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Rinder erfrischen sich in Agra.

Reisen

"Die Angst ist kein schlechter Begleiter"

Der Autor Matthias Politycki über Vorder- und Rückseiten fremder Städte sowie Lust und Unlust am Reisen.

Herr Politycki, der äußere Anlass für Ihr Buch „Schrecklich schön und weit und wild – Warum wir reisen und was wir dabei denken“ war der Flüchtlingsstrom im Sommer 2015. Wieso?
Das war der allerletzte Auslöser. Ich habe mir – wie wahrscheinlich andere Reisende auch – jahrelang schöngeredet, was in vielen Weltgegenden passiert ist, bin andernorts darum herum gereist. Auf Ceylon habe ich einmal in einem Hotel eingecheckt, in dessen Foyer einige Tage zuvor eine Bombe hochgegangen war. Trotzdem habe ich mir weiterhin eingeredet, das seien nur Einzelfälle. Aber dann wurden ganze Länder, ja halbe Erdteile zu Kriegsgebieten. Zu sehen, dass Menschen nach Europa aus ebender Fremde flüchten, die wir in Europa so faszinierend finden, hat mir meine Euphorie des Drauflosreisens dann doch genommen.

Es gibt eingangs des Buches einige Hinweise auf eine gewisse Reisemüdigkeit. Gleichwohl kommen Sie dann im weiteren Verlauf doch zu dem Ergebnis, dass es keine Lösung sei, nicht in die Fremde zu reisen.
Gerade in Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, finde ich es wichtig, dass sich der Reisende als Realo unter all den Fundis zu Wort meldet. Deshalb ist und bleibt es für das Selbstverständnis unserer Gesellschaft zentral, dass wir weiterhin reisen. Ich rede nicht von Urlaubern, sondern von Menschen, die sich dem Fremden aussetzen und ihre Erkenntnisse einbringen ins öffentliche Gespräch. Auch die negativen Erkenntnisse, denn da gibt es nichts zu beschönigen.

Zudem stellen Sie fest, dass der Reisende bedrohten Kulturen eine Stütze sein könne.
Zum Beispiel den vielen Minderheiten in Indien, die unter dem Deckmantel der Demokratie und der Losung Jeder-kann-wohnen-wo-er-will systematisch verdrängt werden. Indem man sich für die Kultur solcher Minderheiten interessiert, kann man diesen Prozess zwar nicht stoppen, aber wenigstens verzögern.

Ist für den Reisenden die Welt angesichts der vielen Gefahrenherde kleiner geworden?
Größer und kleiner zugleich. Scheinbar ist sie ja viel leichter zu bereisen, selbst exotische Ziele liegen nur noch ein paar Mausklicks entfernt. Aber die Frage ist, wo Reisen beginnt. Ist es schon Reisen, wenn man sich mit Seinesgleichen an die angesagten Touristenorte begibt und über Tripadvisor die nettesten Restaurants aufsucht? Das ist ja ein guter Ansatz. Aber ein Reisender, wie ich ihn verstehe, geht weiter, er sucht den Alltag eines Landes hinter seinen Sehenswürdigkeiten. Für ihn ist es von Jahr zu Jahr aufwendiger geworden, durch die touristisch verzerrten Hotspots hindurch und ins tatsächlich Fremde zu reisen.

Der Leser erfährt, dass Reisen für Sie auch eine Arbeit ist, verbunden mit einem gewissen Leistungsdruck.
Das stimmt. Weil die Zeit immer viel zu knapp bemessen ist für all das, was man sich vorgenommen hat. Auf jedem Rückflug schreibe ich mir auf, was ich „beim nächsten Mal“ unternehmen möchte. Obwohl ich gerne in die Heimat zurückkehre, hat die Zeit in der Fremde nie ausgereicht.

Zuweilen wird Menschen, die viel reisen, nachgesagt, dass sie auf der Flucht seien vor heimischen Sorgen.
Es funktioniert aber selten. Das, wovor wir fliehen, holt uns spätestens ein, wenn wir irgendwo zur Ruhe kommen. Und solche Momente gibt es auf jeder Reise. Dann ist der Kummer weit schlimmer als zuhause, wo man ja einen Freund anrufen oder eine Flasche Wein mit seiner Frau trinken könnte. Nein, Flucht kann kein vernünftiges Motiv für eine Reise sein. Man muss eine Reise relativ stabil antreten, um gewappnet zu sein vor der Achterbahnfahrt der Empfindungen, die einen ohnehin erwartet.

Gibt es auch Angst vor der Reise?
Bei mir gibt es vielleicht keine Angst, aber eine wachsende Unlust vor jeder Reise. Weil ich da bereits all die Mühsal vor Augen habe, die auch diesmal auf mich zukommen wird – die überfüllten Überlandbusse, die Hitze, die Hunde, die einen nachts einzukreisen versuchen, was auch immer.

