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Vorhandene Bausubstanz wesentlich häufiger und intensiver zu nutzen, wäre ein immenser gesellschaftlicher Fortschritt.

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Architektur heute: Sich in den Bestand hineinversetzen

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Plädoyer für einen Wandel auch in der Architektur, angefangen mit der Umwandlung und Weiterentwicklung vorhandener Bausubstanz.

Vor hundert Jahren deklarierte Marcel Duchamp einen Flaschentrockner zum Kunstwerk – ohne ihn zu verändern. In Bezug auf die Kunst mag sie heute ein Manierismus sein, doch diese Liebe zum Objet trouvé ist in gesellschaftlicher Hinsicht eine tolle Idee. Nur bei der Gestaltung der Umwelt steht sie nicht sehr hoch im Kurs. Was auf den ersten Blick wie eine Petitesse aussieht, hat freilich, wie der niederländische Vordenker Aldo van Eyck formulierte, weitreichende Konsequenzen: „Architekten reiten immer auf dem herum, was unsere Zeit von anderen unterscheidet, und das in einem solchen Maße, dass sie die Verbindung mit dem, was sich nicht unterscheidet, völlig verloren haben.“

Eigentlich ist die Haltung gegenüber dem Vorhandenen, der Umgang mit dem Bestand so etwas wie die Gretchenfrage der Architektur geworden. Sie wird aber nicht offen gestellt, obgleich das doch unseren Alltag entscheidend prägt: Seit langem übersteigt der Umfang von Gebäudesanierungen jenen der Neubautätigkeit drastisch. Auch zielen die allermeisten Suchanzeigen auf schon vorhandene Wohnungen, nicht auf Zukunftsprospekte. Zudem sind Gebäude immer noch Langfristprodukte: Die Generation ihrer Erbauer kann in der Regel damit rechnen, dass ihre Lebensspanne kleiner sein wird als jene der Bauwerke. Und dennoch dominiert ein Denken in schnellen Zyklen und kürzeren Fristen, die „verkaufsfördernd“ sind, aber wenig mit der Realität gemein haben.

Viele Architektur- und Bauentscheidungen hängen offenkundig nicht von Sinnfälligkeit, Vernunft und langfristiger Wirtschaftlichkeit ab, sondern von Moden, Zeitgeschmack und – noch immer – von Fortschrittshoffnungen. Oder, wenn man es grundsätzlich ausdrücken will: Aus der Warte fortlaufender technologischer Innovation heraus werden Chancen eines prognostizierten Systemwechsels im Bauwesen überschätzt. Und zugleich werden Qualitäten und Anpassungsmöglichkeiten des Bestandes signifikant unterbewertet.

Angesichts dessen ist es dringend geboten, eine neue, bestandsorientierte Theorie der Architektur zu formulieren: um die Messlatte richtig zu justieren. Es ist ja immer noch so, dass das neue Museum in der Baulücke, das Institutsgebäude auf der citynahen Brache oder das Stadterweiterungsprojekt auf der grünen Wiese als die Königsklasse der Baukunst gehandelt werden. Signature Buildings und hyperindividuelle Architektur: an den Universitäten so gelehrt, überdies mit medialer Aufmerksamkeit belohnt. Das wäre ein für alle Mal zu revidieren. Zumal Architektur stets in einer Art vielfältigen Verhältnis zur Geschichte steht: Zu der eines Ortes, eines Ereignisses – und nicht zuletzt zur eigenen, die für jedes Bauwerk schon in jenem Moment anbrechen kann, in dem es erdacht wird, die spätestens aber dann beginnt, wenn es fertiggestellt ist.

Einer, der immer wieder das Banal-Vorhandene in den Mittelpunkt seines kreativen Schaffens rückt, ist der Architekt Arno Brandlhuber. Das Arbeiten mit dem Bestand gilt ihm schlicht als eine Selbstverständlichkeit. Denn „es ist überall schon etwas da“, wie er bekundet. Als er vor einigen Jahren in einer Baulücke der Berliner Brunnenstraße sein von der Kritik gefeiertes Haus errichtete, war schon ein halbfertiges, seit über einem Jahrzehnt verrottendes Kellergeschoss da, das ein gescheiterter Investor hinterlassen hatte.

Brandlhuber bezog die Investorruine in den Neubau ein, nahm damit einige Vorgaben in Kauf, gewann allerdings zugleich Gestaltungsspielräume – und reduzierte die Baukosten. Welche Lehren lassen sich daraus ziehen? Vielleicht, dass die Fähigkeit, sich in den Bestand hineinzuversetzen, auf Dauer mehr zählt, als ihm Neues entgegenzusetzen. Es geht nicht darum, ohne Bedacht auf die Mittel größer, besser und schneller zu gestalten, sondern darum, nach anderen Bedeutungen zu suchen.

