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Neue-Heimat-Wohnanlagen in Trostberg.

Neue Heimat

Architektur: Das Gesicht der Bundesrepublik

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Welche Lehren lassen sich aus der Neuen Heimat und ihrer Architektur ziehen?

Im Alter, erklärte einmal der Schriftsteller William Somerset Maugham, bereue man gewöhnlich die Sünden, die man nicht begangen habe. Nun, die Neue Heimat muss das posthum nicht bedauern, hat sie doch so gut wie keinen Frevel ausgelassen. Der Konzern schrieb im Wortsinne Geschichte: Als Institution, die Anfang des 20. Jahrhunderts so hoffnungsvoll als Fanal eines neuen Denkens und Bauens begann – und nach etwa einer halben Million gebauter Wohnungen, von Skandalen und mafiösem Finanzgebaren lauthals orchestriert, im Debakel endete.

Dabei war die Neue Heimat der größte und bedeutendste nichtstaatliche Wohnungsbaukonzern im Europa der Nachkriegszeit. Sie stellte so etwas wie den Hoffnungsträger für die Teil-habe am Wirtschaftswunder dar – und entsprechend groß war der Schock in der Öffentlichkeit über ihren ostentativen Zusammenbruch Anfang der 80er Jahre. Nun, im zeitlichen Abstand von einer Generation, widmen sich drei Bücher und eine Ausstellung einem historischen Phänomen, über das nachzudenken unbedingt lohnt. Zumal es die Frage aufwirft, was aus dem bis heute angestrebten „Wohnen für alle“ geworden ist.

Neue Heimat als Spiegelbild der bundesdeutschen Sozialgeschichte

Die Neue Heimat erweist sich als Spiegelbild der bundesdeutschen Sozialgeschichte, und zugleich lassen sich ihre Hervorbringungen als Geschichtsatlas des Städtebaus im 20. Jahrhundert lesen. Tatsächlich waren viele Projekte zu ihrer (jeweiligen) Zeit durchaus beispielgebend. Für die Planung der Gartenstadt Hohnerkamp in Hamburg-Bramfeld etwa beauftragte die Neue Heimat in den 50er Jahren Hans Bernhard Reichow, der nach seinem Aufstieg im Dritten Reich zum Verfechter eines „organischen Städtebaus“ wurde, dessen Ideen er nun mustergültig realisieren konnte. Er entwarf Gebäude im Nierentischstil, in Pastelltönen verputzt, und legte geschwungene Straßen an, die jede Kreuzung vermeiden. Insgesamt ein denkmalwürdiges, nahezu einmaliges Ensemble. Ernst May und erneut Reichow zeichneten verantwortlich für die Neue Vahr im Bremer Osten; hier entstand 1957–1962 nach den Prinzipien der aufgelockerten, gegliederten Stadt ein ganzer Stadtteil mit 10 000 Wohnungen.

Es sollte der Prototyp einer modernen Stadt werden, dessen entscheidende Merkmale lauteten: eigenes Zentrum, Grünzüge, getrenntes Fußwegesystem, gemischte Bauweise vom Hochhaus bis zum zweigeschossigen Reihenhaus und Entmischung der Funktionen. Und als Krönung des Ganzen war das von Alvar Aalto konzipierte Wohnhochhaus an der Berliner Freiheit gedacht. Leider hat das mit dem Modellhaften am Ende nicht so gut geklappt – die Neue Vahr ist nicht entscheidend über eine „Schlafstadt“ hinausgekommen.

Die Alltagsarchitektur der 70er Jahre gilt heutzutage vielen als Tiefpunkt der Baugeschichte. Während die Bauten der 50er Jahre noch mit handwerklichen Details und charmanter Spar-samkeit aufwarten und die der 60er mit formaler Stringenz für sich einzunehmen wissen, scheint dem Gros der zehn Jahre später entstandenen Gebäude die gestalterische Qualität abhandengekommen: unverständlich ihre Volumen, grob gefügt die Fertigteile ihrer Fassaden, plump die Profile von Fenstern und Türen, ohne jede Eleganz die Abschlüsse von Trauf- und Mauerkanten, keine Materialien an Wand, Boden und Decke, deren Oberfläche auch nur den geringsten Reiz in puncto Haptik oder Textur verströmt.

Anonyme Gebäude in Städten außerhalb der Zentren

Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um die Glanzpunkte jener Epoche, die es zweifellos auch gibt; es geht um jene anonymen Gebäude, aus denen die Städte außerhalb ihrer Zentren landauf, landab bestehen: um Schulen und Kindergärten, um Bürohäuser und Einkaufszentren, um Ein- und Mehrfamilienhäuser; um die Gebäude also, die jene diffusen Stadtbereiche bilden, die wenig zur Identität einer Stadt beitragen, stark aber das tägliche Leben ihrer Bewohner bestimmen. Und weil die Neue Heimat der größte Produzent war, steht sie pars pro toto für diesen „Heimatverlust“.

Doch dieses Bild ist möglicherweise schief, wie die berühmte Studie „Learning from Las Vegas“ der Architekten Robert Venturi und Denise Scott Brown (1971 erschienen, aber ganz klar ein 68er-Projekt) lehrt. Sie prägte die Wahrnehmung der modernen, kommerzialisierten Stadt und beeinflusste viele urbanistische Entwicklungen weltweit.

