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Kandidiert für eine weitere Amtszeit: die RBB-Intendantin Dagmar Reim.

RBB-Intendantin

Die Arbeit ist noch nicht getan

Seit neun Jahren ist Dagmar Reim Intendantin des RBB. Heute stellt sie sich erneut zur Wahl. Eine Bilanz.

Von Ulrike Simon

Es gab viele Stimmen, auch von intimeren Kennern des Rundfunks Berlin-Brandenburg, die davon ausgegangen waren, Dagmar Reim werde sich kein drittes Mal zur Wahl stellen. Sie fanden, nach zwei Amtszeiten und damit zehn Jahren seit dem Ende von ORB und SFB sei für die Intendantin eine gute Gelegenheit zu sagen: Die Fusion ist vollzogen, Zeit, das Zepter abzugeben. Reim werde mit ihrem um einige Jahre älteren Mann wohl nach Hamburg ziehen, in die Nähe ihres Sohnes, hieß es, und möglicherweise publizistisch aktiv. Jedenfalls werde die 60-Jährige nicht die Hände in den Schoß zu legen, das passe nicht zu ihr.

Solche Gespräche endeten meist mit Spekulationen, wer Dagmar Reim an der Spitze des RBB folgen könnte: die integre Claudia Nothelle, als Programmchefin verantwortlich für das 2011 und auch nach aktuellem Stand quotenschwächste Dritte der ARD? Oder Chefredakteur Christoph Singelnstein, vom Typ her am ehesten Alphatier? Oder womöglich Reinhart Binder, der von Reim in alle Entscheidungen eng eingebunden ist, als Direktor die Unternehmensentwicklung überschrieben bekommen hat, von dem aber RBB-Redaktionen sagen, sie hätten dem Juristen vor allem das Wissen zu verdanken, was sie nicht tun sollen? Also doch einer von außen?

Natürlich ist niemand aus dem Sender gegen Dagmar Reim angetreten, nachdem sie im März erklärt hatte, sich erneut der Wiederwahl zu stellen. Gegen sie beworben haben sich sieben externe Kandidaten, doch die Empfehlung der siebenköpfigen Kommission für die am heutigen Donnerstag angesetzte Wahl lautet, für Dagmar Reim zu stimmen. Zwar würde sie ihre Kandidatur angeblich zurückziehen, erhielte sie nicht gleich im ersten Wahlgang die erforderliche Zweidrittelmehrheit der 30 Rundfunkräte. Doch das ist nicht anzunehmen, auch wenn mit Gegenstimmen zu rechnen ist. Wie sagte Reim im März zur Berliner Zeitung: Wahlergebnisse wie in Nordkorea halte sie sowieso nicht für sexy.

In Ost und West gleichauf

Seit dem 1. Mai 2003 ist Dagmar Reim Intendantin. Genau so lange gibt es den RBB. In der Gunst der Zuschauer liegt das Fernsehprogramm in Ost und West mittlerweile gleichauf. Intern lässt die Vereinigung auf sich warten. Den sicheren RBB-Arbeitsplatz in Berlin gegen einen ebenso sicheren und inzwischen gleich dotierten in Potsdam einzutauschen, kommt manchem noch immer einem Verstoß gegen Menschenrechte gleich.

Als Intendantin des fusionierten RBB hat sich Dagmar Reim die Politik auf Distanz gehalten, sich in der ARD positioniert und intern neue Strukturen geschaffen. 2009 hat sie die Programmdirektionen von Hörfunk und Fernsehen zusammengelegt und dem Sender trimediales Denken verordnet, was nicht überall angekommen ist. Bei Radio Fritz liegt es in den Genen, es gibt Fernsehformate wie „Hörbar Rust“ und demnächst die „Literaturagenten“, die bei Radio Eins entstanden sind, und auch einzelne Beiträge aus Magazinsendungen finden parallel online und im Hörfunk Verbreitung. Stolz ist der RBB auf Großprojekte wie „24 Stunden Berlin“ oder „20 x Brandenburg“, die bundesweite Strahlkraft bewiesen haben, aber selten sind. Wirtschaftlich ist die Anstalt konsolidiert. 1750 Festangestellte zählte der RBB bei Reims Amtsantritt. 300 Stellen hat sie abgebaut, ohne betriebsbedingte Kündigungen, aber unter lautem Protest der Mitarbeiter. Opfer des Sparkurses gibt es auch anderswo, Radio Multikulti ist eines davon. Dafür erfüllte sich Reim nach diversen gescheiterten Versuchen mit „Dickes B.“ den Wunsch einer eigenen RBB-Talkshow, auch wenn das Geld für die wöchentliche Ausstrahlung fehlt. Aus Not erwächst Halbherzigkeit.

