+
Charakteristisch für Breitbachs Texte ist ihre Authentizität. Breitbach kannte die Schauplätze aus eigener Anschauung.

Joseph Breitbach

Der Angestelltenkenner

Als erster beschrieb Breitbach in den 20er Jahren den schwierigen Alltag der kleinen Verkäuferinnen eines Kaufhauses. Als sein Artikel erschien war er seinen Job in der Buchabteilung allerdings los.

Von RENATE WIGGERSHAUS

Am 26. Januar 1929 konnte man in der Münchner "Neuen Zeitung" lesen, warum der 25jährige Leiter der Buchabteilung des Kaufhauses Landauer in Augsburg, Joseph Breitbach, plötzlich entlassen worden war. Im Monat davor waren unter dem Titel "Rot gegen Rot" drei Erzählungen von ihm erschienen.

Darin habe der Autor, so hieß es in dem Zeitungsartikel, die Kulissen des Warenhauses beiseite geschoben und gezeigt, "dass hinter der schreienden Reklame, hinter den dekorativen Schaufensterbehängen, hinter der bunten Drapierung der Räume krasse Ausbeutung, Überstundensystem ohne Bezahlung, Schikanen der Abteilungsleiter... und deren Gelüste stehen, ihre Machtbefugnisse auch außerhalb des Betriebs auf das weibliche Personal auszudehnen". Die Stuttgarter Konzernzentrale kündigte dem jungen Angestellten zum nächstmöglichen Termin.

Zwei Jahre vor Siegfried Kracauers groß angelegter Reportage "Die Angestellten" vermittelte Joseph Breitbach als erster aufgrund eigener Erfahrungen ein Bild vom schwierigen Alltag der kleinen Verkäuferinnen und Ladenmädchen, vom unter Druck stehenden Aufsichtspersonals, von intrigierenden Vorgesetzten, von auf Gewinn spekulierenden Direktoren.

Aus der Perspektive kleiner Leute, etwa des pfiffigen und gewitzten Liftjungen Karl, schilderte Breitbach dabei auch in drastischen Bildern, wie "die Roten", in die die Schlosserlehrlinge, Hilfselektriker, Verkäuferinnen ihre bescheidene Hoffnung gesetzt hatten, deren Begeisterung missbrauchten und sie mit vollmundigen Versprechungen und hohlen Ideologien abspeisten.

Der für mehr Transparenz, Mitspracherecht und Teilhabe eintretende Breitbach war zu jener Zeit selber Mitglied der KP. Doch angesichts ihrer undurchsichtigen Hierarchie und ihrer ferngesteuerten klandestinen Parteiaktivitäten ging er schon bald auf Distanz.

1929 ließ er sich in Frankreich nieder, dessen Literatur er gut kannte und sehr schätzte. Ermutigt durch das Lob so angesehener Autoren wie Max Brod, Stefan Zweig, W.E. Süskind, Hermann Kesten oder Erich Kästner schrieb er seinen ersten Roman "Die Verwandlung der Susanne Dasseldorf". 1933 wurden seine Schriften in Deutschland verboten.

In Frankreich wurde er bei Kriegsausbruch interniert, später war er für den französischen Militärischen Nachrichtendienst in der Schweiz tätig, dann lebte er bis Ende des Kriegs im Versteck bei französischen Freunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er schließlich französischer Staatsbürger. Seine Karriere als Autor konnte er u.a. mit dem international erfolgreichen Roman "Bericht über Bruno" fortsetzen.

Von diesem deutsch-französischen, im übrigen steinreichen Autor, der von 1903 bis 1980 lebte und den hochdotierten Breitbach-Literaturpreis stiftete, sind nun im Rahmen der Werkausgabe alle zwischen 1924 und 1974 entstandenen Erzählungen erstmals in einem Band vereint erschienen.

Charakteristisch für diese Texte ist ihre Authentizität. Breitbach kannte die Schauplätze aus eigener Anschauung: die Warenhäuser und Handwerksstätten, die Straßen und Kneipen zur Zeit der amerikanischen Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg, die Versammlungsorte der KP und verschiedene Polizeipräsidien.

Und er hatte den Alltag der Arbeiter und Angestellten, das Verhalten der Parteigenossen und Ordnungshüter, die Direktiven der Rayonchefs und Konzernherren sehr genau studiert. So stellt der Band eine erzählerische Dokumentation bewegender Zeitgeschichte dar. Brillante Dialogführung, lebensechte, mit nur wenigen Strichen gezeichnete Charaktere, plastische Umgangssprache, überraschende Handlungsabläufe machen die Erzählungen zu kleinen Meisterwerken. Breitbachs Freund Julien Green pries die formalen Fertigkeiten, im düsteren "Clemens"-Fragment: "Das Erzählte wird vermittelt von einer rastlosen Trommel."

Wie ein roter Faden zieht sich durch die meisten Geschichten ein Thema, das Breitbach immer wieder variiert - wie nämlich ein von Missgunst, Neid, Anmaßung, Bosheit geleitetes Verhalten nichts als neuen Unmut und Rachegelüste auslöst, wie Unrecht zwangsläufig zu neuem Unrecht führt. Das Spektrum reicht von kleinen Gemeinheiten bis zu brutalen Strafaktionen.

In der abgründigen Erzählung "Lärm" von 1974 etwa - dem lapidaren Bericht eines Polizeikommissars an den Innenminister - reißt ein Jugendlicher friedlich Schlafende Nacht für Nacht aus ihren Träumen, wenn er mit seinem schweren Motorrad durch die Straßen donnert. Zur Strafe wird er von einem sich als Moralapostel aufspielenden ominösen Geheimbund wegen "unsozialen Verhaltens gegen Mitmenschen" entführt und in der inneren Kammer eines Bunkers so laut von einer Lärmmaschine beschallt, dass er sein Gehör verliert.

Diesem Teufelskreis von Schuld und Strafe versuchte Breitbach etwas entgegenzusetzen. Für ihn war Literatur eng mit moralischer Verantwortung und sozialem Engagement verbunden. Indem er seine Aufmerksamkeit den Randexistenzen, den Strauchelnden, Verführten, Waisen und Träumern widmete, konnte er deutlich machen, dass Tugendhaftigkeit und mitmenschliche Anteilnahme nicht gedeihen können, wo soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheit herrschen.

In einem Brief an Hans Erich Nossack verlieh Joseph Breitbach seiner Überzeugung mit folgendem Bild Ausdruck: "Wer durch den Fluß will, muß sich die Füße nass machen. Der am Rande stehen bleibt, hat nicht das Recht, sich über die naß und schmutzig gewordenen Füße zu räuspern."

Joseph Breitbach: Rot gegen Rot. Hrsg. von Wolfgang Mettmann u. Alexandra Plettenberg-Serban.

Wallstein Verlag,

510 S., 24 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion