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„Kartoffel“, 2002.
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„Kartoffel“, 2002.

Ausstellung

André Butzer in Köln: Comicaugen ohne Wimpern und die unstillbare Sehnsucht nach Nasa-Heim

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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André Butzers wilde Welten im Buch und als Ausstellung in Köln.

Das, was man fast immer zuerst sieht in diesen Gemälden von André Butzer, sind die Augen. Sie sind eine Art Anker, an dem man sich orientieren kann, etwas, das zurückschaut. In der Regel sind es Augen, die groß und oval geformt sind: Comicaugen ohne Wimpern. Manchmal sind es auch Schädelhöhlen, rund und dunkel, die dennoch zu gucken scheinen. Die Augen gehören zu Wesen, die sich oftmals in einer völlig chaotischen Situation befinden: Farben knallen und wüten um sie herum, ein Liniengewirr überzieht die Leinwand, Spritzer, dicke Farbklumpen, man ist als Betrachterin völlig überfordert.

Man kann diese Bilder derzeit in einer Ausstellung der Geschäftsstelle des Taschen Verlags in Köln betrachten, die neuerdings auch als Showroom fungiert. Hier hängen sie an großen, mit Stuck verzierten Wänden und bilden einen eigenwilligen Kontrast zur mondänen Architektur. Man kann sich aber auch ein in diesen Tagen im selben Verlag erscheinendes Buch zulegen - einen beachtlich dicken Wälzer, der das Werk der vergangenen 21 Jahre umfasst und deutlich macht, dass André Butzer - entgegen dem allerersten Anschein - nicht einfach so drauflos pinselt, sondern ein Konzept hat, vielleicht auch mehrere.

Butzer mag es wild und bunt

Was unmittelbar ersichtlich wird: Butzer mag es wild, er hat keine Angst vor großen Formaten und schrillen Farben – und er kann auch ganz anders, doch dazu später. Die Figuren, die sich der Maler in zwei Jahrzehnten erarbeitet hat und die immer wieder auftauchen, lassen sich in Typen unterteilen. Es gibt die comichaften Friedens-Siemense, deren Köpfe (die zugleich den Rumpf bilden) manchmal wie riesige M&M-Schokolinsen, manchmal wie ungelenke Ungetüme aussehen. Sie sind liebenswürdig, oftmals extrem verbeult oder anderweitig ramponiert. Der Name nimmt auf die deutsche Firma Siemens und ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg Bezug. Damals beutete der Konzern Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus. Der Friedens-Siemens vereint also Gegensätzliches im Namen, er hat eine heftige Vergangenheit, die man ihm ansieht, aber auch gute Absichten. Seine großen Augen haben Schreckliches gesehen, aber sie kommen – wie der Name schon sagt – in friedlicher Absicht. Bisweilen erinnern sie an Edvard Munchs berühmte Figur aus „Der Schrei“, dann wieder an Mickey Maus.

Tatsächlich sind es neben Henry Ford vor allem Walt Disney und Munch, die den Künstler nach eigener Aussage maßgeblich geprägt haben. Hinzu kommt Friedrich Hölderlin, dessen Einfluss sich in einer weiteren typischen Butzer-Figur wiederfindet, dem „Wanderer“, anfangs auch „Schandemann“ genannt. Sein Kopf ist an einen Totenkopf mit gekreuzten Knochen angelehnt und verweist also auf das Symbol der SS. Auch er ist aber nicht durchweg böse. Er ist ein Suchender, der mit Schnürstiefeln im Chaos umherirrt. Einer der in Köln ausgestellten „Wanderer“ von 2001 trägt ein vedrehtes Bein, blutige Hände und einen wie frisch gestärkt wirkenden weißen Kragen. Er ist so eng ins Bild gepresst, dass kein Entkommen möglich zu sein scheint. Die heftig strahlende Sonne, die von rechts oben ins Bild scheint, wirkt zugleich bedrohlich und erlösend. Es gibt dieses Motiv ganz ähnlich in verschiedenen Varianten. Eine davon heißt „Alle halbleeren Arzneiflaschen gehen zu einer Menschenmedizin zusammen“ – ein Titel, der von Hoffnung auf Heilung spricht.

