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„Ich bin durch und durch Berlinerin“, sagt Almila Bagriacik, hier in der Rolle als Hatun Sürücü in Sherry Hormanns „Nur eine Frau“.

Almila Bagriacik

„Herkunft ist ja nur ein Hintergrundgeräusch“

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Eine Begegnung mit der Schauspielerin Almila Bagriacik, die jetzt in dem Film „Nur eine Frau“ zu sehen ist.

Irgendwann im Laufe unseres Gesprächs erzählt Almila Bagriacik von ihrem liebsten Drehpartner. Es handelte sich um ein Islandpferd namens Hördur. „Dieses Pferd hat mir viel gezeigt, es ist mir so pur begegnet, so ohne Vorurteile“, sagt sie. Und dass sie sich wünsche, alle Begegnungen wären so.

Wir treffen uns in einem Café in Berlin-Mitte, ihre Mutter wohnt nicht weit von hier. Almila Bagriacik ist ungeschminkt, sie trägt Turnschuhe, ein hellgraues Sweatshirt, sie bestellt einen großen Kaffee, Pfannkuchen mit Speck, Orangensaft. Wahrscheinlich ist sie noch nicht zum Frühstücken gekommen. Am Abend zuvor war Premiere, am Nachmittag muss sie nach Potsdam zum RBB. Und morgen fliege sie nach Finnland, wo sie eine Komödie drehen. Es läuft schon seit ein paar Jahren sehr gut für die Schauspielerin, die 2008 in dem Kreuzberger Klub SO 36 von einem Fotografen zu einem Casting eingeladen wurde und später Regie studiert hat.

2016 war sie in der ARD-Spielfilmtrilogie „Die Opfer – Vergesst mich nicht“ in der Rolle der Semiya Simsek zu sehen, deren Vater von den Mördern des NSU umgebracht wurde. 2017 und 2018 spielte sie eine Hauptrolle in der Serie „4 Blocks“, seit 2018 ist sie zudem an der Seite von Axel Milberg selbstbewusste Kommissarin im Kieler Tatort. Sie hat Preise gewonnen. Es sind ganz unterschiedliche Frauenfiguren, die sie darstellt, aber immer ist sie die Türkin, die Araberin. Sie sagt, das störe sie nicht. „Herkunft ist ja nur ein Hintergrundgeräusch. Es gibt so viele andere Aspekte, die einen Menschen ausmachen. Meinetwegen spiel ich die ganze Zeit die Türkin, nur um zu zeigen wie unterschiedlich sie sind.“

Seit Donnerstag ist Almila Bagriacik in der Hauptrolle in Sherry Hormanns Film „Nur eine Frau“ zu sehen, dem Film über Hatun Sürücü, die ihr Bruder 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof erschoss, weil sie sich den Traditionen der Familie nicht fügen wollte.

Almila Bagriacik kommt auch aus einer türkischen Familie, sie ist 1990 in Ankara geboren, mit fünf Jahren kam sie nach Berlin. Es war Winter, es war grau und dunkel, sie zogen in eine Erdgeschosswohnung im Wedding. Sie sei mit ihrem Tigerentenfahrrad auf dem Hinterhof herumgefahren und habe sich vor der Tür mit dem Totenkopf dort gegruselt. Dahinter befanden sich Stromkästen. Aber die Bagriaciks waren keine Gastarbeiter. Die Eltern waren als Deutschlandkorrespondenten der Zeitung „Milliyet“ nach Berlin gekommen. Bald zogen sie in eine hellere Wohnung nicht weit vom Checkpoint Charlie, Almila Bagriacik besuchte eine Vorschule, in der Fremdsprachen gelehrt wurden.

Akribisch hätten ihre Eltern darauf geachtet, dass sie gut Deutsch lerne. Und ebenso akribisch sei zu Hause Türkisch gesprochen worden. Das funktionierte so gut, dass Almila Bagriacik sich einen deutschen Akzent aneignen musste, als sie vor ein paar Jahren in einer türkischen Serie eine Deutsch-Türkin spielte.

Die Eltern kochten türkische Gerichte, es wurde türkische Musik gehört, sie las türkische Schriftsteller. „Sie haben mir die türkische Kultur mitgegeben. Ich hoffe, ich kriege das später genauso gut hin.“ Es funktionierte auch andersherum. „Ich bin durch und durch Berlinerin“, sagt sie. Sogar einen Schrebergarten hat sie seit kurzem.

Auch Hatun Sürücüs Familie lebte in Kreuzberg, auch sie hielt an Traditionen fest. Aber was Almila Bagriacik als Reichtum empfindet, das Hochhalten der türkischen Kultur, der gemeinsamen Traditionen, äußerte sich bei den Sürücüs mit Druck und Zwang. Sie nahmen die Tochter aus dem Gymnasium und verheirateten sie mit einem Cousin in der Türkei, da war sie 16. Er schlug sie, schwanger floh sie nach Berlin zur Familie, doch die sah vor allem die Schande. All dies erzählt der Film.

