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„Der einenden Kraft, die die Musik in solchen Momenten hat, kann keine politische Verstimmung etwas anhaben“, sagt Nelsons, hier unverkennbar im Gewandhaus.

Interview Andris Nelsons

Andris Nelsons: „Ich kann diese Gefühle bis heute abrufen“

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Andris Nelsons über die Singende Revolution in Lettland, über die verbindene Kraft der Musik und über seine Arbeit am Leipziger Gewandhaus.

Herr Nelsons, Deutschland hat gerade den 30. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Auch in Ihrer Heimat steht ein Jubiläum der friedlichen Revolution an: Im Dezember 1989 wurde die Kommunistische Partei in Lettland entmachtet. Wie haben Sie die Zeit vor 30 Jahren in der damaligen Sowjetrepublik erlebt?

Ich war erst elf Jahre alt, aber ich erinnere mich gut daran, wie aufgeregt meine Eltern verfolgten, was damals in Ostdeutschland passierte. Wir hörten von den ersten großen Demonstrationen gegen das Regime in Leipzig – und dachten: Oh, das ist die Stadt von Bach, von Mendelssohn, des Gewandhauses!

Das wussten Sie als Kind im 1300 Kilometer entfernten Riga?

Natürlich! Meine Eltern waren Berufsmusiker, für sie kamen aus Deutschland unzählige Einflüsse. Kurt Masur, der damals Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses war, war bei uns zu Hause ein Star, seine LPs standen bei uns im Schrank. Im Herbst 1989 erfuhren wir dann, dass er bei den Protesten gegen das Regime mitmischte! Meine Eltern hatten ja auch viele Kontakte in die lettische Oppositionsbewegung. Sie waren elektrisiert.

Heute sind Sie selbst ein Nachfolger von Kurt Masur als Gewandhauskapellmeister – und zugleich in Boston Chefdirigent und Gast an allen großen Häusern der Welt. In Ihrer Kindheit war das undenkbar. Träumten Sie trotzdem davon, im Westen aufzutreten?

Seit ich aufwuchs, war ich umgeben von Musik. Ich wollte ein guter Trompeter werden, ich habe so hart geübt! Klar war aber: Meine Karriere würde nur im Ostblock stattfinden. Um darüber in einem politischen Sinn zu grübeln, war ich zu jung. Auch meine Eltern haben das mit mir nie in einem politischen Zusammenhang besprochen. Die Musik stand für uns über solchen Fragen.

Haben sich Ihre Eltern für Berufe als klassische Musiker entschieden – um auf Distanz zur Staatsmacht zu bleiben?

So einfach war das nicht. Meine Mutter hatte das erste lettische Ensemble für Alte Musik gegründet, mit dem sie Musik aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Barock spielte – das war gar nicht gern gesehen! Es galt als rückwärtsgewandt. Aber meine Eltern stellten das damals nie als politische Tat dar. Wir sprachen über Musik allein der Musik wegen. Als etwas, das man ohne Worte versteht. Deshalb wollten meine Eltern Musiker sein: Sie sahen Musik als Nahrung für die Seele.

Und doch spielte Musik beim friedlichen Widerstand gegen das Sowjetsystem, der in Lettland schon 1987 begann, eine zentrale Rolle. Man spricht ja sogar von der Singenden Revolution.

Musik war in meiner Heimat extrem wichtig, so lange ich denken kann. Ich wuchs damit auf, dass meine Eltern klassische Musik fast wie einen religiösen Akt zelebrierten. In der Sowjetunion war Religion ja unerwünscht. Das Sakrale, Spirituelle der Musik wurde für viele ein Religionsersatz. Später sangen dann mehr und mehr Menschen die alten, teils verbotenen Volkslieder auch gezielt als Protest.

Haben Sie das selbst miterlebt?

