Körperliche Nähe, bekam U. zu hören, sei ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins.
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Körperliche Nähe, bekam U. zu hören, sei ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins.

Times mager

Ansichten zu Corona

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Haben die Corona-Vorkehrungen auch Vorteile? Ja, für einige schon.

Während I. sagte, er finde es ganz angenehm, im Theater so viel Platz um sich zu haben, erklärte U., wie erleichternd es für sie sei, nicht bei jeder Begegnung Bussi Bussi machen zu müssen. D. schließlich mochte nicht leugnen, dass ihm die unhysterische Atmo der Geisterspiele eigentlich gut gefallen habe. Natürlich musste man I., U. und D. vehement widersprechen, nicht nur wegen des blöden Wortes Atmo und des noch blöderen Wortes Bussi. Wer hätte das von U. gedacht? Nicht nur Argumente prasselten auf die drei nieder, es war auch ein Augenrollen und Kopfschütteln.

Wie sich I. das ökonomisch vorstelle und wie sich D. das ökonomisch vorstelle. Was das für eine Welt sei, in der Leute wie I. den Niedergang des Kulturlebens in Kauf nähmen, nur um selbst noch ein Weilchen bequem beide Arme aufstützen zu können. Sei nicht der Kampf um ein Stück von der Armlehne erst das wahre Theatergefühl, rief einer euphorisch. Woraufhin allerdings dann doch eine kleine Gesprächslücke entstand, denn, nein, der Kampf um ein Stück von der Armlehne ist überhaupt nicht das wahre Theatergefühl. Und keiner wurde daran gerne erinnert.

Körperliche Nähe? In Zeiten von Corona eher verpönt

Körperliche Nähe, bekam U. zu hören, sei ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins. Schon der Homo erectus habe sich in der Höhle an seinesgleichen gekuschelt, erklärte ausgerechnet Geisterspielfreund D. haltlos (U.: gegen’s Kuscheln habe sie doch keinen Pieps gesagt). Am schlimmsten traf es dann D. selbst, denn außer ihm will selbstverständlich niemand Geisterspiele sehen. Auch sei es eine Frechheit, Fußballfans im Stadion als hysterisch zu bezeichnen, denn anders sei seine Formulierung wohl nicht zu verstehen.

So ging es noch eine Weile weiter, allerdings kamen keine neuen Argumente mehr. Obwohl sie noch sagen wolle, sagte U., dass sie das Wort Atmo ganz lustig und schön finde. D. daraufhin: Bussi Bussi sei doch auch total ironisch und antizeitgemäß.

Später fing die Bundesliga wieder an. Aus gewissen technischen Gründen lief das erste Spiel mit „Fangesängen“. Diese Tonoption, die aus einem Geisterspiel ein echtes Geisterspiel macht, ist das Schaurigste, was die Unterhaltungsbranche während der Krise hervorgebracht hat. Auch oder gerade weil man es bald nicht mehr merkt (I.: Quatsch, man merke es die gesamte Zeit über). Beim zweiten Spiel – mit etlichen tausend Menschen auf den Rängen, die ordentlich lärmten, sofern sie den geringsten Anlass dafür sahen – machte der Moderator selbst noch einmal darauf aufmerksam, dass man auch die „Fangesänge“ zuschalten könne. Das allerdings war dann doch das Blödeste von allem.

Jetzt müssen wir uns aber wieder Wichtigerem zuwenden.

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