Das gilt auch für die „Abendschau“. Mit Sascha Hingst hat der RBB einen noch viele Jahre jung wirkenden Moderator. Die Biederkeit zu mindern wird Aufgabe der neuen Redaktionsleiterin Anna Kyrieleis, die einst beim ORB volontierte. Ein Dauerbrenner ist die „Abendschau“ allemal, wie sonst nur Ulli Zelle, neben dem die meisten Fernsehmoderatoren ihre Bildschirmpräsenz in weitgehender Anonymität fristen. Immerhin hat der RBB mit Dieter Moor, Jörg Thadeusz, Kurt Krömer und mit Michael Kessler, dessen „Expeditionen“ der NDR gerade nachahmt, Persönlichkeiten, mit denen sich der RBB identifizieren lässt. Doch braucht die Anstalt, die im Hörfunkbereich mit Antenne Brandenburg nach Zahlen und mit dem gerade wiederbelebten Radio Eins nach Sympathiepunkten führend ist, im Fernsehen mehr als einzelne Highlights. Dass das Fernsehprogramm als wenig überraschend und wenig unterhaltend gilt und viele Sendungen schlicht unbekannt sind, hat sich der Sender in einer eigenen Studie selbst bescheinigt. Dies zu ändern ist Ziel der Programmreform im August.

Im Anschluss an die geheime Wahl soll der Rundfunkrat auf seiner heutigen Sitzung einige der neuen Formate vorgestellt bekommen. Bekannt ist bisher nur, dass „Im Palais“, „Jury hilft“ und „Klipp und Klar“ vom Bildschirm verschwinden, „Bauer sucht Koch“ eingeführt, der Hauptabend von Pandas und Gorillas befreit und ein Sendeplatz für Experimente geschaffen wird. Auch ein neues Design präsentiert Singelnstein den Rundfunkräten. Dem bisherigen, vor Jahren prämiert, ist sein Alter anzusehen.

Zu viele Häuptlinge

Viel Geduld bedarf es, bis sich Reims Wunsch erfüllt, dass der RBB in Berlin und Brandenburg nicht nur ein „finanziell solide ausgestattetes, multimedial vernetztes, publizistisches Unternehmen der Region“, sondern vor allem „ein wichtiger, unentbehrlicher Kristallisationspunkt“ mit „starker Strahlkraft“ sein wird. Der Wunsch reicht als Vision nicht aus.

Der RBB muss nicht nur die Zuschauer und Hörer, sondern auch die Mitarbeiter mitnehmen, die im Fall aufkeimender Lust und Ideen zu oft auf Widerstände stoßen und sich im System der vielen Häuptlinge verlieren. Statt an einem Strang zu ziehen, wird oft gegeneinander gearbeitet und um Besitzstände gefürchtet. Die Stimmung ist vielerorts mies.

Noch übertüncht manche große ARD-Anstalt Ideenmangel zumindest teilweise mit Geld. Der RBB, der auch 2012 bei knapp 400 Millionen Euro Rundfunkgebühren einen Fehlbetrag von mehr als zehn Millionen erwartet, hatte diese Möglichkeit nie.

Reim kann also mit Fug und Recht behaupten, ihre Arbeit sei noch nicht getan. Wird sie heute wiedergewählt, dauert ihre volle Amtszeit bis 30. April 2018. Sie wäre dann 67. Bis dahin muss dann auch ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin parat stehen – falls sie nicht früher das Zepter abgibt.

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