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„Achtung! Niemals die ‚Rückwärts Spül‘-Taste betätigen!“
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„Achtung! Niemals die ‚Rückwärts Spül‘-Taste betätigen!“

Update

Anleitungstechnik

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Gebrauchsanweisungen sind nie da, wo man sie später einmal braucht. Höchste Zeit, über Lösungen nachzudenken.

Die Hälfte meiner Gesamtlebenserfahrung besteht aus der Einsicht, dass die Dokumentation möglichst baulich mit der Sache verbunden sein muss. In manchen Gerätefirmen wird meine Meinung geteilt und am Gerät eine Aufbewahrungstasche angebracht, in der die Anleitung steckt. Das ist zwar nicht mehr so dringend nötig wie früher, weil fast jede Anleitung auch im Netz steht. Aber in vielen Situationen nutzt beides nichts, weil vor dem Gerät eine Person steht, die entweder glaubt, sie brauche für die Bedienung eines einfachen Heizungsthermostats keine Anleitung (ich) oder das Gerät lieber gar nicht erst verwendet, wenn sie dafür erst eine Gebrauchsanweisung lesen müsste (meine Mutter). In solchen Fällen muss eine individuelle Anleitung mit Unterstreichungen und Ausrufezeichen angefertigt und am betreffenden Gegenstand festgeklebt werden.

Ein dritter Fall, in dem theoretisch vorhandene Anleitungen nichts nützen, sind besonders verlockende Knöpfe mit besonders ungünstigen Auswirkungen. Auf einer Toilette im ICE, in der ein defektes Wandverkleidungspanel den Zugang zu verschiedenen Schaltern und Rohren freigab, fotografierte ich 2015 den dort eingeklebten „Hinweis für Zub“, also Zugbegleitpersonal: „Achtung! Niemals die ‚Rückwärts Spül‘-Taste betätigen!“ Es handelte sich nicht um eine handschriftliche Notiz, sondern um einen gedruckten Aufkleber. Probleme mit der „Rückwärts Spül“-Taste scheinen also häufig genug vorgekommen zu sein, dass eine flächendeckende Aufkleberlösung geboten schien.

Das vierte Anleitungsproblem ist gar keine Ausnahme, sondern ist in vielen Lebensbereichen Normalität: Die erklärungsbedürftige Technik existiert in dieser Form nur ein einziges Mal. Astronomische Teleskope sind solche Einzelstücke, aber auch in gewöhnlichen Haushalten ist irgendwann nichts mehr genormt oder selbsterklärend. Schuld ist das Vergehen der Zeit. Normen kommen und gehen, die Erbauergeneration stirbt oder zieht aus und wird durch Menschen ersetzt, die nach dem Einzug erst einmal ein Leitungssuchgerät kaufen müssen. Wenn bastelfreudige Personen im Haushalt leben und selbst entworfene Photovoltaikanlagen einbauen, vergeht gar nicht viel Zeit, bis die Haustechnik so mystisch geworden ist wie eine Tempelanlage aus der Keltenzeit.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

In solchen Fällen muss alles individuell dokumentiert werden. Nur wie? Am einen Ende der Möglichkeitsskala graviert man alles Wissenswerte direkt in den jeweiligen Gegenstand ein. Vorteil: Wer sich dreißig oder dreihundert Jahre später mit dem Ding befassen muss, findet die Antworten genau dort, wo sich auch die Fragen stellen. Nachteil: Es gibt die Anleitung nur genau an dieser einen Stelle, und sie lässt sich später nur schwer an Veränderungen anpassen.

Am anderen Ende der Skala legt man ein Dokument in der Cloud an und beschreibt darin, wie die Heizungsanlage funktioniert und welche Tricks erforderlich sind, um die Gartenpumpe in Betrieb zu nehmen. Das ist der Weg, den meine Geschwister und ich im Haushalt der Mutter gewählt haben. Vorteil: Das Dokument ist auch aus der Ferne für alle zugänglich und lässt sich von allen Interessierten leicht an neue Erkenntnisse oder bauliche Veränderungen anpassen. Nachteil: Es ist denkbar weit von den Geräten entfernt und weitgehend unsichtbar. Dass beim Verkauf des Hauses eine Übergabe stattfindet, ist unwahrscheinlich; es kann sogar passieren, dass wir alle demnächst die Existenz des Dokuments vergessen.

Die meisten wählen einen Mittelweg und fixieren ihr Wissen über Gegenstände zum Beispiel auf Papier oder Pergament. Nachteil: Es gibt immer wieder Menschen, die eine solche Dokumentation „nur mal kurz“ woandershin tragen. Auf diese Art ging im 18. Jahrhundert der Fassadenplan des damals noch unfertigen Kölner Doms verloren. Die eine Hälfte fand sich später auf dem Dachboden eines Gasthauses in Darmstadt, die andere Hälfte bei einem Antiquar in Paris. Aber eine private Photovoltaikanlage ist nicht der Kölner Dom, und man kann sich noch weniger als bei gotischen Kathedralen darauf verlassen, dass andere später bei der Suche nach der Dokumentation helfen werden.

Die Abwägung zwischen den dauerhaften, aber unflexiblen und ortsgebundenen Medien der Wissensspeicherung und den flexiblen, transportablen ist kein privates Spezialproblem. Genau darum geht es in den Medienwissenschaften. (Okay, man beschäftigt sich dort nicht nur mit der Frage, wo die Anleitung für den Drucker hingehört, schreiben Sie mir nicht!) Bisher ist dabei noch keine rundum zufriedenstellende Lösung herausgekommen, und vielleicht wird das auch nie passieren. Der Bauplan des Kölner Doms ist jetzt wieder am Dom befestigt, so wie die Anleitung zum Drucken am Drucker meiner Mutter. Viel mehr können wir nicht tun.

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