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Mittelalterliche "Judensau", ein Schmäh- und Spottbild auf die Juden, an der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg. 

Antisemitismus

Fragwürdiges Urteil zur Wittenberger „Judensau“

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An der Predigtkirche Martin Luthers in Wittenberg befindet sich ein umstrittenes Relief. Trotz seiner antisemitischen Botschaft darf es hängen bleiben. 

Das „Judensau“-Relief an der Predigtkirche Martin Luthers in Wittenberg darf bleiben. Das hat am Freitag das Landgericht in Dessau-Roßlau entschieden und die Klage eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde Berlin zurückgewiesen, der wegen der eindeutig antisemitischen Botschaft des Reliefs erreichen wollte, dass das 700 Jahre alte Spottbild von der Fassade der Kirche entfernt wird. An der treffenden Einschätzung des Klägers besteht kein Zweifel. Auf dem Relief ist ein Rabbiner zu erkennen, der den Schwanz einer Sau anhebt, an deren Zitzen des nach jüdischem Glauben unreinen Tieres Menschen saugen. Die „Judensau“ gehörte zum antisemitischen Repertoire des Mittelalters, ähnliche Darstellungen finden sich auch an Kirchen in Erfurt und Regensburg oder am Chorgestühls der Kölner Doms.

Eisenberg feiert das Mohrenfest

Der Richter des Landgerichts in Dessau-Roßlau mochte sich aber nicht zu der Aufforderung durchringen, das Relief an der Wittenberger Kirche beseitigen zu lassen. Das bloße Vorhandensein der Plastik könne nicht als Missachtung gegenüber in Deutschland lebenden Juden verstanden werden. Das ist eine, vorsichtig ausgedrückt, schmallippige Erklärung, die auch auf eine Überforderung des Gerichts bei der Entscheidung zwischen Faktizität und bloßem Dafürhalten verweist. Wenn man keinem geschichtsblinden Bildersturm das Wort reden möchte, bedarf es doch einer angemessenen Historisierung des Reliefs und seiner symbolischen Bedeutung. In Wittenberg windet man sich und sucht nach denkmalkonservatorischen Ausflüchten.

In einem anderen Fall deuten die Zeichen ebenfalls auf konfrontative Selbstgerechtigkeit. Das thüringische Städtchen Eisenberg scheint sich ohne Not eine Kolonialismus-Debatte aufgeladen zu haben, indem das örtliche Stadtfest, das bislang ohne Eigennamen auskam, in Mohrenfest umbenannt werden soll. Man möchte so auf eine Legende verweisen, in der ein einheimischer Adliger einem während der Kreuzzüge erworbenen Sklaven aus dem „Morgenland“ generös das Leben geschenkt habe. Im Zentrum von Eisenberg befindet sich ein „Mohrenbrunnen“, der sich ebenfalls auf die Legende bezieht. Die Neubenennung des Stadtfestes sollte im Zeichen eines Lokalstolzes erfolgen. Nun erscheint sie als typischer Ausdruck eines beharrlichen Unwillens, sich die eigene Herkunft und Geschichte bewusst zu machen.

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