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Das Holocaust-Mahnmal in Berlin erinnert an die rund 6 Millionen Juden, die von den Nazis ermordet wurden. Dass die systematische Verdrängung des Judentums eine wesentliche Ursache des Mordes an den europäischen Juden war, ist die These des Buches von Bernd Witte, der auch Goethe und Schiller in Haft nimmt.

Verdrängung des Judentums

Der Antijudaismus der Klassiker

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Bernd Wittes Analyse der Verdrängung der jüdischen Tradition durch die Begeisterung für die griechische Antike.

„Es gibt drei Hügel“ – so der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss 1950 in Heilbronn, „von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.“

Damals, 1950, war noch nicht in Abwehr des Islam vom „jüdisch-christlichen Abendland“ die Rede, weshalb Theodor Heuss auch „Golgatha“, den Ort der Kreuzigung Jesu erwähnte und nicht den „Zion“, der für Kultur und Glaube des Judentums steht.

Bernd Witte nimmt Goethe und Schiller in Haft

Dass die systematische Verdrängung des Judentums und seines Glaubens an einen transzendenten, Weisung gebenden Gott eine wesentliche Ursache des Mordes an sechs Millionen europäischer Juden durch den Nationalsozialismus war, ist die bestens begründete Generalthese eines soeben erschienen Buches. Der Düsseldorfer Germanist Bernd Witte, seines Zeichens Herausgeber der gesammelten Werke des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, nimmt die jüngst bekannt gewordenen „Schwarzen Hefte“ Martin Heideggers mitsamt ihren antisemitischen Passagen zum Anlass für eine weitreichende These: will er doch nicht weniger nachweisen, als „dass Heideggers Denken, das bis heute noch immer von vielen Intellektuellen als Höhepunkt der Philosophie des 20. Jahrhunderts angesehen wird, nach 1933 nur eine epigonale und politisch aktualisierte Fortführung der Tradition des deutschen Idealismus und seines Antijudaismus ist ...“ 

Gewiss: Dass der frühe Hegel und Fichte, ebenso wie vor ihnen schon Kant wenig von den damals real existierenden Juden hielten, ist bekannt, doch geht Witte weiter, sehr viel weiter: In seinem Buch „Moses und Homer. Griechen, Juden, Deutsche: Eine andere Geschichte der deutschen Kultur“ nimmt er darüber hinaus auch die Weimarer Klassik, also Schiller und Goethe in Haft; Autoren, die wie keine anderen zumal von den jüdischen Intellektuellen Polens und Russlands verehrt wurden. 

Indes: „So wurde aus dem Antijudaismus der Weimarer Klassik, der im Zusammenhang mit der Theorie der ‚ästhetischen Erziehung‘ entstanden ist, über den Rassen-Antisemitismus und die völkische Mythologie schließlich die ideologische begründete und mit bürokratischer Präzision ausgeführte mörderische Praxis des Nationalsozialismus.“ 

Man reibt sich die Augen und wundert sich: Goethe und Schiller als geistige Väter der Shoah?! Tatsächlich haben sich, wie Witte penibel und aus den Quellen bestens belegt, Schiller und Goethe intensiv mit Moses und dem Auszug der Kinder Israels aus Ägypten auseinandergesetzt und diese Gestalt immer wieder mit dem Autor der „Ilias“ und „Odyssee“, mit Homer verglichen. Friedrich Schiller jedenfalls hielt die Juden in seiner 1789 (!) publizierten Schrift „Die Sendung Moses“ für das „roheste, das bößartigste, das verworfenste Volk der Erde“, während Goethe 1819 in einem Aufsatz „Israel in der Wüste“ Moses als Mörder und blutigen Feldherrn darstellt. 

Homer wurde für Goethe und Schiller zum Propheten

An Stelle von Moses verkündeten Schiller und Goethe Homer als den neuen Propheten ihrer Moderne; anstelle des gestaltlosen Gottes vom Sinai begeisterte sich die Weimarer Klassik schönheitstrunken für die Statuen der griechischen Antike: für „Anmut“ und „Würde“. Sie wurde ihnen besonders in der selbst nie mit eigenen Augen gesehenen „Juno von Ludovisi“ bekannt. 

