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Chefin Merkel (r.) mit Französin Michèle Alliot-Marie von der (nicht mehr existenten) RPR, 2000.

Union

Als Angela Merkel den Rücktritt von Helmut Kohl forderte

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Wenn eine Partei um ihre Glaubwürdigkeit kämpft, muss sie sich gelegentlich von altgedientem Personal trennen. In diesem Sinne forderte Merkel 1999 den Rücktritt Kohls. Die Geschichte holt sie ein.

Darf man Angela Merkel als ein altes Schlachtross bezeichnen? Nein, natürlich wäre das zumindest sehr unfein. Andererseits liegt diese Assoziation nahe, denn sie hat ihren Vorgänger Helmut Kohl so angesprochen, in jenem legendären Artikel in der FAZ vom 22. Dezember 1999, in dem sie die CDU zur Abnabelung von ihrem großen alten Mann aufforderte. Das war ein unerhörter Vorgang, immerhin war sie die Generalsekretärin der CDU. 

Umso kräftiger war das Zeichen, das sie gesetzt hat: Die scheinbar unendliche Ära Helmut Kohls als mächtigster Mann der CDU war unwiderruflich zu Ende. Das spürten viele, nur einer nicht: Helmut Kohl. Und keiner aus der Führung hatte bis dahin den Mut gefunden, dies offen und öffentlich auszusprechen. Hier liegt die Ähnlichkeit zu Angela Merkels Situation heute, wenn auch die Rahmenbedingungen völlig andere sind. 

Die CDU hatte 1998 die Bundestagswahl verloren, nach 16 Jahren Amtszeit von Helmut Kohl als Kanzler. Viele in der Partei hätte es besser gefunden, wenn er nicht noch einmal angetreten wäre und Wolfgang Schäuble den Vortritt gelassen hätte. Doch Kohl konnte es nicht lassen – „wie das alte Zirkuspferd, das losläuft, sobald die Kapelle anfängt zu spielen“, wie er es selbst formuliert hat. Noch am Wahlabend stellte Kohl dann sein Amt als Parteivorsitzender nach 25 Jahren an der CDU-Spitze zur Verfügung. 

Das hieß aber nicht, dass es mit dem Strippenziehen vorbei sein sollte. Er wurde zum Ehrenvorsitzenden gewählt, der seine neue Rolle als mächtige graue Eminenz der Union mit Freuden spielte – bis Ende 1999 die Schwarzgeldaffäre mit getarnten Auslandskonten die Partei in einen Krisenstrudel riss. Kohl gab zu, dass er während seiner Kanzlerzeit unter Bruch des Parteispendengesetzes Millionenbeträge für die CDU angenommen hat. Aber er weigerte sich, die Spender zu nennen – weil er ihnen sein Ehrenwort gegeben habe, zu schweigen. 

Das ist der Moment, in dem Merkel zuschlägt. „Die von Kohl eingeräumten Vorgänge haben der Partei Schaden zugefügt“, schreibt sie in ihrem Gastbeitrag für die FAZ. „Es geht um die Glaubwürdigkeit Kohls, es geht um die Glaubwürdigkeit der CDU, es geht um die Glaubwürdigkeit politischer Parteien insgesamt.“ 

Und dann wird sie sehr grundsätzlich: „Vielleicht ist es nach einem so langen politischen Leben, wie Helmut Kohl es geführt hat, wirklich zu viel verlangt, von heute auf morgen alle Ämter niederzulegen, sich völlig aus der Politik zurückzuziehen und den Nachfolgern, den Jüngeren das Feld schnell ganz zu überlassen. (…) Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich oft selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen. Sie muss sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen, eigene Wege gehen und wird trotzdem immer zu dem stehen, der sie ganz nachhaltig geprägt hat, vielleicht später sogar mehr als heute. Ein solcher Prozess geht nicht ohne Wunden, ohne Verletzungen. Wie wir in der Partei aber damit umgehen, ob wir dieses scheinbar Undenkbare als Treuebruch verteufeln oder als notwendige, fließende Weiterentwicklung (…) begreifen, das wird über unsere Chancen bei den nächsten Wahlen in den Ländern und im Bund entscheiden.“ 

Es sind diese letzten Sätze, die heute, angesichts des Autoritätsverlustes von Angela Merkel in ihrer Partei und gegenüber der CSU, so aktuell wie damals klingen. Sie hat selbst davon gesprochen, wie schwer sie sich im Herbst 2016 getan hat mit der Entscheidung, nach zwölf Amtsjahren doch noch einmal als Kanzlerkandidatin anzutreten.

Man kann sich gut vorstellen, dass sie inzwischen manches Mal zu sich oder ihrem Mann gesagt hat: „Hätte ich mich da doch bloß anders entschieden!“ Auf dem Parteitag im Dezember hat sie nun noch einmal die Chance, ihrer CDU zu sagen: „Ihr müsst jetzt lernen, alleine zu laufen!“

Ohne die Mutti, werden viele sagen. Ein Begriff, der so wenig wie das Schlachtross zu dieser außergewöhnlichen Politikerin passt, die jetzt schauen muss, dass ihr Abgang vielleicht schon zu spät, aber doch noch würdevoll gelingt. 

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