+
Havanna, Juli 2018.

Internet

Der Anschlag auf den Selbstwert

Ratings, Klicks, Views, Likes: Was zählt, ist die Zahl. Das Internet-Ich gibt sich Illusionen hin, die zu Frust und Dauerstress, Aggression und Radikalisierung führen.

Den meisten Theorien für das Aufkommen populistischer Bewegungen liegt die Annahme vorherrschender Ängste weiter Kreise der Bevölkerung zugrunde. Ängste vor sozialem Abstieg und „Überfremdung“ durch Migration. Dadurch ausgelöst sei der massive Vertrauensverlust in die alten Parteien, denen die Problemlösungskompetenz abgesprochen wird. 

So ist der Eindruck entstanden, als hätten erst die Flüchtlingsströme der letzten Jahre den Ausschlag für den starken Zulauf vieler Wähler zu rechtspopulistischen Parteien gegeben. Im Kern geht es bei den neuen Protestwählern aber um etwas ganz anderes. Es geht nicht um Migration als Motiv, sondern um einen Reflex auf eine viel umfassendere Erfahrung. Es geht um die große Desillusionierung der unbegrenzten Möglichkeiten in der Cybergesellschaft. Es geht, dreißig Jahren nachdem das World Wide Web seinen Siegeszug angetreten hat, um das Gefühl, dass ein Versprechen gebrochen wurde.

Das Netz hat wenig Gewinner hervorgebracht

„Jeder Mensch ist ein Künstler!“ Joseph Beuys formulierte diesen berühmten Satz 1985. Sein erweiterter Kunstbegriff in der Demokratie war ein postmodernes Programm und ein Versprechen zugleich. „Jeder Mensch ist ein Star!“ So könnte man das Versprechen der digitalen Revolution nennen, die nur wenige Jahre später die Welt veränderte. Es kam aber anders. Das Netz hat nicht gehalten, was sich viele davon versprochen haben. Es hat wenig Gewinner hervorgebracht, dafür jede Menge Loser. Zwar kann heute jeder seinen eigenen Rap produzieren und einstellen, doch zum Star macht einen das noch lange nicht. Im Gegenteil: Wenn man sieht, dass Bushido 30 Millionen Klicks hat, machen einem die eigenen 300 Follower nicht klar, wie toll man ist, sondern wie mickrig.

Ratings, Klicks, Views, Likes – es ist die Verunsicherung des qualitativen Selbst, das uns heute so anfällig, man könnte auch sagen: angewiesen macht auf die scheinbare Sicherheit der messbaren Zahl. Aus Unsicherheit flüchten wir in die Sicherheit quantifizierbarer Größen. Heute noch viel mehr als früher. Wir vergleichen und vermessen alles heute, nicht nur die Welt, sondern uns selbst – und nicht zuletzt unseren Erfolg. Der Begriff eines „qualitativen Erfolgs“ ist dagegen im Rückzug. Was zählt, ist die Zahl. Auch für den persönlichen Selbstwert, diese heikle, stets umkämpfte Größe. Aber die Rechnung geht nicht auf. Denn im Zeitalter der All(ver)messbarkeit des Sozialen werden nicht neue „Wertschätzungsrekorde“ unserer Person wahr, sondern es regiert die Realerfahrung eines permanenten Rückstands. Das Netz ignoriert uns, das ist die enttäuschende Erfahrung der Masse. Und dieser digitale Liebesentzug tut doppelt weh, wo alles von Aufmerksamkeit oder dem Ziel redet, wie es in der Youtuber-Sprache heißt: „möglichst maximale soziale Reichweite zu etablieren“. 

Aber das ist nicht alles: Auch in den Prestigewelten des Internets kommen nur die wenigsten an. Nicht nur Frequenz und Eindrücklichkeit der normativen Bilder eines neuen glückerfüllten Lebensstils haben sich erhöht, wie sie in Social Media wie Instagram, Snapchat, überhaupt in der aggressiven Netzwerbung unaufhörlich reproduziert werden, sondern auch der Erfolgsdruck auf den Einzelnen, sich diese auch anzueignen. 

Die Hotspots des Lebens

Wir sind immer eindringlicheren Botschaften ausgesetzt, die uns ein Must-have-Wissen davon vermitteln, wo die Hotspots in diesem Leben sind und wo nicht. Und zwar in einer bislang unbekannten Tyrannei. Man kann sich heute diesen konsumorientierten Erfolgsbildern viel schwerer entziehen als noch in einer analog-kapitalistischen Welt, in der einem ab und zu noch ein Werbeplakat an der Bushaltestelle oder ein Lord-Extra-Werbespot gezeigt hat, dass man noch keine Segelyacht und/oder eine neue Rolex hat.

