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Hat auch Spaß am Filmgeschäft: Jeff Bezos (mit Fliege) mit der Chefin der Amazon Studios, Jennifer Salke.

Onlinehändler

Amazon ist wertvollste börsennotierte Firma

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Der Onlinehändler und Technologieriese setzt sich an die Spitze der teuersten börsennotierten Firmen der Welt. Die Strategie von Konzernchef Jeff Bezos setzt sich durch.

Die Mitteilung über ein extrem gutes Weihnachtsgeschäft hat der Aktie von Amazon wohl den letzten Schub gegeben, der noch nötig war, um zum wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt aufzusteigen. Mit einem Marktwert von knapp 800 Milliarden Dollar (700 Milliarden Euro) ist der Onlinehändler an Microsoft vorbeigezogen. Das Amazon-Papier legte am Montag an der Wall Street um 3,5 Prozent zu. Am Dienstag ging es im frühen New Yorker Handel noch einmal weiter nach oben.

Amazon hat in den vergangenen Wochen massiv von einer überraschend stark ausgeprägten Kauflust der US-Verbraucher profitiert. Im Weihnachtsgeschäft seien „Millionen mehr“ eigene Geräte als im Vorjahr verkauft worden, teilte der Konzern mit.

Besonders beliebt waren verschiedene Varianten des interaktiven Lautsprechers Echo, der mit dem Sprachassistenten Alexa ausgestattet ist. Echo war vor dem Fest in vielen Online-Stores des Konzerns – auch in Europa – ausverkauft. Außerdem hat Amazon zahlreiche neue Abonnenten für den Prime-Dienst gewonnen, der gegen Gebühren die schnelle Lieferung von Bestellungen ermöglicht und den Zugang zu Abrufdiensten für Filme, Serien und Musik ermöglicht. Allein in den Vereinigten Staaten machen nach Schätzungen des Finanzdienstes Bloomberg knapp 100 Millionen Nutzer bei Prime mit.

Amazon-Aktien stehen jedenfalls ganz oben auf der Empfehlungsliste vieler Analysten. Das hat einerseits mit der Dominanz des Unternehmens im Kerngeschäft Onlinehandel zu tun. Die Schattenseite davon ist, dass das Bundeskartellamt ein Verfahren wegen des Missbrauchs von Marktmacht auf den Weg gebracht hat. Zu den Stärken des Konzerns zählt andererseits auch seine starke Diversifizierung, was ihn aus Sicht vieler Branchenkenner krisenfester als andere Hightech-Firmen macht. In den ersten neun Monaten von 2018 kletterte der Umsatz jedenfalls um gut ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr auf 160 Milliarden Dollar (140 Milliarden Euro). Davon blieb ein Gewinn von 8,6 Milliarden Dollar aus der betrieblichen Tätigkeit übrig.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass allein 5,1 Milliarden Dollar von der Sparte Amazon Web Services (AWS) kamen. Das ist einer der weltweit führenden Betreiber von Rechenzentren. Er stellt Unternehmen Speicherplatz und Software via Internet bereit. Zu den Kunden zählen neben vielen Großunternehmen auch die US-Regierung und vor allem der Streamingdienst Netflix, der mittlerweile einen großen Teil des weltweiten Datenverkehrs im Internet beansprucht. Wer Netflix guckt, füllt auch die Kasse von Amazon. Wobei das von Jeff Bezos gegründete und geführte Unternehmen zugleich einer der größten Konkurrenten von Netflix ist: Amazon ist zu einem der großen Produzenten von Filmen und Serien aufgestiegen, die über Prime-Video-Dienst offeriert werden.

Amazon ist längst offline unterwegs

Die Geschichte von AWS ist typisch. Es begann damit, dass Bezos vor Jahren vor dem Problem stand, dass er für das Weihnachtsgeschäft die Rechenleistung der Server erheblich steigern musste, um die große Zahl von Bestellungen bewältigen zu können. Deshalb entschloss er sich, selbst Rechenzentren zu betreiben, deren Kapazitäten zunächst „nebenbei“ auch an andere Firmen verkauft wurden.

Ähnlich lief es in vielen anderen Sparten – alles, was Amazon heute macht, ist letztlich aus dem Online-Einzelhandel entwickelt worden. Dazu gehört, dass der Konzern aus Seattle längst offline unterwegs ist. Er betreibt rund 470 Filialen der Bio-Lebensmittelkette Whole Foods und auch einige Buchläden. Ziel ist, den stationären Handel mit dem E-Commerce eng zu verknüpfen. Das ist nur ein Projekt von unüberschaubar vielen. Alexa etwa – bereits in mehr als 100 Millionen Geräten aktiv – soll bald auch in Autos eingesetzt werden. Oder: Manager prüfen, ob hierzulande ein Mikrowellenherd mit dem integrierten digitalen Assistenten angeboten werden soll. Er ist in den USA ein Erfolg, kostet dort knapp 60 Dollar.

Amazon-Manager tüfteln an Ideen, wie das Verschicken und Ausliefern von Paketen effizienter gemacht werden kann. In den riesigen Lagerhallen sollen deshalb künftig immer mehr Roboter eingesetzt werden. Und die letzte Meile bei der Zustellung könnten eines Tages autonome Drohnen übernehmen. Ruhelos geht es im Konzern zu. Bezos wollte ihn denn auch ursprünglich Relentless nennen, was unermüdlich, aber auch unerbittlich bedeutet. Letzteres lässt sich auf den Umgang mit Betriebsräten münzen. Denn Arbeitnehmervertreter sind für den Chef Störfaktoren für sein permanentes Streben. Seit mehr als fünf Jahren streiken und streiten hierzulande die Leute von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi dafür, dass die Beschäftigten in den Auslieferungszentren nach den Tarifen des Einzelhandels bezahlt werden. Der Kampf wird auch in diesem Jahr weitergehen.

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