Verstünde man den Begriff der Reform in seiner ursprünglichen Bedeutung, würde deutlich, worin das Problem liegt: Reformieren hat einmal geheißen, etwas in seine ursprüngliche Funktion bringen, sich auf das Wesentliche besinnen, ein nicht mehr funktionierendes System verbessern. Was wir heute unter Reform kennen, ist meist weder Wiederherstellung noch Verbesserung. Sondern die Veränderung um der Veränderung und Beschäftigung willen. Ein bemerkenswertes Zeichen gegen eine solche Reformsimulation setzte das Büro von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal. Vor etwa 30 Jahren hatte sich die Stadt Bordeaux die Aufwertung und Neugestaltung einer Reihe von Plätzen vorgenommen.

Das war auch das erste Projekt der mittlerweile berühmten Architekten. Sie wurden gefragt nach Ideen zur Verschönerung des Place Léon Aucoc, einem Platz im Arbeiterbezirk der Stadt. Die Architekten verbrachten zunächst einmal viel Zeit dort. Und während sie sich in die Situation selbst hineinbegaben, merkten sie, dass der Platz baulich bereits alles hatte, was man brauchte. Physische Veränderungen erschienen ihnen deshalb nicht angebracht. Stattdessen veranlassten sie ein Regelwerk simpler Instandhaltungsarbeiten, die vernachlässigt worden waren, gerade weil der Platz vorher baulich nicht als „schön“ interpretiert wurde. So drehten sie die Situation um: Indem sie auf den Umgang mit dem Platz verwiesen, verbesserten sie dessen Nutzbarkeit, dasjenige, was mit dem Platz gemacht wird, wie er gebraucht wird.

Auch das Nichtbauen ist eine Option, wenn man nach räumlichen Lösungen sucht. In einem neu zu definierenden Bilanzrahmen müsste der Gebäudebestand als Wert verstanden werden: Denn jeder Bau, der schon existiert, bringt den Primärenergieinhalt seiner Baustoffe und Bauprozesse – und das damit verbundene Kapital von Umweltbelastungen – ja schon mit.

Mit anderen Worten: Je länger wir erhalten, auf einen desto längeren Zeitraum von Nutzungsjahren verteilt sich diese Belastung. Notwendig wäre der Paradigmenwechsel zurück zum Ideal der Langfristigkeit nicht nur im Gebrauchsgüterbereich, sondern auch aus einem ganzheitlich-kulturellen Anspruch heraus. Für die Architektur hieße das durchaus weitere technische Innovation, aber eben auch ein Prüfen der Möglichkeiten, Aufwand zu vermeiden. Und auf neue Architektur auch mal zu verzichten.

„Lieber gar nicht bauen als zu viel bauen!“, postulierte Frei Otto einmal. Die Fähigkeit, sich in den Bestand hineinzuversetzen, zählt auf Dauer mehr, als ihm Neues entgegenzusetzen. Es geht nicht darum, ohne Bedacht auf die Mittel größer, besser und schneller zu gestalten, sondern darum, nach anderen Bedeutungen zu suchen. Zu diskutieren ist, welche Ansprüche eine Gesellschaft mit der Nutzung von Bauten verbindet. Insofern erweist sie sich als ein kulturelles Produkt, eine fortwährende Abstimmung darüber, welche Anforderungen und welche Anpassungen für ein Gebäude, für einen Raum als erforderlich und als hinnehmbar betrachtet werden. Der Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und der Produktionsweise von Architektur ist darin – wenngleich in verdeckter Form – gegenwärtig.

Dass Umwandeln keine triviale, zwangsläufige Angelegenheit darstellt, kann man ja schon daran sehen, wie viel gesellschaftlicher Unwille bei (städte)baulichen Veränderungen oft zum Ausdruck kommt. Die Debatten um Stuttgart 21 einerseits und die Frankfurter oder Dresdener Altstadt markieren hier lediglich zwei Extreme. Und was man gemeinhin als Transformation beschreibt, dient gleichermaßen der Erhaltung des Gebauten wie der Befriedigung neuer Bedürfnisse, die sich über den Lebenszyklus eines Gebäudes verändern. Gefragt ist weniger Renovierung als vielmehr Recycling von Bestandsgebäuden mit neuer Nutzung. Die entscheidende Frage ist: Was lässt sich daraus machen? In der Architektur ist heute eine situativ passgenaue Arbeitsweise gefragt, nicht die Suche nach einer generellen Ausdruckssprache.

Es geht nicht darum, ohne Bedacht auf die Mittel größer, besser und schneller zu gestalten, sondern darum, nach anderen Bedeutungen zu suchen. Es werden eher das Leise, Nüchterne, Unaufgeregte auf die Bühne gestellt – und damit letztlich die architektonischen Lösungen, nicht die großen (Selbstdarstellungs-)Fragen.

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