Es war das Zukunftsversprechen der US-amerikanischen Gründungsideologie: Mit dem modernen, demokratisch verfassten Staat ende die einst unverrückbare Ungleichheit, die noch das Merkmal der alten Ständegesellschaft war. Und es war der scharfsichtige Alexis de Tocqueville, der in seinem Buch „Über die Demokratie in Amerika“ von 1835 schon sehr früh diese neue Gesellschaft unter die Lupe nahm. Die Gesellschaft der Gleichheit schaffe im Einzelnen eine immense Erwartung, die Früchte dieser Gleichheit auch ernten zu können, beobachtete er. Und, tatsächlich, nirgendwo sah Tocqueville so viel Ehrgeiz am Werk wie in den USA – und so viel geleisteten Einsatz für das Glück, das man tatkräftig erringen wollte. Es ist bis heute das Credo der amerikanisch-protestantischen Zivilreligion: Man glaubt felsenfest, man müsse nur unermüdlich und lang genug initiativ sein, dann stünde der Erfolg vor der Tür. 

Tocqueville beobachtete etwas anderes. Er vertrat die Auffassung, die Gleichheit aller, die in der Demokratie herrsche, führe am Ende zu einer „merkwürdigen Melancholie“. „Ist die Ungleichheit das allgemeine Gesetz einer Gesellschaft“, schreibt er, „so fallen die stärksten Ungleichheiten nicht auf, ist alles ziemlich eingeebnet, so wirken die geringsten Unterschiede kränkend.“ In der neuer Gleichheit meine jedoch jeder, er sei zu Großem berufen. „Aber das ist eine irrige Ansicht, die durch die Erfahrungen täglich berichtigt wird.“ 

Der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten kann zwar „anfänglich und besonders bei den Jüngeren eine vordergründige Zufriedenheit auslösen“, und dies ermögliche „den talentiertesten und den Glückspinseln unter ihnen, ihre Ziele zu erreichen“, doch die meisten anderen dürften im Laufe der Zeit an dieser Freiheit verzweifeln. Sie kommen trotz aller Anstrengung nicht im versprochenen Land an, sondern, wie Tocqueville nun schlussfolgert: „Die Bitterkeit erstickt ihre Seelen.“

Einen Traum zu träumen, der außerhalb der realistischen Erreichbarkeit liegt und daher nicht umsetzbar ist, das ist lange nicht so schmerzhaft, wie einen Traum zu träumen, dessen Realisierung theoretisch möglich wäre, praktisch aber misslingt. Den demokratischen Bürger ereilt schon kurz nach der Euphorie der Gleichheit die Frusterfahrung des Scheiterns, des Misslingens, das ist Tocquevilles folgenschwere Beobachtung. Aber das ist nun nicht mehr allein gottgegebenes Schicksal, sondern ein Anschlag auf den Selbstwert. Denn wo noch die alte Gesellschaftsform verhindert hatte, dass ich aufsteige, kann ich dieser Gesellschaft den Schwarzen Peter zuschieben. Wo aber ich es bin, der selbst daran schuld ist, da schmerzt das Scheitern viel mehr. Entsprechend unterschiedlich äußert sich der Unmut: Richtete sich der Protest bei Misserfolg in der traditionellen Gesellschaft noch gegen den eigenen Clan oder den eigenen Stand, so in der offenen Gesellschaft gegen das ganze System. Die Demokratie schafft die Ungleichheit nicht ab, das war Tocquevilles Erkenntnis, sondern sie schafft eine neue. Selten ist das so mit Händen greifbar gewesen wie heute im Zeitalter des Internets.

Die Metapher der gläsernen Decke in einer Gesellschaft wird oft bemüht, wenn es darum geht zu zeigen, dass trotz gleicher Bildungsabschlüsse Frauen immer noch seltener in Spitzenpositionen anzutreffen sind als Männer. Pierre Bourdieu hat dasselbe Bild in einem ganz anderen Zusammenhang gebraucht: als Symbol für das zentrale Motiv der Studentenbewegung von 1968. 

Hier war die gläserne Decke eine andere, aber ganz genauso undurchdringbar – und das trieb viele auf die Barrikaden. Für Bourdieu waren die 68er-Proteste in Deutschland und Frankreich nicht allein Ausdruck eines antiautoritären Generationenkonflikts, sondern vor allem die Folge einer großen Desillusionierung: In den Sechzigerjahren hatte sich die Massenuniversität durchgesetzt, aber am Ende wartete für viele ihrer Absolventen die Erfahrung, dass ihnen diese Gesellschaft trotz aller Diplome den Eintritt in die prestigeträchtigen Berufe verwehrte: Eine gläserne Decke verhinderte gleichsam den Erfolg, der zuvor noch durch die Demokratisierung des Bildungssystems in Aussicht gestellt worden war.

