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A man relaxes in a big relaxing balloon as part of the Economic Homes Projects presented at the England's Pavillion, during the opening of the 15th International Architecture Exhibition in Venice on May 26, 2016. The Biennale, entitled "Reporting from the front", curated by Chilean Alejandro Aravena will be open to the public from May 28 through November 27, 2016, in The Arsenal gardens. / AFP PHOTO / VINCENZO PINTO / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY MENTION OF THE ARTIST UPON PUBLICATION - TO ILLUSTRATE THE EVENT AS SPECIFIED IN THE CAPTION

Architekturbiennale

Von der Aluleiter aus gesehen

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Die Architekturbiennale von Venedig stellt die soziale Verantwortung des Architekten in den Vordergrund.

Es ist sicherlich nicht die Weltformel selbst, ja wie auch? Aber doch so etwas wie eine globale Zauberformel, warum auch nicht. Der chilenische Architekt Alejandro Aravena hat sich auf die Suche nach ihr begeben, hingekritzelt hat sie der Direktor der diesjährigen Architekturbiennale von Venedig in den Katalog der internationalen Ausstellung. Umgeben von den Laufbahnen, auf denen sich die Atome bewegen sollen, ist zu lesen: „x = ?“

„X“, zweifellos, ist die große Unbekannte, umkreist von Themen wie Wohnungsbau und Verkehr, Herausforderungen wie Migration, Problemen wie Naturkatastrophen und Umweltverschmutzung oder Kriminalität. Nicht nur „X“ wird damit zur großen Unbekannten, das Fragezeichen zum unmissverständlichen Ausrufezeichen. Aravena will darauf hinaus, dass Architektur ein soziales Formbewusstsein innewohnt.

Und so nennen denn Bel Architekten aus Berlin ihre überzeugende Installation „Neubau“, mit der sie auf einem monumentalen Modell und mit gut und gerne zwei Geschosse hohen Schautafeln auf die Migration zwischen 1946 und 1956 in Deutschland hinweisen, auf die Notwendigkeit des Massenwohnungsbaus. Eine Aluleiter erklimmend, kann man sich einen Überblick über Quartiere in Hamburg, München, Leipzig oder Bielefeld-Sennestadt verschaffen – um die Herausforderungen vor 60 Jahren, mit 12 Millionen Einwanderern, mit der heutigen Situation in Beziehung zu setzen. Sennestadt als Zukunftsmuster für eine Architektur/Stadtplanung, die dem sozialen Miteinander eine Gestalt gibt.

„Reporting from the front“, so lautet das diesjährige Motto der Biennale von Venedig. Keine Leistungsschau, die sich wichtiger nimmt, aufgedonnerter gibt – verschwenderischer zeigt. Die in diesem Jahr einen Bericht von der sozialen, der kulturellen, der ethnischen, der ökologischen Front vorlegt, die dies engagiert tut oder brav, mit großer Geste oder nur gönnerhaft oder gar kitschig. Oder dies ignoriert. Spielerisch wie im Pavillon Australiens, in dem der Swimmingpool zu so etwas wie einem Whirlpool der Identität erklärt wird, ja, schon seltsam. Unverfroren geschieht es im Haus der Schweizer, wo Christian Kerez in den Pavillon eine begehbare Skulptur gesetzt hat, eine Grotte, einen Beton-Blob, „Incidental Space“ genannt. Man steht Schlange, um den „zufälligen Raum“ auch inwendig zu erfahren.

