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Anja Kampmann vergnügt in und vor Bergen.

Stadtschreiber von Bergen

Anja Kampmann: „Besser als Bauland in Frankfurt“

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Anja Kampmann wird als Stadtschreiberin von Bergen eingeführt, Clemens Meyer feiert noch einmal das Hessencenter.

An einem Sommerabend wie aus dem Bilderbuch in einem Festzelt wie aus dem Bilderbuch übergab der Stadtschreiber von Bergen, Clemens Meyer, den ausgesprochen großen, auch ganz hinten noch gut sichtbaren Stadtschreiberschlüssel an seine Nachfolgerin Anja Kampmann. Zwei unterschiedliche Naturen, der 1977 in Halle geborene Meyer und die 1983 in Hamburg geborene Kampmann, die sich aus Leipzig aber kennen dürften. Dafür sprach auch der freundschaftliche Umgang, bestimmt ermutigend für Kampmann, die es nach Meyers irrsinniger Abschieds- mit ihrer etwas zarteren Antrittsrede nicht so leicht hatte. Dieses seltsame Spiel gehört dazu, und das Publikum ging sehr freundlich damit um: Nein, es ist nicht jedem gegeben in einem Festzelt, in dem nachher noch getanzt werden soll, eine Rede zu halten, in der es womöglich um Literatur geht. Clemens Meyer aber schon.

Der als Festredner eingeladene sehr belesene Schauspieler und Autor Hanns Zischler war aber zuerst dran. Er sprach über die Veränderung im Umgang mit Fotografien im digitalen Zeitalter und staunte über die Leichtfertigkeit, mit der der Mensch von heute seine Daten zur Verfügung stellt. Er blickte ein wenig nostalgisch zurück auf die wundersame Schönheit und Individualität der frühen „Street Photography“ und demgegenüber die Inflation des Selfies. Der alte Kodak-Slogan „You press the button, we do the rest“ tauche hier wieder auf, mit Blick auf Google oder Facebook jetzt als Drohung.

Mysteriöse Notizen

Meyer berichtete hingegen von mysteriösen Notizen an den Wänden im Stadtschreiberhaus an der Oberpforte – „Nur nachts kommen die Geister“ – und von seinen letzten Touren ins Hessencenter. Als Sachse habe er natürlich gleich die Islamisten erkannt, diese aber wohlweislich stillschweigend observiert, bis er sie schließlich an einer Imbissbude habe Hessisch reden hören. Da habe er die Observierung abgebrochen. Insgesamt zeigte Meyer eine Hessencenter-Obsession, und wer zufriedene Hessencenter-Kunden aus Ostfrankfurt im eigenen Bekanntenkreis hat, sah zwar den Quatsch und die Ironie darin, aber auch das Praktische und Lebenszugewandte der von Zischler zuvor übrigens in Grund und Boden gestampften Einkaufszentren. Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese ließ nicht unerwähnt, dass Meyer viel Zeit vor Ort verbracht habe. Über die Verteilung dieser Zeit auf Oberpforte und Hessencenter sagte sie nichts. Das ist etwas Schönes an der Stadtschreiberstelle, man hat offenbar wirklich die Freiheit, als freier Schriftsteller zu leben.

Die neue Stadtschreiberin von Bergen knüpfte ganz gut an Meyer an, indem sie betonte, es müssten Geschichten sein, „für die wir uns in den Zug setzen“ (oder in den Bus Nr. 43). Alles hier im Zelt (einem „fliegenden Teppich“, so Kampmann) richte sich ja an Menschen, „die glauben, dass man die Welt auch ganz anders sehen kann“. Das Land, um das es dabei gehe – kurzum das Land der Literatur –, sei besser als Bauland in der Innenstadt von Frankfurt, und auch wer das dann doch bezweifelte, folgte Kampmann gerne, als sie betonte, in diesem Land gehe es einmal nicht zuerst um uns. Und nicht um sie, die ihren ersten Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ nicht umsonst aus der Perspektive eines osteuropäischen Ölplattformarbeiters erzählt. Eine immer wieder unterschätzte Tatsache: Dass Literatur Freiheit von sich selbst bietet.

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