Absolut. Meine Eltern hatten mit der Gesangszene oft zu tun. Es gibt in allen baltischen Staaten, aber vor allem in Lettland und Estland, diese reiche Tradition, speziell im Chorgesang. Schon als Kind war ich auf vielen der traditionellen Festivals, wo unter freiem Himmel riesige Chöre aus Zehntausenden Menschen sangen, Amateure und Profis – vor noch größerem Publikum. Das schweißte die Letten zusammen, lange vor dem Kollaps der Sowjetunion. Als daraus eine Protestbewegung wurde, war ich knapp zwölf – und habe leidenschaftlich mitgesungen.

Wie konnte denn eine politische Bewegung daraus werden?

Diese Lieder und Folklore-Gruppen gehörten lange vor meiner Geburt zu unserer nationalen Identität. Moskau wollte aber keine lettische oder estnische Identität, es sollte nur das übernationale Vaterland Sowjetunion geben. Die Menschen hörten trotzdem nie auf, die alten, teils patriotischen Lieder zu singen – zuerst heimlich, dann öffentlich, in immer größeren Chören.

Wie gefährlich war das?

Einerseits stoppten die Sowjets es nicht. Es war der Sauerstoff, den sie uns noch ließen. Andererseits erinnere ich mich, wie die Unzufriedenheit im Land wuchs – und bei den Liederfestivals plötzlich die alte Nationalhymne gesungen wurde. Das war verboten, viele Menschen wurden verhaftet.

Hatten Sie selbst Angst damals?

Meine Eltern haben das Thema vor mir gemieden – sicher, um mich zu beschützen. Sie sagten nur, ich solle damit aufpassen. Später, Anfang 1991, gab es sogar Tote, als die Demonstranten die Fernsehsender und Ministerien stürmten und die Sowjetarmee auf sie schoss. Mein Vater war unter denen, die Barrikaden bauten. Menschen aus dem ganzen Land strömten dafür nach Riga. Wir wussten, dass eine Nation von zwei Millionen Einwohnern keine Chance gegen sowjetische Panzer hätte. Aber es gab dieses Gemeinschaftsgefühl, diesen Willen zur Freiheit, zum eigenen Land – also bauten sie Barrikaden. Und statt Reden zu halten oder Parolen zu skandieren, sangen sie dabei. All die Lieder vom Zusammenhalt und von der lettischen Nation. Das habe ich bis heute im Ohr.

Als Lettland Ende 1991 unabhängig wurde, waren Sie knapp 13. Denken Sie, diese Erfahrungen haben Sie so sehr geprägt, dass es Ihre Arbeit und Ihr Talent bis heute beeinflusst?

Sicherlich. Andere wurden vielleicht schon als Kind auf eine Profikarriere getrimmt. Ich lebte, bis ich zwölf war, in der Sowjetunion, ganz am Rande, im kleinen Lettland. Wir sind die letzte Generation, die noch konkrete Erinnerungen an den schwierigen Alltag in der Sowjetzeit hat. Dieses ewige Schlangestehen, jeden Tag, für einfachste Dinge wie Brot oder Eier! Für meinen Dirigierunterricht bin ich später 16 Stunden im Nachtzug nach St. Petersburg und zurück gefahren. Nach dem Systemwechsel herrschte sogar noch größerer Mangel. Es gab Rationskarten, für Dinge wie Waschmittel oder Zucker. Heute sind wir in der EU, und all das wirkt fast absurd. Aber so waren die Zeiten.

Zur Person
Andris Nelsons,1978 in Riga in eine Musikerfamilie geboren, studierte Trompete, Gesang und Dirigieren. Mit 24 Jahren wurde er Chefdirigent der Lettischen Nationaloper, vier Jahre später begann mit dem Wechsel nach Herford zur Nordwestdeutschen Philharmonie und 2008 nach Birmingham seine internationale Karriere.