Im Buch zitieren Sie Albert Camus mit dem Satz „Was den Wert der Reise ausmacht, ist die Angst“....
Die Angst ist nicht unser schlechtester Begleiter, weil sie uns Grenzen setzt. Auf der anderen Seite treibt uns eine Abenteuerlust, die sich mitunter bis zum Größenwahn steigert, dann gehen wir über Grenzen, die wir zu Hause nie überschritten hätten. Angst und Größenwahn muss man auf jeder Reise neu ausjustieren, das ist ja einer der ganz großen Reize des Reisens.

Sie schildern in dem Buch, dass Ihnen auf Reisen gerade die Rückseiten der Städte wichtig sind. Verpassen Sie darüber auch schon mal die Vorderseiten der Attraktionen?
Nein, die suche ich immer als erstes auf. Sie sind ja am einfachsten zu finden, das ist ein idealer Einstieg in die Fremde. Gleich danach kommt aber für mich immer: auf einen Aussichtsturm hochzufahren und so lange zu schauen, bis ich eine erste Ahnung von der Struktur der Stadt habe. Erst dann traue ich mir einen Ausflug auf ihre Rückseiten zu.

Dazu gehörte beim Aufenthalt in Kalkutta etwa der Ausflug auf die gigantische Müllkippe der Stadt.
Und nicht nur in Kalkutta. Weil das Tadsch Mahal in Agra sehr überfüllt war, bin ich auch dort auf den Müllberg gestiegen. Er liegt am gegenüberliegenden Flussufer, man befindet sich dort in einem ganz anderen Indien. Übrigens war ich hochwillkommen und wurde wunderbar begleitet von den Leuten, die dort arbeiten. Schließlich blickten wir gemeinsam auf die Silhouette des Tadsch Mahal, die in der Ferne schimmerte – und obwohl wir uns kaum verständigen konnten, waren wir doch alle auf innige Weise verbunden. Einer der kostbarsten Momente, den man erleben kann: Der Blick von der Rückseite auf die Vorderseite, als Fremder mit den Einheimischen im wortlosen Schauen vereint.

Welchen Einfluss hat das Reisen auf den Autor Matthias Politycki?
Angefangen habe ich ja als experimenteller Schriftsteller – da ging es mir nur um Phantasie und Sprache. Jede Reise hat mich ein Stück weiter davon entfernt, die Fremde hat mich ganz zwangsläufig geerdet und zum realistischen Erzählen erzogen. So erst habe ich begriffen, dass ein interessanter Text noch lange nicht gut ist, dass zu Phantasie und Sprache auch Erfahrung kommen muss. Und dass dadurch auch die Inhalte selbst verändert werden – die Einschätzung der Welt und der Heimat, der Menschen, die Haltung als Schriftsteller.

Das Reisen hat für Sie im Laufe der Zeit und aufgrund der vielen Eindrücke ein wenig an Reiz verloren. Gilt das auch für das Schreiben?
Ehrlich gesagt, bin ich froh um jeden Tag, an dem es nichts zu schreiben gibt, das ist dann wie Urlaub. Mit 16 habe ich gemerkt, dass ich schreiben muss – und das war kein schöner Moment. Ich hatte es mir ja nicht ausgesucht, ich musste es. Das Leben in einer Band hatte ich mir lustiger vorgestellt. Aber Schreiben wurde mein Leben – wie Reisen und Laufen auch. Froh bin ich über alles, was ich schreibend bereits abgearbeitet habe. Die Liste weiterer Projekte ist allzu lang – wie beim Reisen.

Das Buch vermittelt den Reise-Stand vom 17. Juni 2016: Bis dahin sind Sie in 97 Ländern gewesen. Was ist seitdem passiert?
Eigentlich bin ich keiner von denen, die ihre Länder zählen. Ich habe es nur gemacht, weil einer meiner Freunde, der im Buch öfter zitiert wird, ein solch fanatischer Abhaker ist. Im Vergleich zu ambitionierten Reisenden bin ich gar nicht mal weit herumgekommen, gewiss auch deshalb, weil ich gerne zurückreise in Länder, die ich bereits besucht habe. Beim zweiten oder dritten Besuch lernt man ein Land ganz anders kennen. Seit dem 17. 6. 2016 war ich zwei weitere Male in Indien, und tatsächlich, das Land wurde mir mit jeder Reise noch rätselhafter.

Was kommt als nächstes?
Kambodscha, Laos, Vietnam – also Nr. 98, 99 und 100, wenn Sie so wollen.

Interview: Martin Oehlen

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