Wild wie immer ist die Biennalemischung. Der große Renzo Piano lädt im Zentralpavillon (einmal mehr) in seinen Workshop ein: Architektur nicht als abstrakter Baustein des Sozialen, sondern als Prüfstein der Partizipation. Wenn die Biennale etwas ist, dann wahrhaftig ein Meltingpot, mit über 80 Installationen im Arsenale, in den Anlagen der ehemaligen Schiffswerft der Serenissima. In den anmutigen Giardini sind es knapp 30 nationale Pavillons, im Zentral-Pavillon sind über 30 weitere Beiträge vom Stapel gelassen worden. Der ägyptische Pavillon, mit seiner Baustellenanmutung, unterstreicht die Megaprobleme der Mega-City Kairo. Der polnische, ebenfalls mit seiner Baustellenanmutung, fragt, wer sich auf den Baustellen eigentlich verausgabt? Nein, nicht die Immobilienfonds, sondern schwer ausgebeutete Arbeitskräfte.

Dass Millionen Weltbürger es sich nicht aussuchen können, sesshafte Wesen zu sein, zeigen die gewaltigen Nomadenströme, weltweit. Die Promenade jedenfalls führt hinein in Boomtowns der Immigration (Brüssel, Offenbach, Peking), und im Arsenale ebenso vorbei an Jurten aus der inneren Mongolei. Dass der Globus einem globalen Urbanisierungsdruck ausgesetzt ist, verdichten nicht allein Vierfarbfotografien oder Diagramme. Gewaltig der Footprint des Erdenbewohners, und sei es durch eine Containerkiste, die der Brite Norman Foster zum Behältnis seiner „Drohnenhäfen“ macht, mit denen in den Einöden Afrikas so etwas wie Nadelstiche zur Verbesserung der Infrastruktur gesetzt werden sollen. Errichtet aus „lokalen“ Materialien, aus Ton und Lehm, sollen die Drohnen an Kaufladen, Krankenstation oder Schule andocken.

Foster, Herzog & de Meuron, Tadao Ando oder Shigeru Ban: Nicht nur peripher sind die großen Namen vertreten. Oder nicht mehr ganz so junge Newcomer wie die Block Forschungsgruppe der ETH Zürich mit fesselnden Schalenkonstruktionen, nicht aus Selbstzweck, nicht um dem Nervenkitzel zu genügen, sondern als ein Vorschlag für ein Obdach. Erstmals vertreten ist der Jemen, und der ist „stolz“, wie er bekennt. In den Ausstellungsraum von Kuweit stolpert man, wenn man sich nicht vorsieht, hinein. Wurde doch der Fußboden durch eine silbrig-gleißende Spiegelfläche angehoben. Der Showroom ein Sinnbild?

Das Biennale-Motto, das zur Frontberichterstattung aufgefordert hat, fokussiert auf eine horrende Kriminalitätsentwicklung in Mega-Cities wie Mexiko-Stadt. Die Niederlande haben ihren Pavillon hinter einer zweiten Haut „getarnt“: hinter einem bläulich schimmernden Netz. Im Pavillon wird von der UN-Blauhelmfront berichtet, an der sich niederländische Kontingente in Afrika beteiligen. Das forcierte Politikum erhält über die Assoziation Sicherheitsarchitektur so etwas wie einen Überbau, und der hat ganz bestimmt seinen besonderen Nutzwert auf dieser Biennale.

Auch auf dieser Architekturleistungsschau, bei der die Selbstfeier nicht ausbleibt, sind zahlreiche Beiträge im Widerspruch angesiedelt. So muss man im amerikanischen Haus den Eindruck gewinnen, dass es bei der Wiederbelebung von Detroit nicht allein um Wohnungsbauoffensiven geht. Dem Debakel von Detroit will man offenbar mit spektakulären Kulturbauten und Pompösarchitekturen begegnen.

Unbeirrt behaupten in Venedig Ästheten wie Luigi Snozzi ihr Terrain. Und doch ist es alles andere als ein nur ästhetisches Statement, wenn das Büro Marte.Marte aus Österreich aus Betonblöcken, die wie Jahrmillionen Jahre alte Gesteinsformationen wirken, Zeichen menschlicher Eingriffe hineinfräst, eine winzige Brücke, ein Haus, ein Fundament. Nachrichten von der Naturfront. An einem anderen Ort sind es die Naturmaterialien, die zum Sprechen gebracht werden, naheliegenderweise bezwingend schöne Bambusarchitekturen. Überhaupt hat man in Venedig auch den einen oder anderen Gedanken an Graswurzelstrategien ins Boot geholt. Das nicht einmal Fertige, das Vorläufige hat der Pavillon Spaniens zum Thema gemacht, offensichtlich mit Erfolg, denn er ist für seine Fokussierung auf das Vernutzte und Vernachlässigte mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden.

Keine Frage, was die Wirtschaftskrise angeht, war Spanien ganz weit vorne. Die Bilanz der von Politik und Wirtschaft betriebenen Eskalation sind ökonomischer Ruin und architektonische Ruinen. Die Ausstellungsobjekte des Spanischen Pavillons sind in ein Gittergerüst fixiert, wie es typisch ist für eine so effiziente wie genormte Rahmenbauweise.

Ganz anders als zahlreiche andere Pavillons, die verstopft wurden mit Objekten, verfüllt, ja, bis auf den letzten Millimeter verfugt wurden mit Anschauungsmaterial wie etwa das Haus der Dänen oder das der USA, bewegt sich der Besucher durch eine offene Struktur. Anstelle des kolossalen Materialaufwands betont der spanische Beitrag den Gebrauchswert der „krisengeschüttelten“ Materialien.

Schon mit dem Entree wird ein Zeichen gesetzt. Unter einem Vordach, das aus dem Vestibül des Spanischen Pavillons heraus- und vorkragt, betritt der Besucher ein offenes Haus. Architektonisch versinnbildlicht ist der Gedanke, dass eine Tür offen gelassen wird – wie ja auch im Deutschen Pavillon, mit seinen in die Fassade hineingebrochenen vier weiteren Eingängen. Im Spanischen, der Krisenregion schlechthin, geht der Blick auf das Unerwartete, auf solche Einflüsse, wie sie im Moment der Planung nicht absehbar sind.

Der Zufall als Baumeister. Aravena sieht in der Architektur einen Raum, der den Menschen unterstützt bei seinen Versuchen des Menschseins – oder aber „ruiniert“. Aravena beharrt auf dem sozial aufgeladenen Raum, so wie an mehreren Orten der Biennale die Beispiele aus China. Wenn dabei kaum mehr gezeigt wird als Materialsammlungen, gespeichert in Kästen sind Keramik und Zement, Bambus und Holz, gebrannter Ziegel oder Naturstein, dann handelt es sich nicht etwa um Objekte wie auf einer Warenmesse, sondern um herrliche Schaukästen, aus denen heraus nicht nur gelernte Architekten, sondern Bewohner ruinierte chinesische Häuser wiedererrichten.

Rematerialisierung des Sozialen, Architekturwerdung aus dem Recycelten. Aber was hat das mit der Frau auf der Leiter zu tun, wie sie zu sehen ist auf den Veröffentlichungen der Biennale? Auch begegnet man dem Fotomotiv im Zentralpavillon der Giardini. Aravena erzählt dazu die Geschichte, wie der Schriftsteller Bruce Chatwin (1940 – 1989) auf die deutsche Naturforscherin Maria Reiche gestoßen sei, mitten in einer der Wüsten Südafrikas. Auf dem Boden stehend, ergaben die Zeichen im Wüstensand keinen Sinn, „aber von der Höhe der Leiter aus betrachtet, wurden sie zu einem Vogel, einem Jaguar, einem Baum oder einer Blume“.

Die Forscherin auf einer Aluleiter, zumal in einer übersehbar eintönigen Landschaft, mag absurd erscheinen, vielleicht auch komisch. Es sei denn, man erkennt darin einen Erfindergeist, der um einen Perspektivenwechsel nicht verlegen ist, welche Figur er dabei auch immer machen mag.

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