Emmylou Harris in Berlin
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Emmylou Harris in Berlin

Emmylou Harris im Admiralspalast

In dem Alter, in dem die Freunde sterben

  • vonChristian Schlüter
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Die Alternative-Country-Sängerin Emmylou Harris beleuchtet im Admiralspalast auch die dunklen Seiten der gern beschworenen Country-Idylle. Ein berührender Konzertabend.

Na toll. Ein Konzert mit besinnlicher Volksmusik aus Nordamerika: Emmylou Harris ist in der Stadt. In der Redaktion schlug man sich um diesen Termin – alle wollten die Frau sehen und hören. Ich habe mich schließlich durchgesetzt und kann es nun kaum erwarten. Im Innenhof des Admiralspalastes drängen sich die Menschen. Ein sommerlicher Donnerstagsabend, es regnet in Strömen. Einige Herren tragen Cowboy-Hüte, allerdings eher die Kindergröße, man ist hier ja nicht im Wilden Westen. Bei den Ladys sind mal paillettenbeschwerte Jeansstoffe zu sehen, mal etwas Schlangenleder oder Wildlederfransen. Aber keine Southern Belle. Das Publikum gehobenen Alters gibt sich zivil. Erwachsen.

Endlich im Trocknen. Jetzt wird es gemütlich. Allerdings erst nach den stehenden Ovationen, mit denen Emmylou Harris begrüßt wird. Klar, das muss sein, so ein Konzert ist ja immer auch ein Familientreffen, man kennt sich seit über 40 Jahren. Die Sängerin freut sich, aber kommt dann schnell zur Sache. Samtweich dargebrachte Countrymusik, die Begleitband ist erlesen, Jedd Hughes an der Leadgitarre und Steve Fishell an der Pedalsteel lassen in bester Country-Manier die Töne elegant ineinander gleiten. Alles sehr entspannt, manch einer denkt da schon an die endlosen Weiten der Prärie. Und Emmylou Harris ist eine bezaubernde, ja herzliche Gastgeberin, gemeinsam mit ihrem gesanglichen Counterpart Rodney Crowell lässt sie das Lagerfeuer knistern …

Nein, lässt sie natürlich nicht! Songs wie „Red Dirt Girl“ oder „Love Hurts“ besingen keineswegs die Prärieherrlichkeit verblödeter Südstaatler, sondern leuchten die dunklen Seiten der nicht nur in Nashville allzu gerne beschworenen Country-Idylle aus. Emmylou Harris hat ihren Weg zum Alternative Country gefunden, inhaltlich ohnehin, aber auch musikalisch, weshalb sie sich zur Pause mit der rockig-punkistischen Nummer „Luxury Liner“ verabschiedet. Damit es auch wirklich jeder kapiert. Ohnehin trägt ihr immer etwas metallen und spröde klingendes Organ kräftig dazu bei, selbst noch in den süffig-süßlichsten Klangklischees das Abgründige aufscheinen zu lassen. „Ich bin in dem Alter“, klärt die 1947 geborene Künstlerin ihr Publikum auf, „in dem die Freunde sterben.“

Die Höhepunkte des Abends sind zweifellos die Lieder „Long Time Girl Gone By“ und „Back When We Were Beautiful“ – kammermusikalisch hochverdichtete Kleinode, weder Country noch sonst was, sondern einfach grandiose Musik. Das hat große Kraft und Würde. So ähnlich wie vielleicht auch der persönliche Gitarren-Roadie von Emmylou Harris, der nach fast jedem Lied ihre Gitarren tauscht: Ein alter gebückter Mann schlurft da auf die Bühne, so als hätte er alle Zeit der Welt; er übergibt Emmylou die eine Gitarre und nimmt von ihr die andere entgegen, um dann noch die neue Gitarre (es ist immer eine wunderschöne Gibson L-200) an den Verstärker anzuschließen. Was für ein berührender Konzertabend.

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