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Die exakte Skulptur eines Wellenbrechers, darauf ein Lagerhaus aus Granit vor einem stilisierten Leuchtturm, aber weit und breit kein Mensch in Vigo: Einsamkeit trägt stets zur Steigerung der Landschaft bei.
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Die exakte Skulptur eines Wellenbrechers, darauf ein Lagerhaus aus Granit vor einem stilisierten Leuchtturm, aber weit und breit kein Mensch in Vigo: Einsamkeit trägt stets zur Steigerung der Landschaft bei.

Das alte Werk und das Meer

  • VonReinhart Wustlich
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Die Hafenstadt Vigo an der Grenze zu Portugal markiert das Alte Europa mitten im Iberien der Zweiten Moderne: Architektur in den Städten am Wendekreis des Südens

Der Bilbao-Effekt ist Auslöser einer Serie von Missverständnissen, deren wichtigster ist, man könne Museen bauen, ohne eine Sammlung vorzuweisen. Während das Iberien der Zweiten Moderne das Wirtschaftwunder der Kultur der urbanen Zentren Sevilla, Valencia, Barcelona und Bilbao bestaunt - jener großen Städte Spaniens, die durch Hochgeschwindigkeitstrassen mit Madrid verbunden sind -, hat man im Nordwesten Galiciens die Chance, Santiago de Compostela um halb Neun am Morgen mit dem Zug zu verlassen und Porto, die frühere Kulturhauptstadt Europas, erst nahezu 13 Stunden später zu erreichen - auf einer Strecke, die in Luftlinie weniger als 200 Kilometer misst.

Denn die Fahrt führt über Vigo. Und am Rande Galiciens, das mit modernsten Bauten auf die Tableaus der globalen Kultur drängt, gehen die Uhren noch anders. "Seiner Geschichte nach war Galicien lange Zeit wie eine Insel", notierte der Schriftsteller Manuel Rivas, "die zwischen Europa und Amerika trieb. Andererseits hat man das Gefühl, dass hier das alte Europa weiterlebt."

Überrascht wäre der Reisende, das alte Europa anders anzutreffen. Denn er bewegt sich in knappem Umkreis von Kap Finisterre, das einmal als Ende der Welt gedacht war. Granitbollwerke, die das "Land von Schiffbrüchigen" mit "Würde als einzigem Gepäck" (Manuel Rivas) schützen, bewahren Galicien als "eine Art Windrose im europäischen Westen". Dies ist das Land, in dem Alejandro Amenábars Film Mar adentro spielte, Das Meer in mir, um die Zeit mit einer Landschaft zu illustrieren, in der Sterbehilfe sich so beiläufig wie unausweichlich in den Figuren der Handlung festsetzt.

Die Fahrt führt durch eine Szenerie mit keltischem Hintergrund, die seit Urzeiten so martialische Namen trägt wie Costa dela Muerte, und dies lange bevor das Meer vom Öl des auseinander brechenden Tankers "Prestige" schwarz wurde. Es mag am geläufigen Namen des Todes liegen, dass man sich in Galicien nicht scheut, Werke von Architekten postum zu realisieren - gleichsam als Lebenshilfe für die Architektur, die in zwei Projekten des New Yorkers John Hejduk anschaulich wird: Dessen Centro Cívico da Triscain Santiago wurde spät noch gebaut. Es folgten kürzlich die Hejduk-Türme für den Belvis Park, wenngleich Peter Eisenman sie als filigrane Landmarks für den Größenrausch seiner Cidade da Culturade Galicia aus der Altstadt entführte.

Schiffsbau als Bildhauerei

Südlich der Todesküste sind die Rías hart, doch landschaftlich reizvoll wie Fjorde tief in das Land gefräst. An deren südlichstem Ausläufer, nah der portugiesischen Grenze, liegt Vigo, die alte Hafenstadt, die Stadt der Fischer und kleinen Werften. Hier, Reisender, geht die Fahrt erst am Abend weiter. Die Straßenachse von der Estación zieht gerade ins stolze Zentrum, die städtische Küstenpassage leitet hoch über dem Hafen nach Westen weiter, dann über die Avenida de Beiramar nach Bouzas. Dies ist, am südlichen Saum der Ría, die dicht an dicht bebaute Industriekante der Slipanlagen, der Helligen und Bockkräne, in der eine Kultur der handwerksgerechten Arbeit aufrecht erhalten bleibt, die dem Passanten sinnlich nachvollziehbar macht, dass Schiffsbau eine bildhauerische Angelegenheit ist, die sich von Richard Serras leidenschaftlichen Stahlmonumenten im Guggenheim Bilbao um keine Entfremdung zu entfernen scheint. Die Stahltore der Küstenwerften und Reparaturdocks sind um Mannesbreiten beiseite geschoben. Und im Blickfeld liegen auf schrägen Ebenen, mit mächtigen Keilen ausbalanciert, die haushoch aufragenden Schiffsbüge, die Bäuche der Trawler, die vorgefertigten Sektionen, die zu enormen Volumen zusammengesetzt werden. All diese Tausende von Teilen, aus denen ein Schiff zusammengesetzt ist, haben eigene Namen. Und um ein Schiff zu bauen, braucht es eine eigene Sprache, die samt ihrem Archiv verloren geht, wenn eine Werft schließt.