Populismus ist die Antwort des Internetzeitalters

Heute gibt es wieder eine Decke aus mindestens einigen Zentimetern gefühltem Panzerglas: eine Trennwand, die, bei allem Wohlstand, der bei uns herrscht, die Ankunft vieler aus der unteren Hälfte der gesellschaftlichen Pyramide in den digitalen Erfolgswelten verhindert. Auf dieser Folie ist der Populismus unserer Tage wieder wie eine Reaktion auf einen „Closed Shop“ der globalen Eliten zu verstehen. Man lebt in einer Welt scheinbarer Möglichkeiten, aber ohne reell von den symbolischen Segnungen zu profitieren: Man fährt eben nicht wie Bushido mit dem Maybach durch Neukölln, feiert rauschende Beachpartys umgeben von internationalen VIPs. Man führt nicht dieses Leben, was da als Erfolgsversprechen winkt – und wird bitter daran.

Ausgeschlossen zu sein, Zutritt verwehrt zu bekommen, nicht wahrgenommen zu werden, führt zu Frust, Aggression, Radikalisierung. Das ist schon auf dem Schulhof so, und das ist so, wenn sich große Teile der Gesellschaft abgehängt fühlen. Protestpopulismus ist die Antwort der materiellen, aber vor allem auch symbolischen Verlierer des Internetzeitalters, die nicht teilhaben an den Glückswelten der Internetära. Es sind am Ende die Nichtwahrgenommenen, die nicht top oder gar nicht „geratet“ sind, die Unvermessenen, die digital Verschmähten, die zu AfD-Wählern werden: Ihr Protest gegen die Ignoranz, die ihnen widerfährt, entspringt der Trauer und Wut, die sich, angestaut zu einem ganzen Groll auf ein System, das ihnen etwas vorenthält, nun im Wahlverhalten entlädt. 

Wie stark und zerstörerisch diese Kraft der gefühlten Zurückweisung wieder zurückschlagen kann, zeigen all die Fälle, in denen sich Menschen radikalisieren. Im Extremfall bringt die eigene soziale Unsichtbarkeit Menschen dazu, als Amokläufer – wenigstens einmal im Leben und dann aber maximal geräuschvoll – auf sich und die eigene Bedeutung aufmerksam zu machen, die bislang keiner wahrgenommen hat. 

Wir leben in einer Zeit, in der noch nie so viele Menschen so hohe Erwartungen an das Leben hatten. Das Internet befeuert diese Erwartungen. Hier kursieren die Glücksbilder, hier sind sie auf Abruf verfügbar. Nur, der Download will nicht recht funktionieren. Und so fühlen viele, dass sie ihr hochgestecktes Lebensziel verfehlt haben. Ihre vergebliche Suche nach dem Glück macht sie unglücklich. Aber man lässt nicht ab von diesem Ziel. Das Eingeständnis, die Kränkung, der Schmerz wäre zu groß. Lieber protestiert man gegen das System, gegen das Ganze.

Zur Behebung des Problems meint man, nationale Identität stärken zu müssen und hat ein „Bundesheimatministerium“ gegründet. Aber wo „Überfremdung“ gar nicht das Problem ist, muss auch nicht das Vertraute und „das Deutsche“ gestärkt werden. Es geht vielmehr um soziale Mobilität, um die Realisierung von echter Durchlässigkeit, um konkrete Mittel, die gläserne Decke zu durchstoßen, um diese alte Dauerbaustelle der Sicherstellung von mehr Teilhabe an Bildungs- und Aufstiegschancen für alle – als Teil sozialer Gerechtigkeit. Aber nicht nur. 

Denn genauso entscheidend sind politische Impulse zur Steigerung der Immunabwehr gegen die manipulative Kraft des Netzes, das so viel Macht über uns hat. Mindestens so wichtig ist es, eine breite Diskussion darüber anzustoßen, was biografischer Erfolg in dieser Zeit ausmacht und was er ausmachen soll. Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der individueller Erfolg neu definiert ist jenseits der kommerziellen Ideale jenes omnipräsenten Hipster-Lifestyles, dieses kitschigen Edel-Raps aus SUV, Premium-Smartphone und Designer-Klamotten? Wie könnte man ein Erfolgsverständnis stärken, das in der selbstbestimmten Entfaltung der einzelnen Persönlichkeit liegt und nicht mehr im ewigen Vergleich messbarer Sozialdaten? 

Es geht um mehr mentale Autonomie, mehr Eigensinn und das Bewusstsein, dass ein gelingendes Leben nicht davon abhängt, wie viele Klicks und Follower wir haben, sondern inwiefern wir es schaffen, in unserem Leben zu sein, wer wir selbst sein können und wer wir selbst sein wollen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion