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Frank (Felix Klare) steigt aus, seine Frau will bei Scientology bleiben.
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Frank (Felix Klare) steigt aus, seine Frau will bei Scientology bleiben.

Film über Scientology

Angsteinflößend wahr

  • Frank Nordhausen
    VonFrank Nordhausen
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Trotz der Einschüchterungsversuche der Sekte wagt es ein Spielfilm, aufzuklären: Die ARD zeigt einen ebenso spannenden wie aufklärerischen Film über Scientology. Von Frank Nordhausen

"Bis nichts mehr bleibt", heißt der Scientology-Film, den die ARD heute zeigt. Es ist der erste große Spielfilm weltweit, der es wagt, die Sekte klar beim Namen zu nennen. Das ehrt die ARD und ist von der ironischen Pointe gekrönt, dass der Film ohne den Top-Scientologen Tom Cruise gar nicht entstanden wäre.

"Im Dezember 2007 sah ich die Bambi-Verleihung an Tom Cruise im Fernsehen", sagte der Produzent Carl Bergengruen bei der Berliner Filmpremiere vor zwei Wochen. Tom Cruise habe endlos lange über sein "neues Menschenbild" gesprochen, ohne dass jemand im Saal protestierte. "Da dachte ich, es wird Zeit, sich filmisch mit Scientology zu befassen."

"Bis nichts mehr bleibt" erzählt die Geschichte des Taxifahrers Frank (Felix Klare), der erst sich selbst und sein Geld, dann seine Frau Gine (Silke Bodenbender) und am Ende auch die kleine Tochter Sarah an Scientology verliert.

Der Film zeigt im zweiten Teil, wie Frank nach Jahren der psychischen und materiellen Abhängigkeit zwar der Ausstieg gelingt, aber Gine und Sarah ihm dabei nicht folgen. Im Gegenteil, beide geraten nur immer tiefer hinein in die Manipulationsmaschine der Sekte, deren wichtigstes Mantra lautet: "Wahr ist, was du für wahr hältst."

Schließlich trifft man sich vor dem Familiengericht, das die Rahmenhandlung des Films abgibt. Frank möchte Gine das Sorgerecht entziehen lassen, weil sie unter dem Einfluss von Scientology steht.

Gine sagt, er wolle ihr die Tochter nehmen, weil er gegen ihre Religion sei. Und die Richterin urteilt so, wie die deutsche Justiz leider allzu häufig in ähnlichen Fällen Recht spricht - rein nach dem äußeren Anschein. "Sie wollen, dass wir der Mutter das Kind entziehen", fragt sie Frank, "nur weil sie weiter einer Religionsgemeinschaft angehört, der Sie abgeschworen haben?"

Wie wenig Scientology mit einer Religionsgemeinschaft zu tun hat, wie viel dagegen mit Missbrauch von Seele und Körper, das zeigt dieser Film in verstörender Weise. Dabei gelingt es dem Regisseur Niki Stein, seine Geschichte zu erzählen, ohne der Versuchung zu erliegen, den didaktischen Zeigefinger allzu stark zu strapazieren.

Dafür zuständig ist im Film Franks Rechtsanwältin (Suzanne von Borsody), deren Rolle deutlich dem Vorbild der Hamburger Scientology-Beauftragten Ursula Caberta folgt. Sie erklärt einige der abstrusesten oder filmisch kaum zu integrierenden Zusammenhänge.

Wie die Legende vom Alien-Fürsten Xenu, der die "Body-Thetanen" kontrolliert, die jeden Scientologen quälen. Oder warum Kinder bei Scientology kein Spielzeug brauchen: Sie gelten als "Erwachsene in kleinen Körpern".

Sonst aber verlässt sich Niki Stein ganz auf die filmischen Mittel. Frank ist zum Abendessen in der eleganten Wohnung eines Rechtsanwaltes (Kai Wiesinger) erschienen, den sein wohlhabender Schwiegervater engagiert hat, um die Erbschaftsangelegenheiten der Tochter zu regeln.

Der sich anschließende, allmähliche Übergang in die Wahnwelt der Sekte erscheint absolut nachfühlbar - wobei die Zuschauer gleichzeitig die Psychotricks zu durchschauen lernen. Und wenn der Film die Sondersprache der Scientology eins zu eins abbildet, versteht man zwar nicht, was genau da verhandelt wird, aber man spürt: Das ganze soziale Koordinatensystem verschiebt sich so, dass den Protagonisten nur die Alternative bleibt, weiter hineinzugleiten in die Sektenwelt oder von ihr ausgespuckt zu werden.

