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Die "Synagoge", hier im Südportal des Straßburger Münsters

Alt-Papst Benedikt XVI.

"Antisemitismus auf christlicher Grundlage"

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Alt-Papst Benedikt XVI. legt fragwürdige Ansichten zum Judentum vor. Ein Rabbiner findet dafür deutliche Worte.

Sie trägt eine Augenbinde, der Kopf auf den Boden gerichtet, der Regentenstab in ihrer Rechten zerbrochen. Von der Synagoga, der weiblichen Personifikation des Judentums, ist nichts mehr zu erwarten. An ihrer statt triumphiert die Ekklesia, Lateinisch für Kirche, ebenso weiblich dargestellt in einer zweiten Statue am Fürstenportal des Doms zu Bamberg. Gleiche Figurenpaare schmücken imposante Kirchenbauten wie das Straßburger und Freiburger Münster, den Wormser Dom oder die Trierer Liebfrauen-Basilika.

Ganz gleich, wo das Motivpaar auftaucht – es mag allerorts gelten, was der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick über die Darstellung der Synagoga an seiner Bischofskirche sagt: Sie sei „das ‚anstößigste‘ von allen Kunstwerken“, kommentiert er auf der Homepage seiner Bischofskirche. Denn damit halte der Künstler die im 13. Jahrhundert gängige Überzeugung fest, so der Erzbischof, „dass mit der Gründung der Kirche die Synagoge, das heißt die jüdische Religion, der Kult des Ersten Bundes und die Schriften des Alten Testamentes überholt sind“.

Ratzinger wollte eigentlich schweigen nach seinem Rücktritt

Substitutionstheorie heißt diese Sicht, wonach die Kirche das Erbe des Judentums angetreten hat, die im Katholizismus jahrhundertelang vorherrschte. Nicht allerdings, wenn man die jüngste Auslassung von Alt-Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger liest. Eigentlich wollte er nach seinem Rücktritt 2013 schweigen, doch nun verstört er ausgerechnet beim heiklen Thema jüdisch-katholischer Dialog erneut. In einem 19-seitigen Beitrag in der theologischen Fachzeitschrift „Communio“ kommt er zu der bemerkenswerten Feststellung, „dass es eine ‚Substitutionstheorie‘ als solche vor dem Konzil nicht gegeben hat“.

Ist das so? Gemeint ist das Zweite Vatikanische Konzil in den 1960er Jahren, das mit dem Dokument „Nostra Aetate“ endgültig mit der traditionellen Sicht auf das Judentum gebrochen und damit einen jüdisch-katholischen Dialog auf Augenhöhe ermöglicht hat. Wörtlich heißt es darin: „Ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt. Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt“. Zugleich verurteilt das Dokument „Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben“.

In seinem aktuellen Beitrag „Gnade und Berufung ohne Reue“ würdigt Ratzinger diese explizite Ablehnung der Substitutionstheorie bemerkenswerterweise auch als wesentlich für die „nach dem Konzil entwickelte neue Sicht des Judentums“. Wie sollte es auch anders sein, sollte man meinen, immerhin war Ratzinger damals selbst als Konzilsberater bei dem Bischofstreffen in Rom mit dabei.

Nun scheint er im hohen Alter von 91 Jahren ein weiteres Mal die Quellen studiert zu haben. Irrtum, hat er offensichtlich nicht. Zumindest bezieht Ratzinger seine These aus Lexika, die er ausschließlich zu Rate gezogen hat und in denen – wie er sagt – das Stichwort „Substitutionstheorie“ nicht vorgekommen sei. Dabei schreibt schon der heiliggesprochene Kirchenvater Justin im zweiten Jahrhundert: „Das wahre, geistige Israel nämlich und die Nachkommen Judas, Jakobs, Isaaks und Abrahams, das sind wir, die wir durch diesen gekreuzigten Christus zu Gott geführt wurden.“ In Stein gemeißelt war diese Überzeugung spätestens im Mittelalter, wie die aufkommenden Synagoga-Skulpturen heute noch bezeugen.

Dass nun ausgerechnet der „Gelehrtenpapst“ schreibt, die wirkungsgeschichtlich verheerende Substitutionsthese habe es nie gegeben, lässt seine Leser ratlos zurück. So müsste sich das Konzil von einer Lehre verabschiedet haben, die es nie gegeben haben soll. Mindestens ein Paradox. Obendrein narrt der Papst emeritus damit nicht nur die rund 2500 Konzilsväter im Gestus des Besserwissers, sondern auch sich selbst: Immerhin war er es, der die von jenem Konzil abgeschaffte „alte“ Messfeier wieder zuließ mitsamt der irritierenden Karfreitagsfürbitte „Für die Juden“, was im Jahr 2007 einen weltweiten Aufschrei provozierte.