Almila Bagriacik war 14 Jahre alt, als Hatun Sürücü starb, und sie begriff sofort, dass das Folgen für sie selbst haben könnte. „Ich habe mich von Anfang an als Teil der Berliner Gesellschaft gesehen. Aber durch dieses Verbrechen begann ein Riss in der Gesellschaft zu entstehen.“ Sie kann sich an eine Schlagzeile aus der Zeit erinnern: „Sie wurde ermordet, weil sie das Kopftuch abnahm.“ Darüber kann sie sich heute noch aufregen. „Ich habe ein Problem damit, wenn alle, die ein Kopftuch tragen, in einen Topf geworfen werden.“ Nicht immer sei das Kopftuch Symbol für Unterdrückung. „Manche Frauen tragen es, weil sie das möchten.“ Das Wort Religion hat sie bis dahin nicht ein einziges Mal benutzt. „Ich bin selber Muslima“, sagt sie, darauf angesprochen. „Nicht die Religion ist gefährlich, sondern Menschen, die sie auf eine extreme Weise ausleben.“

Sie erzählt, wie wichtig ihr dieser Satz sei, den Hatun Sürücü im Film aus dem Off über ihre Familie sagt: „Meine Familie ist nicht wie andere muslimische Familien. Sie ist extrem konservativ.“ Er ist für sie ein Beweis dafür, dass dieser Film nicht alle in der muslimischen Community miteinander gleichsetzt. Genauso wichtig sind ihr die positiven muslimischen Identifikationsfiguren, der Meister, der Hatun Sürücü bei ihrer Ausbildung zur Elektroinstallateurin unterstützt. Oder die beiden Zeuginnen, Mutter und Tochter, denen es zu verdanken ist, dass überhaupt Anklage erhoben werden kann, und deren Aussagen vor Gericht verhindern, dass nicht die Familie den Sieg davon trägt – Hatun Sürücüs Sohn wird nicht bei ihnen aufwachsen.

Dass die Rolle für sie nicht wie jede andere war, macht ein Post auf ihrem Instagram-Account klar. Er ist vom 8. März, dem Frauentag, und zeigt ein Bild aus dem Film: Hatun Sürücü im Hochzeitskleid mit ihrem Ehemann. „Jeder Mensch hat das Recht für sich selbst zu entscheiden!“, hat Almila Bagriacik dazu geschrieben. Sie sagt, dass die Reaktionen auf den Post, auf den Film zu 95 Prozent positiv sind.

Es hat aber auch negative Kommentare gegeben. Der Tenor: Jetzt in Zeiten der AfD müsst ihr so einen Film rausbringen. „Es gibt nie den richtigen Zeitpunkt“, sagt Almila Bagriacik. „Man darf nicht vergessen, dass Hatun Sürücü eine von uns war.“

Die ersten Szenen zeigen junge Frauen auf Berliner Straßen. Almila Bagriaciks Stimme kommt aus dem Off: „Mein Name ist Hatun Sürücü“, sagt sie. „Sie könnte ich sein“, sagt sie über eine der Frauen. „Oder sie. Oder sie – aber nee ... das bin ich. Ich war ein Ehrenmord. Vielleicht erinnert ihr euch.“ Dann sieht man eine dunkle Straße hinunter, am Ende Absperrband, ein weißes Tuch, das einen Körper bedeckt. Es ist dokumentarisches Material, das hier gezeigt wird. Denn dies ist eine wahre Geschichte. Aber man kann sie auf viele Arten erzählen und die Regisseurin Sherry Hormann, die Produzentin Sandra Maischberger und die Schauspielerin Almila Bagriacik haben sich entschieden, Hatun Sürücü nicht als Opfer zu zeigen. Das ist das Erstaunliche und das Überraschende an diesem tollen Film.

Weil er mit dem Tod beginnt, kann man ihn hinter sich lassen und sich auf Hatun Sürücüs Lebensfreude und ihre Kraft konzentrieren. Sie bricht aus, macht eine Ausbildung, bewährt sich als alleinerziehende Mutter. Ihr deutscher Freund hat Fotos aus der gemeinsamen Zeit zur Verfügung gestellt. Sie zeigen eine strahlende junge Frau. Nur von der Familie kann sie sich nicht ganz lösen, aber nicht aus Angst, sondern aus Liebe.

Man hofft tatsächlich, dass Hatun Sürücüs Sohn diesen Film sehen wird, damit er weiß, wie glücklich seine Mutter war. Und dass sie in gewissem Sinn den Sieg davongetragen hat, auch wenn der Preis furchtbar hoch war.

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