Heute istNelsons Chefdirigent und Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra sowie Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses und damit ein Nachfolger von Felix Mendelssohn Bartholdy, Wilhelm Furtwängler und Kurt Masur. Als Gastdirigent war er weltweit an den großen Häusern tätig. Unter anderem wurde er von der Fachpublikation „Musical America“ bereits 2017 zum „Musiker des Jahres“ gekürt.

Historisch warendie drei gemeinsamen Auftritte der nahezu gesamten Orchester aus Leipzig und Boston, die Nelsons Anfang November in der US-Metropole dirigierte. Das dabei aufgezeichnete „Festliche Präludium für großes Orchester und Orgel“ von Richard Strauss wird demnächst als Bonus-Track in einer CD-Box der Deutschen Grammophon veröffentlicht.

Nun sind Sie seit knapp zwei Jahren Gewandhauskapellmeister in Leipzig, wo 1989 Zehntausende auf den ersten Massendemonstrationen das DDR-Regime ins Wanken brachten. Für die Stadt ist das sehr wichtig. Fühlen Sie durch Ihre Biografie eine besondere Verbindung zu Leipzig?

Auf jeden Fall. Es verbindet, im Ostblock aufgewachsen zu sein, einen so großen Umbruch geschafft zu haben, zwei Systeme zu kennen. Ich kann diese Gefühle bis heute abrufen. Als wir zum Festakt für den 30. Jahrestag der großen Demonstration vom 9. Oktober 1989 in Leipzig ein Festkonzert in Anwesenheit des Bundespräsidenten spielten, konnte ich nachempfinden, was da gefeiert wird. Für mich ist es ein Teil der eigenen Geschichte. Ich kann die Freude über den Wandel nachvollziehen und die Erinnerung an das Leid. Auch mein Großvater wurde in seiner Jugend für 15 Jahre nach Sibirien verbannt. Das hinterlässt Spuren.

Die Musikkritiker schreiben, gerade diese Biografie habe Sie womöglich zu einem großen Dirigenten gemacht. Weil Sie sich durchkämpfen mussten.

Ich weiß nicht. Sicher ist aber, dass die Erfahrung der Singenden Revolution mich von der Kraft der Musik überzeugte: eine heilende Kraft; eine Kraft, Menschen zusammenzubringen, sogar von unvereinbaren Positionen und getrennten Ländern oder gar Systemen. Das fiel mir gerade wieder ein, als wir unser erstes gemeinsames Konzert mit dem Boston Symphony Orchestra und dem Leipziger Gewandhausorchester spielten. Der einenden Kraft, die die Musik in solchen Momenten hat, kann keine politische Verstimmung etwas anhaben.

Sie leben nun halb in Boston, halb in Leipzig. Für Familie und Freunde in Riga bleiben nur die kurzen Verschnaufpausen dazwischen. Ist das schmerzlich – oder ist es das Leben im Westen, das Sie sich als kleines Sowjetkind erträumten?

Ich hatte keine Träume vom Westen, ich kannte ihn ja kaum. Nur als meine Mutter mit ihrem Ensemble auf Tour auch mal nach Westdeutschland durfte, brachte sie Souvenirs mit, die mich faszinierten. Es klingt vielleicht kindisch, aber kennen Sie diese Kataloge ... Otto oder so?

Das Versandhaus?

Ja, dicke Bücher voller unglaublicher Produkte! Ich interessierte mich mit sieben oder acht natürlich nur für das Spielzeug. In den lettischen Läden gab es davon ja nicht viel. Noch einprägsamer war dann, als ich 1990 als Trompeter mit einem Blasensemble in Deutschland gastierte: Wir fuhren mit dem Bus nach Hannover. Als ich die Straßen dort sah, hat es mich umgehauen: All diese Läden! Wie gut es duftete! Bäckereien, Süßigkeiten, Parfüme! Die Spielzeugläden zu betreten, war ein regelrechter Schock.

Verbinden Sie das Ende des Kommunismus in Lettland also vor allem mit materiellen Segnungen?

