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Die KZ-Gedenkstätte Dachau: Fundamente markieren die ehemaligen Standorte der Baracken, von denen zwei rekonstruiert wurden.

KZ Dachau

„Ausgrabungen sichern Spuren am Tatort“

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Der Archäologe Wolfgang David spricht im Interview über seine Forschungen im ehemaligen KZ Dachau.

Herr David, Ihre Leidenschaft als Archäologe gehört der Kultur der Kelten. Sie haben vor Jahren aber noch ein anderes wichtiges Kapitel aufgeschlagen. Sie haben mit Grabungen an den Stätten des nationalsozialistischen Terrors begonnen. Wie ist es dazu gekommen?
Ich bin für zeitgeschichtliche archäologische Spuren bereits 1978 als Schüler durch die Teilnahme an einem internationalen Jugendlager der Kriegsgräberfürsorge in Frankreich sensibilisiert worden. Ich sah die Schlachtfelder bei Verdun, auf denen noch persönliche Gegenstände der Soldaten lagen. Ich fand ein deutsches Kochgeschirr und nahm es mit nach Hause. Später als Doktorand in München sah ich in einer privaten Kinovorführung „Shoah“, die große und bewegende Dokumentation von Claude Lanzmann über den Holocaust, die damals noch nicht im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Das war ein Einschnitt.
Ja, absolut. Lanzmann drehte an Stätten ehemaliger deutscher Lager wie Sobibor, Treblinka oder Majdanek, wo die Deutschen beim Rückzug noch selbst die Spuren des Mordens verwischt hatten. Aber tatsächlich gab es noch Spuren, die Gleisanlagen etwa. Oder er drehte bei der Schlucht von Babyn Jar.......

...in der Ukraine, wo die deutschen Einsatzkommandos Zehntausende von Menschen ermordet hatten....
Ja. Das war im Sommer 1941. Für mich wurde klar: Plätze wie diese müssen archäologisch untersucht werden, um Spuren zu sichern, die einzigartige Anknüpfungspunkte für das Gedenken sein können. Keinesweges dürfen sie überbaut oder überformt werden.

Das war damals in Deutschland ein Tabu.
Ja. Ich arbeitete in München als Assistent an der Universität. Die deutschen Wiedervereinigung 1990 gab neue Impulse, sich mit den bestehenden Gedenkstätten und anderen Orten des Terrors zu beschäftigen. Es gab eine Anfrage an mich von einer Kollegin, die als Historikerin seit Ende der 1990er Jahre an der Neugestaltung der Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau mitarbeitete. Es gab damals Tiefbauarbeiten im Hof des ehemaligen Lager-Gefängnisses und ich wurde eingeladen, die Bauarbeiten als Archäologe zu begleiten. Zudem wurden die Amtsstuben und Häftlingszellen des sogenannten Bunkers, das Lager-Gefängnis, durch Restaurierungsarbeiten an den Zustand der 1940er Jahre herangeführt. In einem Teil des Traktes saßen SS-Häftlinge wie zum Beispiel Deserteure, Befehlsverweigerer oder straffällig gewordene Mitglieder der SS ein. Im anderen Teil des „Bunkers“ waren prominente Häftlinge untergebracht, wie etwa der gescheiterte Hitler-Attentäter von 1939, Georg Elser, der nach jahrelanger Haft dort wenige Wochen vor der Befreiung ermordet wurde. Man nahm jüngere Farbschichten ab, um eventuell Graffiti der Häftlinge zu finden. Und tatsächlich gab es Kritzeleien in verschiedenen Sprachen wie etwa Polnisch oder Russisch, die dem diesbezüglich geübten Blick eines Archäologen gleich ins Auge fielen.

Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?
Die Suche nach archäologischen Spuren an diesem besonderen Ort. Es gab dann in der Folge keine Bodeneingriffe mehr ohne archäologische Begleitung. Und von Seiten der Gedenkstätte wurde im Zusammenhang mit der in Angriff genommenen teilweisen Umgestaltung der Gedenkstätte großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Archäologie signalisiert. So kam es dann 2000 und 2001 zu drei von mir geleiteten Grabungskampagnen im Nordwesten des ehemaligen „Schutzhaftlagers“ sowie auf dem ehemaligen SS-Schießplatz bei Hebertshausen, die als Forschungsgrabungen mit konkreten Fragestellungen – also nicht lediglich als Rettungsgrabungen – angelegt waren.

Wolfgang David ist prähistorischer Archäologe und ein Kenner der Bronzezeit.


