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Andreas Schmidt ist im Alter von 53 Jahren gestorben.

Schauspieler

Andreas Schmidt ist tot

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Das Film- und Fernsehpublikum kannte ihn aus zahlreichen Filmen und Fernsehreihen wie "Tatort", "Polizeiruf 110" und "Sommer vorm Balkon". Nun ist Andreas Schmidt gestorben, er wurde nur 53 Jahre alt.

Gäbe es das Wort „Schlaks“ nicht schon, es hätte für ihn erfunden werden müssen: Groß, schlank, fast dünn, schmaler Kopf mit fliegenden Haarsträhnen, so bewegte er sich durch seine Filme. Er verband seine oft ein wenig ungelenk wirkende Erscheinung mit einem bisweilen unverschämten Charme. Das ließ ihn für Rollen wie die des LKW-Fahrers Ronald in Andreas Dresens „Sommer vorm Balkon“ prädestiniert erscheinen: ein Typ, der als Liebhaber erstmal ausscheidet, aber dann doch ans Ziel kommt – weil er auch dank dieser unglaublichen Lachfalten nonchalante Lässigkeit ausstrahlt, eine Art postproletarische Coolness, die sich abhebt von den 08/15-Typen aus Werbung und Wirtschaft. Andreas Schmidt wurde 2005 mit Dresens Film populär, aber da hatte er schon einige andere Charaktere auf der Leinwand mit Leben erfüllt.

Sein Filmdebüt gab er vor 30 Jahren als Zivildienstleistender in Adolf Winkelmanns „Peng! Du bist tot!“, und danach profilierte er sich in zahlreichen weiteren Nebenrollen, wann immer die Casting-Agentur einen Darsteller suchte, der als „Type“ in Szene gesetzt werden sollte, etwa den Dealer in Winkelmanns „Der Leibwächter“ oder auch den „Walkman“ in Pepe Danquarts Oscar-Preisträger „Schwarzfahrer“. Die erste Hauptrolle spielte Schmidt 1997 in Eoin Moores „plus-minus null“ als Bauarbeiter Alex, der mit der Kluft zwischen Wünschen und Wirklichkeit nicht zurechtkommt.

Der irische Regisseur war so überzeugt von seinem Darsteller, dass sie bei weiteren Filmen zusammen arbeiteten. Über „Pigs Will Fly“ (2002) schrieb Katja Nicodemus: „Man windet sich im Kinosessel, weil man einfach keine Lust hat, solch einen Typen auf Reisen zu begleiten, dem Andreas Schmidt die verspannte Selbstsicherheit eines Zwangsneurotikers verleiht.“

Bei diesem Film war Andreas Schmidt am Drehbuch beteiligt, denn seine Fähigkeiten beschränkten sich nicht auf die Schauspielerei. So gab er immer mal wieder Musiker; als junger Mann war er Sänger der Berliner Band Lillies große Liebe – was ihm bei seinem Engagement in Volker Ludwigs Erfolgsmusical „Linie 1“ half.

Für seine Darstellung des Bandleaders und Sängers Gurki in Heinz Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“ (Regie: Christian Görlitz) erhielt Andreas Schmidt denn auch den Deutschen Filmpreis 2009 als bester Nebendarsteller. Und in der TV-Serie „Stromberg“ hatte er in der zweiten Staffel seinen großen Auftritt als Rocker Theo, ein früherer Freund des Ekel-Chefs Bernd Stromberg.

Er kommt in Lederjacke und Sonnenbrille ins Büro, als sei er Chef einer Motorradgang, dabei gesteht er: „Außen Leder, innen nur Samt und Seide.“ Und so spielte Schmidt nicht nur diese Figur. Er war mehr als der „Frauenversteher“, weil bei all den irrlichternden Charakteren, die er verkörperte, doch meistens das Sensible durchschien. Beispiel dafür war der Fernsehfilm „Ein guter Sommer“ (Regie: Edward Berger), für den es den Grimmepreis gab.

Geboren im sauerländischen Nest Heggen, aufgewachsen im Märkischen Viertel in Berlin, also nicht gerade mit dem sprichwörtlichen Silberlöffel, hat Schmidt nach eigenen Worten erst durch die Beschäftigung mit Büchern seinen Weg einschlagen können. Er studierte Germanistik und Philosophie und absolvierte nebenbei eine Ausbildung zum Schauspieler; mit dem Beruf sei es dann „gleich ganz gut losgegangen“. Dabei genützt habe ihm, „ein bisschen außergewöhnlich auszusehen“, wie er in einem Interview verriet. Dass so einer irgendwann mal im „Tatort“ landet, ist keine Überraschung. Im „Polizeiruf 110“ mit dem Titel „Familiensache“ gelingt es ihm auf beklemmende Weise, die Zerrissenheit des Mörders zu zeigen.

Doch reichte Schmidts Horizont weiter als bis vor die Kamera. Längst hatte er als Regisseur im Theater Erfolg mit dem Stück „Männerhort“, und seine ungewöhnlich weiche Stimme brachte er auch in zahlreichen Hörspielen zur Geltung. Nun ist Andreas Schmidt im Alter von 53 Jahren nach längerer Krankheit in Berlin gestorben. Der deutsche Film hat einen bedeutenden Charakterdarsteller verloren.

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