Diese Skulptur aber spielte in Schillers „Ästhetischen Briefen“ eine entscheidende Rolle. Mit der Weimarer Begeisterung für die griechische Antike und ihren sinnlich-schönen Polytheismus wurde – das ist Wittes Generalthese – die sittlich-moralische Instanz des gestaltlosen Gottes vom Sinai systematisch verdrängt, mehr noch: verächtlich gemacht. 

Über den damit verbundenen Ausschluss der jüdischen Tradition habe sich die europäische Kultur – so Witte –bedingungslos der Natur und ihrer Bilderwelt ausgeliefert. Zwar gab es auch im 19. Jahrhundert andere Stimmen, nicht zuletzt jene Heinrich Heines, den Witte als Kronzeugen für eine fruchtbare Aneignung jüdischen Denkens in der europäischen, der deutschen Moderne aufführt. 

Doch hat die Geschichte, jedenfalls die deutsche Geschichte bewiesen, dass diese Stimme unterdrückt und stattdessen eine gar nicht so missverstandene griechische Antike in vulgarisierter Form zum Vorbild für Hitler Staat wurde: von den Skulpturen Arno Brekers über die Architektur Albert Speers bis zur Formierung einer kämpferischen Jugend in HJ und BdM. 

Diese Tradition hält sich, nebenbei bemerkt, bis in die Gegenwart durch. Die vom Verfassungsschutz beobachtete rechtsextreme Bewegung der „Identitären“ führt als ihr Symbol den griechischen Buchstaben „Lambda“ als gelbes Zeichen auf schwarzem Grund. Dieser Buchstabe aber steht für „Lakedaimon“ – einen anderen Namen für den Kriegerstaat Sparta und jene dreihundert Spartiaten, die angeblich im Jahre 480 vor der Zeitrechnung unter ihrem König Leonidas bis zum letzten Mann kämpften, um Hellas vor der Invasion der Perser zu schützen. Freilich ist es mit der humanistischen Bildung der Rechtsextremen nicht so weit her: haben sie doch ihr Symbol dem 2006 nach einem Comic gedrehten Hollywoodfilm „300“ entnommen.

Wittes präzise belegte und genauestens argumentierte Kritik an der Griechenlandbegeisterung der deutschen Klassik stimmt ratlos – auch und gerade, sofern man sich diesem Gegenstand dialektisch nähert. So waren es denn nicht wenige deutsche Juden und Jüdinnen, die sich intensiv mit der griechischen Kultur befassten.

Ein Blick auf sie erweist gegen Wittes Generalthese, dass die Dinge so einfach nicht liegen – was er selbst in einem der beeindruckendsten Kapitel seines Buches aufzeigt. Bekanntermaßen begeisterten sich nicht wenige deutsche Juden für Stefan George und seinen Kreis – in der Hoffnung, durch Teilhabe an einer geistesaristokratischen Sammlung dem Antisemitismus der deutschen Gesellschaft entgehen zu können. Unter ihnen auch die heute weitgehend vergessene Gertrud Kantorowicz. 

Die 1876 in Posen geborene und 1945 entkräftet und krank in Theresienstadt verstorbene Kunsthistorikerin und Lyrikerin verfasste schon früh eine freilich erst aus dem Nachlass publizierte Studie „Vom Wesen der griechischen Kunst“. 

Darin spürt sie im Rahmen einer Philosophie des Leibes dem Wesen der Skulptur in einer anderen Weise nach, als das der Schönheitskult der Weimarer Klassik getan hat. Im April 1945 stirbt Gertrud Kantorowicz, die in Theresienstadt als Krankenschwester unermüdlich ihren Nächsten geholfen hat und diese Tätigkeit mit dem talmudischen Begriff der „Aboda“, des Gottesdienstes bezeichnet hat, an einer Hirnhautentzündung. Eine überlebende Leidensgenossin, Eva Noack-Mosse, notierte in ihrem Tagebuch: „... geschwächt von vielen schweren Krankheiten. (...) Sie lag auf ihrem Bett (...) ihren Homer im griechischen Original lesend.“

Wittes Studie provoziert zu einem erneuten Nachdenken und Bewerten der griechischen Antike und ihrer Aneignung durch die Weimarer Klassik. Sollte man sie wirklich der völkischen Rechten und ihrem metapolitischen Vordenker, dem überzeugten Nationalsozialisten Martin Heidegger überlassen?

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