Letzteres passiert Frank, der hilflos die Zerstörung seiner Familie erlebt. Dass Scientology mit ihrer Hypnosetechnik "Auditing" eine betörende Sucht erzeugt, transportieren die Bilder ebenso wie die allgegenwärtige Überwachung und die Gefühlskälte, die die Sekte Sarah anerzieht, bis sie am Ende Scientology mehr liebt als den Vater.

Das ist das Perfide an dieser wie an den meisten anderen Sekten: der Missbrauch von Kindern, die eben nicht selbst entscheiden können, ob sie mitmachen wollen oder nicht. Darüber bestimmen ihre Sekteneltern - die nicht selten von ignoranten Familienrichtern bestätigt werden.

Auch diese Wendung ist wie der gesamte Film angelehnt an wahre Schicksale, vor allem des Hamburgers Dieter von Rönn, der 1984 von Scientology angeworben wurde und seine Frau in die Sekte brachte. Während er nach zehn Jahren den Absprung schaffte, blieb seine Frau mit den Kindern bei Scientology. Rönn lebt heute gemeinsam mit seiner neuen Frau Astrid, die damals mit ihm ausstieg.

Die Schauspielerin Nina Kunzendorf erzählte bei der Filmpremiere, dass sie und die anderen Hauptdarsteller mit Rönns zusammensaßen und sich deren Geschichten anhörten. Ein früherer Top-Scientologe spielte mit ihnen das Auditing durch, am E-Meter, dem Lügendetektor von Scientology.

Mit dem Ergebnis, dass Kunzendorf die kühle "Ethik-Offizierin" der Hamburger Scientology-Filiale beängstigend realistisch und angsteinflößend verkörpert.

Es hat viele Versuche im deutschen Fernsehen gegeben, Scientology zu dramatisieren, mehrfach beim "Tatort", auch in Krimis der Privatsender. War die filmische Sekte auch nach dem offensichtlichen Vorbild gestrickt, durfte sie doch nie Scientology heißen. Das ist in "Bis nichts mehr bleibt" anders.

Noch nie wurde die unterkühlt-elegante Atmosphäre einer Scientology-Org so wirklichkeitsgetreu in Bilder umgesetzt. Das Setting stimmt bis in die kleinsten Details: die Thetan-Armbänder, die Clear-Urkunden an der Wand, die bizarren Marine-Uniformen der Sea-Org-Offiziere, die zur Strafaktion anrücken.

Und erstmals wird im Spielfilm auch ein scientologisches Straflager gezeigt, wo die "Rehabilitanden" schwarze Overalls tragen und sich den ganzen Tag im Laufschritt bewegen müssen.

"Inseln des Totalitarismus in der demokratischen Gesellschaft" hat der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton Sekten wie Scientology genannt. Was das heißt, konnte man selten so realistisch erfahren wie in diesem spannenden, im besten Sinne aufklärerischen Film.

Dabei war das Ziel, die Wirklichkeit möglichst genau abzubilden, das eigentliche Wagnis für die Filmemacher. Denn die Organisation verfügt über eine millionenschwere "Kriegskasse", um Kritiker zu bekämpfen. "Erhebt bei jeder Gelegenheit Verleumdungsklagen", schrieb der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. "Es geht nicht darum zu gewinnen. Der Zweck einer Klage ist es, den Gegner zu zermürben und zu entmutigen."

Um das Projekt nicht zu gefährden und die Informanten zu schützen, entstand der Film daher unter strenger Geheimhaltung. Scientology erhielt bis zuletzt keinen Einblick in Drehbuch und Film. Stattdessen präsentierte die Sekte einen eigenen Film, der deutlich machen sollte; dass "genau das Gegenteil von dem wahr ist, was die ARD zeigt".

Niki Stein sagte bei der Premiere, Scientology sei derart facettenreich, dass er nur fünf Prozent davon habe abbilden können. Am Ende versteht man daher zwar nicht recht, wozu der ganze Apparat des Psychokonzerns eigentlich da ist und wer davon profitiert.

Aber man begreift, wieso normale Menschen fremdbestimmte Scientologen werden. Das ist sehr viel. Und man muss den Film loben für seinen Mut, im Abspann darauf hinzuweisen, dass es auch die Möglichkeit gäbe, Scientology zu verbieten - dass dies aber in Deutschland wie in den meisten anderen Ländern nicht geschieht.

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