Im Gegenteil: Zunächst wurde der Mangel sogar schlimmer. Was ich aber sofort sah: all die neuen Chancen! Ich hatte ja mit drei, vier Jahren angefangen, klassische Konzerte zu hören und bekam bald Klavierunterricht. Als die Mauer fiel, war mein erster Gedanke, wie groß der Horizont an Möglichkeiten nun wäre. Endlich kämen wir an Aufnahmen von Karajan heran, von Bernstein! Das war für mich der größte spürbare Einschnitt: all die neuen Optionen – zu studieren, aufzutreten, an Wettbewerben teilzunehmen. Dass das ein Privileg ist, ist mir bis heute bewusst.

Haben Sie das Gefühl, auch das Leipziger Gewandhaus hat diese Wendezeit nachhaltig geprägt?

Ach, ich glaube, dessen Identität geht viel weiter zurück. Ein Orchester, das fast 280 Jahre alt ist – für dessen Identität und Klangtradition ist wichtiger, dass ein Mendelssohn unter seinen Kapellmeistern war, als dass man den Kommunismus erlebt hat. Seine musikalische Geschichte wiegt viel schwerer als die Regime, die es überlebt hat. Es ist das älteste bürgerliche Orchester der Welt, älter als sein Land: Es gab ein Leipziger Gewandhaus, bevor es ein Deutschland gab.

Das andere Orchester, das Sie sogar schon seit 2014 leiten, hat eine enge Verbindung nach Leipzig: Boston hat mehrere Kapellmeister vom Gewandhaus übernommen, hat seine Symphony Hall nach dem Vorbild des damaligen Gewandhauses gebaut, beide Städte sind sich als Orte von Aufklärung und Bildung sehr ähnlich …

Und wir bauen diese Partnerschaft gerade intensiver aus als je zuvor. Nicht nur bin ich Musikalischer Leiter beider Orchester. Es gibt auch Austauschprogramme für die Musiker, wir geben gemeinsam Kompositionen in Auftrag, wechseln uns in Gastspielwochen ab. Vor kurzem standen in Boston sogar beide Orchester für drei Konzerte gemeinsam auf der Bühne – ein historisches Ereignis! Das Publikum war begeistert, und auch die Orchester profitieren von ihren teils sehr unterschiedlichen Prägungen.

Wie das?

Beide Orchester sind sehr unterschiedlich, haben einen ganz eigenen Klang – auch verglichen mit anderen deutschen und amerikanischen Orchestern. Und jedes hat eine Spezialität: Das Gewandhausorchester ist auch ein Opernorchester und ein Kirchenorchester. Von dieser Vielseitigkeit profitieren die Gäste. Und Boston hat eine Sparte mit leichterer Muse: Sein „Pops Chart Orchestra“ spielt Jazz und Filmmusik, auch für Soundtracks von Hollywoodfilmen. Und es ist für eines der spannendsten Musik- und Lehrfestivals der Welt berühmt, in Tanglewood. Uns geht es nicht um diplomatische Gesten, sondern wir sind nur getrieben von der Musik allein. Und doch beweist sich auch da die völkerbindende Kraft der Kunst.

Und die friedliche Revolution vor 30 Jahren, die Sie mit den Leipzigern verbindet – können die Amerikaner damit etwas anfangen?

In Boston erinnert man sich natürlich sehr gut an die Zeit der riesigen Umbrüche auf der Weltkarte. Die Amerikaner haben diesen Wandel ja immer unterstützt, auch emotional. Denken Sie nur an Leonard Bernstein, der seine Karriere in Boston begann und dem Orchester immer eng verbunden blieb. Er war so ergriffen vom Mauerfall, dass er Weihnachten 1989 extra zweimal Beethovens Neunte in Berlin dirigierte: Einmal in der Philharmonie Westberlins, einmal im Ostberliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. In der „Ode an die Freude“ änderte er den Text in „Freiheit, schöner Götterfunke“. Das bleibt auch in Boston unvergessen.

Interview: Steven Geyer

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