Wie reagierten Ihre Kollegen?
Manche Archäologen haben gesagt: Was macht der dort überhaupt? Ein älterer Professor hat mir vorgeworfen, ich vergeudete meine Zeit und missbrauchte meine Stelle als Assistent an der Universität. Mein damaliger Chef an der Universität jedoch unterstützte mich uneingeschränkt. Bei den Grabungen im ehemaligen Lage ging ich der Frage nach, ob es noch authentische Spuren des ehemaligen Lagers im Boden unter der heutigen Gedenkstätte gibt, die Anfang der 1960er Jahre ihr heutiges Aussehen erhielt. Lassen sich die Standorte damals abgerissener Gebäude wie der Desinfektionsbaracke, des Lagerbordells oder der zugeschüttete nördliche Lagergraben lokalisieren? Gibt es Reste davon? Finanziert wurden die Grabungen der Jahre 2000 und 2001 von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung.

Was haben Sie gefunden?
Mehrere unterschiedliche Phasen der Nutzung des Lagers. Wir haben den originalen tiefen Graben gefunden, der die Häftlinge an der Flucht hindern sollte. Dieser erwies sich als breiter und tiefer als an den Stellen, wo er in den 1960er Jahren für die heutige Gedenkstätte wiederhergestellt wurde und für die Öffentlichkeit sichtbar ist. Sogar Reste der Stacheldrahthindernisse des dem Graben vorgelagerten Zaunes aus den 1940er Jahren konnten unter der heutigen Grasnarbe im Originalzustand freigelegt werden.

Also eine Verfälschung.
Nein, so sollte man dies nicht bezeichnen. Vielmehr handelt es sich ja um ein Denkmal, eine Gedenkstätte, die fast 20 Jahre nach dem Kriege und zwischenzeitlich anderweitiger Nutzung geschaffen wurde – und nicht um das Lager im Zustand der NS-Zeit. Dass Aussehen des Lagers veränderte sich beginnend mit der Befreiung Ende April 1945. Für die Häftlinge gab es innerhalb des Lagers enge Korridore aus Stacheldraht. Sie kennen vielleicht die berühmte Filmsequenz von der Befreiung des Lagers Auschwitz 1945, wo die Kinder durch einen Gang zwischen hohen Stacheldrahtzäunen gehen. Von derartigen die Bewegung der Häftlinge einschränkenden Binnenzäunen fanden wir auch in Dachau Spuren. Und wir stießen tatsächlich auf die Grundmauern der Desinfektionsbaracke, welche in den 50ern als Gaststätte diente.

Eine Gaststätte auf dem vormaligen KZ-Gelände?
Ja. In den 50er Jahren waren Heimatvertriebene und Flüchtlinge im ehemaligen Schutzhaftlager untergebracht. Es gibt Fotos von spielenden Kindern und von der Gaststätte mit Terrasse.

Warum ist es gerade heute wichtig, in den Stätten des nationalsozialistischen Terrors zu graben?
Es ist wichtig, dass die Archäologie Fragen beantwortet, die nach Studium der Dokumente und Augenzeugenberichte offen bleiben bzw. nicht eindeutig klar sind. Ausgrabungen dienen der Spurensicherung am Tatort. Leider werden ehemalige Lager und „Rastplätze“ der Todesmärsche – es gibt ja noch viel mehr derartige Orte außerhalb der bestehenden Gedenkstätten - aufgesucht von Militaria-Sammlern, die mit Metallsonden gezielt nach dem persönlichen Habe der Häftlinge und der Täter suchen. Nach der Plünderung werden im Internet oder im Militaria-Handel dann beispielsweise Löffel aus Konzentrationslagern, Resten von Häftlingskleidung und noch so manches mehr angeboten.

Sie haben auch eine Erschießungsstätte untersucht, wo 1941/42 Tausende Kriegsgefangene ermordet worden waren.
Ja, das war auf dem ehemaligen SS-Schießplatz des Lagers Dachau an der Ortsgrenze zu Hebertshausen. Auf Grundlage des sogenannten Kommissar-Befehls von 1941 wurden Polit-Kommissare der Roten Armee, aber auch Offiziere und vor allem jüdische Militärangehörige aus verschiedenen Kriegsgefangenenlagern Süddeutschlands dorthin zur Erschießung gebracht. In einer der Schießbahnen mussten sie sich nackt ausziehen und wurden dann jeweils zu Fünfen in der Schießbahn daneben erschossen und anschließend auf Haufen geworfen, was ihre wartenden Kameraden vor ihrer eigenen Ermordung miterleben mussten, wie nach dem Kriege ein ehemaliger Wehrmachtssoldat, der als Dolmetscher einen solchen Gefangenentransport begleitet hatte und unfreiwillig Augenzeuge des Geschehens wurde, beschrieb.

