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„Im Nachhinein wirkt es offensichtlich, dass VR-Brille und Fitnessstudio füreinander geschaffen sind.“

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Ankunft der Zukunft

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Die virtuelle Realität durch die Brille betrachtet: Von außen wirkt man eher idiotisch. Aber von innen …!

Im Mai 2014 habe ich zum ersten Mal eine VR-Brille ausprobiert. Es geschah auf der re:publica, und man musste lange warten, um ein paar Sekunden lang auf der virtuellen Achterbahn fahren zu dürfen. Währenddessen rief der Rest der Schlange: „Kann ich jetzt auch mal?“ Zwei Jahre später, im März 2016, war ich in Berlin auf einem „VR Film Festival“, das ebenfalls zu einem großen Teil aus Schlangestehen bestand. Aber das ist ja beim Skifahren nicht anders, ohne dass die Beliebtheit des Sports darunter leidet.

Nach dem Ende des Filmfestivals tauschten meine Begleiter und ich unsere Vorstellungen über die brillenförmige Zukunft aus. „Ob es eher ein Vergnügen für zu Hause werden wird?“, überlegte ich damals im Techniktagebuch-Blog. „Man ist der Umgebung ja währenddessen fast so schutzlos ausgesetzt, als würde man schlafen. Oder wird es nur so gehen wie hier, wo freundliche Betreuer währenddessen aufpassen, dass man nicht bestohlen wird und das Haus nicht abbrennt?“ Ich wusste noch wenig über das neue Ding, aber ich war überzeugt, dass es die Welt verändern würde.

Einige Wochen danach bekam ich auf einer weiteren Veranstaltung ein „Google Cardboard“ geschenkt, eine Pappkonstruktion, mit der man sich das eigene Handy als VR-Brille vors Gesicht halten und Achterbahn fahren kann, so lange man will. Also in meinem Fall ständig, aber nur am ersten Tag. Danach verschwand die Google-Pappe in einer Kiste, wo sie bis heute liegt.

Die virtuelle Brillenzukunft kam also heran wie die meisten Zukünfte: langsam und unauffällig. Fast hätte man sie mit einer dieser Entwicklungen verwechseln können, die vor allem aus Pressemitteilungen bestehen und als lustige Fußnote in Rückblicken auf das Jahrzehnt enden: „Wisst ihr noch, die Faxzeitung?“

Ab Weihnachten 2019 ging es etwas schneller, denn der Neffe (17) bekam eine eigene VR-Brille und ließ mich damit Beat Saber spielen, ein Spiel, bei dem man in jeder Hand ein Laserschwert hat. Offenbar wollte ich schon immer in jeder Hand ein Laserschwert haben, ich wusste es nur nicht. Wie bei allen VR-Betätigungen sieht man dabei von außen nicht ganz so heroisch aus wie von innen.

Als ich diesbezügliche Bedenken äußerte, sagten die Neffen und Nichten, auf so etwas dürfe man im Leben keine Rücksicht nehmen. Ich schämte mich ein wenig, denn schließlich ist es meine Aufgabe, die Jugend darüber aufzuklären – und nicht umgekehrt. Außerdem fühlt man sich im Alltag oft genug innerlich wie ein Idiot, während man von außen ganz normal aussieht und vielleicht sogar ein Hemd trägt. Die VR-Brille vertauscht nur die beiden Seiten.

Die Vorwürfe meiner Mutter, ihre Enkelkinder bewegten sich wegen der vielen Daddelei zu wenig, liefen in diesen Weihnachtsferien ins Leere. Man erschien allgemein verschwitzt und erschöpft zu den Mahlzeiten. An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen: Vor anderthalb Jahren habe ich aufgehört, mich über Menschen lustig zu machen, die ins Fitnessstudio gehen, und angefangen, ins Fitnessstudio zu gehen. Ich hatte keine Lust mehr auf Pokémon Go, und immer nur im Bett liegen ist selbst mir zu anstrengend. Außerdem lese ich gern im Gehen, wovon in dieser Kolumne bereits die Rede war. Auf einem Crosstrainer hat man keine Probleme mit Hundehaufen. Sogar ein kleines Ablagesims für die Lektüre gibt es.

Im Nachhinein wirkt es offensichtlich, dass VR-Brille und Fitnessstudio füreinander geschaffen sind. Auf Sportgeräten sieht man von außen betrachtet so idiotisch aus, dass man schnell lernt, sich darüber keine Gedanken zu machen. Alle Anwesenden tun einfach so, als gäbe es da gar nichts zu sehen und als sei vielleicht überhaupt niemand da – ähnlich wie in der Sauna, wo es ja auch zum guten Ton gehört, sich so zu verhalten, als seien alle bekleidet. Wenn es also einen Ort gibt, an dem sich das Publikum nicht erst daran gewöhnen muss, öffentlich albern herumzuhampeln, dann ist es das Fitnessstudio.

Es ist außerdem ein sehr hässlicher Ort, der nur darauf gewartet hat, von der virtuellen Realität mit neuer Wandfarbe ausgestattet zu werden. Schließfächer für die Wertsachen und freundliche Betreuer, die aufpassen, dass das Haus nicht abbrennt, sind auch bereits vorhanden.

Ich weiß immer noch sehr wenig über das neue Ding, aber zumindest ist mir jetzt klarer, dass seine öffentliche Nutzung, wenn es eine geben wird, im Fitnessstudio beginnt. Für die Zeit, bis es so weit ist, habe ich mir ein Leihgerät beschafft. Von außen sehe ich aus wie eine mittelalte Kolumnistin, innerlich bin ich ein Mensch mit zwei Laserschwertern. Und niemand steht mehr hinter mir und ruft: „Kann ich jetzt auch mal?“

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