Mit einer Mischung aus Faszination und Befremden blickt man heute auf die visionären Stadtentwürfe der Nachkriegsmoderne, für deren namhafteste die Neue Heimat verantwortlich war. Ob nun die Nordweststadt in Frankfurt, Nürnberg-Langwasser, Osterholz-Tenever, Neuperlach in München, Hamburg-Mümmelmannsberg oder Darmstadt-Kranichstein: Bei aller Unterschiedlichkeit in Konzeption und Formensprache erscheinen sie vom gleichen, ungebrochen optimistischen Geist getragen, der für das Jahrzehnt zwischen 1960 und 1970 so bezeichnend war: technologieaffin, fortschrittsgläubig und megaloman. Heute muten die Bauten und Siedlungen, aber auch die Modelle und Zeichnungen wie Relikte einer fernen Zeit an, die man halb skeptisch, halb neidisch um ihre von Fragen nach Maßstäblichkeit, Nachhaltigkeit oder sogar Realisierbarkeit unbeschwerte Kreativität bestaunt.

In den 70er Jahren prägte die Neue Heimat allmählich eine gewisse Hybris. So wollte man etwa neben der bestehenden Zentrale in Hamburg-Hohenfelde eine weitere errichten, wozu freilich eine Vielzahl eigener Wohngebäude hätten abgerissen werden müssen. Doch die Mieter kämpften verbissen dagegen an; sie wollten ihr citynahes Habitat erhalten. Mit Erfolg, nachdem die Lokalpresse es groß zum Thema machte. Retrospektiv darf man dies als Menetekel werten: Ein Unternehmen, das sich als Teil der Arbeiterbewegung versteht, agiert gegen seine Klientel – und unterliegt.

Ambitioniert und ambivalent

So ambitioniert wie ambivalent war auch der Auftritt der einflussreichen Zeitschrift „Neue Heimat Monatshefte“. Gegründet wurde sie von Ernst May, der nach seiner Rückkehr aus dem Exil zwar die Position des Oberbaudirektors in Hamburg ausschlug, das Angebot, die Pla-nungsabteilung der Neuen Heimat zu leiten, jedoch annahm. Im Rückgriff auf seinen publizistischen Erfolg in den 1920 Jahren mit „Das Neue Frankfurt“ verband er damit grundsätzliche Ambitionen, fühlte sich aber alsbald kujoniert vom Vorstandschef Heinrich Plett und warf nach zwei Jahren das Handtuch – woraufhin das Periodikum im Sinne des Konzerns durchprogrammiert wurde. Dem Zeitgeist entsprechend werden neue Wohnanlagen mit Ziffern beschrieben und soziologisch begründet. Alsbald schien darin nicht nur die visuelle, sondern auch die verbale Stadt vollkommen geordnet. Ein charakterfestes System, eine Geschichte, ein Märchen – aber menschenleer. Das ausgeklügelte und bis ins kleinste Detail durchdachte System schafft eine vorbestimmte Welt, in der jeder individuelle Beitrag zu dieser Stadt überflüssig wird. Über Architektur und Gestaltung verliert man besser kein Wort. (Was sich freilich, nach einer gründlichen Umgestaltung und neuer Namensgebung zu „Stadt“ Anfang der 80er Jahre, änderte.)

Mit der dokumenta urbana in Kassel machte man zwar implizit die Baukultur (wieder) zum Thema; ließ sich sogar auf Experimente ein (unter anderem mit Hertzberger, Hilmer & Sattler, Baufrösche). Zugleich aber stellte man durch die Gründung von kommerziellen, nicht gemeinnützigen Tochtergesellschaften – die dann etwa das ICC in Berlin oder die Aachener Uniklinik bauten – die Weichen in Richtung Untergang.

Verglichen mit anderen großen deutschen Wohnungsunternehmen war die gewerkschaftseigene Neue Heimat eine schillernde Erscheinung. Sie wagte sich auf viele fremde Terrains vor und überschätzte dabei die eigenen Möglichkeiten. Doch vor dem Hintergrund der aktuellen Wohnungskrise und Diskussionen über den Neubaubedarf in vielen Großstädten scheint der Zeitpunkt gekommen, um mit anderen Augen auf die Neue Heimat zu schauen, zumal es den Kommunen heute an einem vergleichbaren Instrument fehlt, wie es die Neue Heimat seinerzeit darstellte. Wenn Carlo Levi Recht hat mit seinem Satz „Erfahrungen sind Maßarbeit. Sie passen nur dem, der sie macht“, dann müssen wir uns Stadtplanung und Wohnungsbau aufs Neue aneignen.

Zur Sache

Ullrich Schwarz (Hrsg.): neue heimat. Das Gesicht der Bundesrepublik. Bauten und Projekte 1947 – 1985. Dölling und Galitz Verlag, 2019. 808 S., 79 Euro.

Michael Mönninger: Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates. Städte- und Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne. Dom publishers, 2018. 480 S., 49 Euro.

Andreas Lepik u. Hilde Strobl: Die Neue Heimat (1950–1982). Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Edition Detail, 2019. 236 S., 29,90 Euro. Katalog zur Ausstellung in der Pinakothek der Moderne, München, bis 19. Mai. Danach im Museum für Hamburgische Geschichte vom 27. Juni bis 6. Oktober.

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