Damit machte Ratzinger im Jahr 2007 wieder möglich, an Karfreitag darum zu bitten, dass Gott „den Schleier von ihrem Herzen wegnehmen“ möge, damit auch die Juden Jesus Christus erkennen. „Lex orandi, lex credendi“ heißt ein alter, in dem Fall immer noch gelehrter Theologenspruch: „Was man betet, glaubt man“.

Die Juden, so die Karfreitagsfürbitte weiter, sollen „ihrer Finsternis entrissen werden“. Mit ihrer Augenbinde steht die Bamberger Synagoga heute noch „in Finsternis“ am linken Eingang des Fürstenportals. Als Mahnung und Warnung, so Erzbischof Schick. Denn „sicher hat die Sicht auf das Judentum“, welche die Skulptur aus früheren Zeiten konserviert, „den Antisemitismus gefördert und die sowohl schrecklichen Taten der Judenpogrome im Mittelalter als auch den Holocaust durch die Nazis mitbedingt.“ So betrachtet, leugnet Ratzinger auch die kirchliche Mitverantwortung an antisemitischen Verbrechen, wenn er die einst gängige Substitutionsthese verleugnet.

Es sei „starker Tobak“, den Ratzinger da zu Papier gebracht habe, kommentiert der Rabbiner Walter Homolka, geschäftsführender Direktor des Instituts für Jüdische Theologie der Universität Potsdam, gegenüber der FR. „Schon vor zehn Jahren hatte Joseph Ratzinger eine eigenhändige Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte in der lateinischen Form vorgelegt, die allgemein als Billigung der Judenmission verstanden worden ist. Nun liefert Ratzinger den theologischen Schlüssel.“ Nach der Entrüstung, die nach der Wiederzulassung der alten Messfeier mit ihrer umstrittenen Karfreitagsfürbitte ausgebrochen war, formulierte sie Benedikt 2008 um in: „Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen.“ Künftig erhoffte Erleuchtung statt gegenwärtig beklagenswerter Finsternis, der Sinngehalt bleibt also gleich.

Der „theologische Schlüssel“ dafür bestehe Homolka nun in Ratzingers veröffentlichter Auffassung über den Sinai-Bund Gottes mit dem biblischen Volk Israel, in dessen Kontinuität sich die heute lebenden Juden sehen und dem auch Jesus von Nazareth entstammte: Letzterer habe eine „neue Form der Gottesverehrung angekündigt, deren Mittelpunkt die Gabe seines Leibes sein sollte, womit zugleich der Sinai-Bund in seine endgültige Gestalt gebracht werden sollte, zum neuen Bund wurde.“ Aus dem Sinai-Bund des Judentums macht Ratzinger also den Christus-Bund der Kirche, in dem sich Juden freilich ohne Glaube an Jesus als den Messias nicht mehr zu Hause fühlen können. Es sei für die Kirche zwar klar, so Ratzinger, dass das Judentum „in einer besonderen Situation steht und daher auch als solches von der Kirche anerkannt werden muss.“ Allerdings lediglich in der „Rolle der bedeutungslosen Vorform des Christentums“, wie Homolka Ratzinger interpretiert. „Ihm bedeutet das lebendige Judentum heute nichts.“

Für die Katholikin Dagmar Mensink und Rabbiner Andreas Nachama, die gemeinsam den Gesprächskreis „Juden und Christen“ im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken leiten, ist die Stoßrichtung ebenso klar: „Die Kernbotschaft lautet hier: Heil gibt es ausschließlich durch Christus.“ Damit werde dem Dialog zwischen Katholiken und Juden ein Bärendienst erwiesen, wie beide gegenüber der FR betonen. Und mehr noch: „Wer das jüdisch-christliche Verhältnis in den Kategorien von alt und neu, von Überbietung und Ersetzung denkt, trägt das Erbe des jahrhundertealten christlichen Antijudaismus weiter.“ Dem schließt sich auch Rabbiner Homolka an: „Wer die Rolle des Judentums so beschreibt, baut mit am Fundament für neuen Antisemitismus auf christlicher Grundlage.“

Um eben dem zu wehren, hält der Bamberger Erzbischof die Synagoga für so wichtig. Denn: „Weder wir noch unsere Nachfahren sind von der Tendenz befreit, das jüdische Volk wieder für blind zu erklären.“ Ausgerechnet der deutsche Papst scheint es auch nicht. Warum also die Veröffentlichung? Nur auf Betreiben des Kurienkardinals Kurt Koch, Vatikan-Chef für Ökumene und den interreligiösen Dialog, wurde der Ratzinger-Text veröffentlicht. In Kochs Richtung sagt Homolka: „Wieso er meint, Ratzingers Überlegungen könnten das jüdisch-katholische Gespräch bereichern, ist mir schleierhaft. Koch setzt damit eine ganz gefährliche Agenda. Ein vergifteter Becher zum 70. Jahrestag der Gründung der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit.“

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