Was haben Sie gefunden?
Wir haben die genaue Stelle der Erschießungen lokalisieren und das damalige Laufniveau freilegen können. Es konnte festgestellt werden, dass Tötungen nur in einer der beiden Schießbahnen erfolgte. Wir fanden auch die Standspuren und Reste der hüfthohen Pfähle, an denen die Männer mit speziellen Handschellen gefesselt wurden, um sie rasch und möglichst „mühelos“ erschießen zu können. Wir haben sogar eine derartige Handschelle aus Eisen ausgegraben, die jetzt in der Gedenkstätte aufbewahrt wird Aber wir fanden auch Überreste der Ermordeten. Eigentlich hatten die Erschossenen ja spurlos beseitigt werden sollen, weshalb ihre Leichen abtransportiert und in Krematorien verbrannt wurden. Aber aufgrund der grausamen Tötungsart durch Schießen auf die Köpfe, die regelrecht zerplatzten, gelangten Spuren des Verbrechens in den Boden: Teile von Schädelkalotten, Kieferknochen, Zähne. Die Auffindung war für mich und meine studentischen Grabungshelfer erschütternd. Denn jedem war beim Freilegen klar, dass solche Verwundungen nicht zu überleben waren. Einige Menschen waren in einem Alter, dass sie zur Zeit der Ausgrabung noch hätten leben können.

Wie war die Ermordung der Menschen organisiert?
Diese Erschießungen waren gewissermaßen systematische Tötungen in der Dienstzeit. Die SS-Leute fuhren nach Dienstschluss nach Hause. Dies geschah nicht weit im Osten im Hinterland der Front, sondern mitten in der idyllischen Heimat. Im benachbarten Dorf bekamen die Leute das natürlich mit. Ältere Bewohner erzählten noch vor wenigen Jahren einem jungen Historiker, dass dies nicht auszuhalten gewesen wäre. Und es gibt auch Zeugenberichte, dass Blut von den Lastwagen, welche die Leichen ins Krematorium transportierten, auf die Straße tropfte.

Wie haben die Anwohner auf Ihre Grabungen reagiert?
In den Fällen, in denen es zu persönlichen Kontakten kam, ausgesprochen offen. Der damalige Bürgermeister war allerdings nicht besonders glücklich, dass der Name Hebertshausen in Verbindung mit diesem Verbrechen genannt wurde. Zehn Jahre nach Abschluss der Grabungen wurden am 70. Jahrestages des Deutschen Überfalls auf die Sowjetunion menschliche Überresten in einer würdigen Zeremonie an Ort und Stelle offiziell bestattet. Denn dort liegen ja immer noch weiterer Überreste von Ermordeten im Boden, da wir ja nach Klärung unserer Fragen die Flächen nicht komplett ausgruben. Es ist ein Friedhof.

Konnte man Menschen noch identifizieren?
Ja. Archivforschungen der vergangenen Jahre haben zur namentlichen Identifizierung einer immer größeren Zahl der dort Ermordeten geführt. Angehörige kennen jetzt das Schicksal ihrer vermissten Ehemänner, Väter, Onkel, Brüder etc. und besitzen nun einen Ort, wo sie trauern können. Und mithilfe von DNA-Analysen ließe sich grundsätzlich sogar direkte Verwandtschaft nachweisen.

Sie haben nun in Frankfurt den Ort der ehemaligen Synagoge an der Friedberger Anlage in Augenschein genommen. Was könnte dort unternommen werden?
Es liegen dort noch Grundmauern der 1938 zerstörten Synagoge im Boden, also authentische Reste. Wir kommen allmählich an die zeitliche Grenze, dass immer weniger Zeitzeugen vom damaligen Geschehen unmittelbar berichten können. Deswegen werden archäologische Spuren als sogenannte „Stumme Zeugen“ zukünftig immer wichtiger werden.

Was müsste man tun?
Wenn die baulichen Reste freigelegt würden, wären sie der Witterung ausgeliefert und würden Schaden nehmen. Es müssten umgehend bauliche Sicherungsmaßnahmen ergriffen werden, es käme somit zu modernen Ergänzungen an der originalen Substanz, das Unmittelbare würde zugedeckt oder zerstört. Das kann nicht das Ziel sein. Ich könnte mir jedoch durchaus vorstellen, dass man einen transparenten Anbau als Raum für Gedenkarbeit an den von Zwangsarbeitern errichteten Hochbunker anfügt, in dem eine Art gläserne Vitrine einen direkten Blick auf einen freigelegten Abschnitt der Originalfundamente ermöglicht. Diese müssten unmittelbar vom Zeitpunkt ihrer Freilegung an konservatorisch geschützt werden. An den anderen Stellen wäre eine lediglich oberirdische Markierung zu empfehlen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Zur Person

Wolfgang David, Jg. 1961, ist prähistorischer Archäologe und ein Kenner der Bronzezeit und der Kelten. Von 1991 bis 2004 arbeitete er am Institut für Archäologie der Universität München. Während dieser Zeit widmete er sich Ausgrabungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Seit 2018 ist David Direktor des Archäologischen Museums in Frankfurt.

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