Dann ist die Playa de Bouzas erreicht, die landschaftsplanerische Passage unter den zehngeschossigen Blocks mit Sozialwohnungen über dem Strand, und unter der neuen Hafenbrücke ein unbekannter Pfad der Gegensätze zu einem mauerumkrönten Anwesen über der Ría, vom üppigen Park umkränzt. Noch ein Stück weit vielleicht, die folgende Gasse scheint im Nichts zu enden. Unvermutet doch ein enger Ausblick über das Meer, dann eine Weite. Kleine, erreichbare Ziele hintereinander gestaffelt - und da breitet sich hinter der nächsten Bucht unversehens eine denkwürdige Kulisse aus, die den Blick nicht so schnell loslässt.

Geheimnis und Melancholie

Ein blendend weißes Fabrikensemble gewiss, ein Kai daran anschließend, wie gehabt, aber schärfer geschnitten, ein Bootshaus aus Granit, kleine Boote davor, und neue, mehrschiffige Hallenbauwerke, dann die exakte Skulptur eines endlos langen Wellenbrechers - und darauf erneut ein Lagerhaus aus Granit vor einem stilisierten Leuchtturm mit aufs Skelett reduziertem Helm. Ein Umgang mit Brustwehr gegen die Brandung, so perfekt modelliert, dass es von Weitem spürbar ist. Und schon arbeitet das Bilderdenken über die Versatzstücke hinaus, registriert die Palme als Zeichen hinter den Sheddachgraten, prüft die überaus perfekten Trauflinien (keine Dachüberstände in den Giebelwänden), registriert die um fünf Grad aus der Achse gedrehte Raumfolge zwischen den Bauteilen, vermerkt präzise geschnittene Rundfenster und kleine Höfe, die so nicht zum Industriebau gehören können, versucht, den Oberlichtern auf die Spur zu kommen.

Überhaupt ist auf der gesamten, weit in das Wasser gestreckten Anlage kein Mensch zu sehen. Es sind die Zeichen von Geheimnis und Melancholie. Da vorn liegt etwas, das zur Steigerung der Landschaft beiträgt, das Einsamkeit heißt und die Handschrift einer achtenswerten Architektur ausdeutet. Das Ich und das Meer in splendid isolation - und die perspektivische Konstruktion des Raumes. Und dann ist es wirklich Aldo Rossi, der das "Museo do Mar de Galicia" als ein kleines Stück seiner Architektur der Stadt an der Küste abgesteckt hat - und das Bildergedächtnis strapaziert. Und das sagt nun, ich hab's gewusst, Zweifelnder.

Und dass das Ensemble diesseits der Grenze zum Kitsch bleibt, die ganz nahe ist, wenn ein anderer versuchte de Chiricos Räume nachzubauen, ist der Reduktion der Linienführung, den Dimensionen des Raumes und der unglaublichen Perfektion der Steinarbeiten zu verdanken, die den Granit in sinnlichen Quadern mit fugenlosen Anschlüssen verwendet. Das meint anderes als die papierenen Steintapeten Berlins.

Die Architektur der Stadt, mit der Rossi den Ort an dieser entlegenen Küste weiterentwickelt, resultiert aus einem Entwurf von 1992, der nach Rossis Tod ab 1999 als opera postumavon dem galicischen Architekten César Portela bis 2002 gebaut wurde. Er umfasst die Konversion einer Fleisch- und Konservenfabrik, schiebt die Bastion der Museumserweiterung als città analogaum einen geschützten Platz gegen den Ozean vor. Und zitiert mit den Formen der "Bootshäuser" maritime Prototypen.

Zwar ist ein fabelhafter Ort entstanden, aber der Museumsdirektion erging es mit der gedachten Sammlung wie dem alten Mann und dem Meer. Mit dem Bilbao-Effekt war der Fang nicht zu landen.

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