationen aller Akteure. Während Nachhaltigkeit im Wohlstand deshalb zum Papiertiger werden kann, weil jede Form von Anpassung und Verzicht eben keinen direkt spürbaren Mehrwert entfacht, geht es nun um die Gefahr eigener Verluste – und genau das kann Flügel verleihen.

Etwas anders verhält es sich mit dem Begriff Suffizienz. Er adressiert die Frage nach dem rechten Maß sowohl in Bezug auf Selbstbegrenzung, auf Konsumverzicht, als auch Entschleunigung. Im Kern geht es also um die Frage, wie es mit der Gesellschaft weitergehen soll. Territorialität und Raumbildung spielen dabei fraglos eine wichtige Rolle. Während Effizienz in der Regel auf neue Technologien zielt, meint Suffizienz eher ein Umdenken.

Das ist gesellschaftlich ungleich schwerer zu haben. Zwar gibt es sie punktuell bereits, diese neue Genügsamkeit, diesen mitunter als hippen Trend ausgerufene „Cult of Less“. Das mag an holzschnittartige, ideologische Systemverweigerung erinnern, auch an die alternativen Autarkie- und Selbermach-Modelle an die Hippies der 1970er-Jahre. Aber schließlich warnte der Club of Rome schon 1972 vor den Grenzen des Wachstums. Eigentlich ist es unstrittig, manche Weichen endlich neu zu stellen. Doch die Mentalität des Menschen an sich scheint hier eine Barriere zu bilden: Die calvinistische Ethik der Enthaltsamkeit wird vermutlich kaum Popularitätswerte erreichen wie, sagen wir, die deutsche Nationalmannschaft in einem Halbfinale der WM. Hinzu kommt der Rebound-Effekt: Der ökologische Effizienzgewinn wird durch Mengenwachstum überkompensiert. Mehr sparsame Autos verbrauchen mehr Benzin als wenige Spritschlucker.

Lässt sich das auf nicht-dirigistische Weise ändern? Der Hype um das „urban gardening“ mag übertrieben erscheinen – tatsächlich stellt die Kleingärtnerei ja eher ein gehobenes Hobby denn einen revolutionären antikapitalistischen Akt dar –, aber die innerstädtische Selbstversorgung ist gleichwohl ein Ansatz, Rohstoffkrise und ökologischen Kollaps zu verzögern. Positiven Beispielen kommt ohnehin eine eminente Rolle zu. Zwar mag ein Imagewandel hin zu „Askese ist cool“ nicht in Sicht sein. Aber staatliche und kommunale Initiativen können durchaus helfen, Glaubwürdigkeit herzustellen und eine Mobilisierungsgrundlage zu liefern.

Die Stadt Zürich hat es demonstriert: Ihre Bürger votierten Ende 2008 bei einer Volksabstimmung mehrheitlich für die „2000-Watt-Gesellschaft“. Dabei handelt es sich um ein energiepolitisches Modell, demzufolge der Energiebedarf eines jeden Bewohners einer durchschnittlichen Leistung von 2000 Watt entsprechen darf. Wie ambitioniert dieses Ziel ist, das man bis 2050 er-reicht haben will, zeigt sich im Vergleich: die Schweiz weist derzeit einen fast dreimal höheren Verbrauch aus.

Freilich lassen sich weder Resilienz noch Suffizienz umstandslos auf das Bauen beziehen. Während erstere ein offenes und elastisches Verständnis dessen einfordert, was Bauten und Räume gewährleisten müssen, verweist letztere eher auf die Voraussetzungen im Vorfeld eines Entwurfs. In jeden Fall braucht es weitere intellektuelle Anstrengung und spezifizierende „Übersetzungsleistungen“, um die Begriffe für die Architektur operationabel zu machen.

Denn beide Termini stellen, um mit Georg Simmel zu sprechen, so etwas wie Figuren des Übergangs dar, die sich „vielmehr pfadfinderisch als anbauend“ vielfältigen Funktionssphären zuwenden. Doch sie verweisen zugleich darauf, dass Planen und Bauen (auch) als materielles Substrat von Vorstellungen zu begreifen, wie die Welt beschaffen sein soll. Sich lediglich auf den tradierten Kanon von Utilitas, Firmitas und Venustas, Festigkeit, Nützlichkeit, Schönheit, zu kaprizieren, könnte nahelegen, dass die Architektur Sprache und Grammatik des zukünftigen Bauens vernachlässigt. Ergo: Resilienz und/oder Suffizienz tragen durchaus zur Belebung des Architekturdiskurses bei. Inwieweit sie auch zu einem Paradigmenwechsel taugen, bleibt fürs erste offen.

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