Zur Sache:

Die Ausstellung von André Butzer ist noch bis zum 27. Januar 2022 im Taschen Verlag in Köln zu besichtigen.

Die große Monografie des Künstlers erscheint am 7. Dezember im Taschen Verlag, Köln, 424 S., 80 Euro.

Auch im Verlag Edition Linn, Heidelberg, ist soeben ein Buch über André Butzer mit dem Titel „Pressemitteilungen, Briefe, Gespräche, Texte, Gedichte“ erschienen. 144 S., 13 Euro.

Auch Butzer selbst irrte übrigens eine Weile als eine Art Wanderer umher. 2001 ging der Künstler, der 1973 in Stuttgart geboren wurde, nach Los Angeles ins Herz der modernen Unterhaltungsindustrie, um „jene fatalen, aber so lebensnahen Bedingungen, die verantwortlich für den Zustand der meisten menschlichen Gesellschaften auf unserem Planeten sind, anders oder intensiver wahrzunehmen“. Eigentlich wollte er dauerhaft in Amerika bleiben, doch dann merkte er, dass seine Vorstellungen von den USA nicht mit der Realität übereinstimmen. Das Amerika in Stuttgart habe er immer besser gefunden als das Amerika in Amerika, so Butzer später. Eine Reihe von Butzer-Bildern tragen die Abkürzung NASA im Titel. Es gibt das „NASAHEIM“ genauso wie „NASA-Scharlach“ oder schlichtweg „N“. „Was ist, wofür steht ,Nasaheim‘ oder ,N‘?“, fragt Christian Malycha in einem Buch über Butzer. „‚NASA‘ ist das extrem Ferne. Das, was in weiter Entfernung stattfindet, in unserer Vorstellung‘, jenseits der Welt. Hinzu kommt ‚Heim‘, also ,etwas sehr Nahes, Warmes‘ oder Menschliches. Irdisches und Außerirdisches. Bereits als zusammengesetzte Wortschöpfung drückt Butzer mit ‚Nasa-Heim‘ einen ausgeglichenen Zustand aus und benennt einen ‚unbetasteten‘ Ort, an dem alles Erlittene gestillt und ausgetragen endet. Dafür steht N. Bloß wie das göttliche Himmelsreich ist Nasaheim, jenes in den Kosmos entrückte Etwas, für den Menschen unerreichbar. Was schon der sich darum mühende Friedens-Siemens erkennen muss.“

Und dann gibt es die Frauen in diesen Bildern, Wesen voller Freundlichkeit und Liebe, Hüterinnen des „N-Hauses“. Wie die meisten von Butzers Figuren haben sie Hände, die weiße Handschuhe tragen, genau wie die Figuren aus den Disney-Comics, manchmal aber ist nur ein grüner Stumpf zu sehen.

Wie sich ein Künstler wie Butzer das Glück vorstellt? Als Familientreffen. En Bild mit dem Titel „Chips und Pepsi und Medizin (Das Glück)“ von 2003 zeigt alle typischen Butzer-Figuren in trauter Eintracht unter knallblauem Himmel, da wird gewunken und gelacht, selbst der Schandemann trägt ein fröhliches Grinsen im Gesicht. Man kann – so scheinen diese Bilder zu sagen – das alles miteinander versöhnen: die Schande, den Schmerz, die Fröhlichkeit. Das helle Gelb, das blutige Rot und das schlammige Braun. Chips und Pepsi und Medizin.

Dass der Künstler auch eine Sehnsucht nach Ordnung und Klarheit hat, zeigt eine Reihe von Bildern, die scheinbar völlig Gegensätzliches abbilden: zwei klar konturierte schwarze Rechtecke, in denen je ein weißer Schlitz klafft, eines ist waagerecht, das zweite senkrecht. Eines lastet auf dem anderen. Butzer hat dieses Motiv seit 2012 in zahlreichen Variationen durchgespielt, er kann also auch ganz anders, und es ist verblüffend, wie viel Grundlegendes und Emotionales sich mit dieser simplen Konstallation ausdrücken lässt

Diese farblosen Werke gehören zu Butzers stärksten Bildern.

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