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Konfuzius im Kreis seiner Schüler. Die Skulpturengruppe auf dem Gelände eines Chemiewerks im chinesischen Boxing belegt die Allgegenwart des Denkers.

Philosophie

Alles spricht für eine Globalisierung des Horizonts

Die Philosophie ist meist ein auf Europa beschränktes Nachdenken über Platon und die Folgen. Das ist auch ein Stück selbstverschuldeter Unmündigkeit.

Von Heiner Roetz

Jeweils am dritten Donnerstag des Novembers begeht die Unesco den Welttag der Philosophie. Der FU Berlin gebührt das Verdienst, diesen Tag mit einer Podiumsdiskussion zu dem ihm angemessenen Thema „Globale Philosophie?!“ gewürdigt zu haben. Damit hat sie sich einer Frage gestellt, mit der die deutschen philosophischen Seminare sich allgemein schwer tun. Sie üben sich nach wie vor nahezu ausnahmslos in westlicher Selbstgenügsamkeit, mag die Globalisierung auch noch so laut an die Türen klopfen. Philosophie ist und bleibt, was in der Tradition der Griechen entstanden ist. Dieses autistische Bewusstsein ist für die westliche Philosophie indes keineswegs durchweg typisch gewesen, ebenso wenig wie die ausschließlich akademistische Orientierung des „Faches“, die zu seiner Selbstisolation wesentlich beigetragen hat. Schon die Griechen wussten, dass sie nicht nur aus eigenen Quellen schöpften und dass es philosophoi auch außerhalb von Hellas gab wie etwa in Indien.

Das eindrucksvollste Beispiel dafür, dass die Philosophie immer wieder einmal bereit war, über ihren kulturellen Rand hinauszusehen, liefert die europäische Aufklärung. China war für viele der großen Geister der Epoche wie Leibniz, Wolff, Voltaire, Quesnay, Diderot und die englischen Deisten Gegenstand einer kongenialen Beschäftigung und Konfuzius eine anerkannte Autorität, auf einer Stufe mit Sokrates und den Stoikern. Jesuitische Übersetzer hatten unter dem Titel „Confucius sinarum philosophus“ mit durchschlagendem Erfolg wichtige Texte des antiken Konfuzianismus vorgestellt, nicht ahnend, dass sie damit die Axt an das christliche Meinungsmonopol legten.

Einer der größten Skandale des philosophischen 18. Jahrhunderts, die spektakuläre Vertreibung Christian Wolffs aus Halle auf Betreiben seiner pietistischen Gegner, trug sich zu, weil Wolff, einer der einflussreichsten deutschen Aufklärer, die chinesische „philosophia practica“ öffentlich ernst zu nehmen wagte. Denn die als Nachweis für die inneren Kräfte der „natürlichen Vernunft“ gelesene konfuzianische Ethik half die Autorität der Offenbarung in Frage zu stellen, und dies nachhaltig, wie wir heute wissen.

Unter dem Einfluss Chinas vollzog sich, was Charles Taylor als die entscheidende Wende zum „säkularen Zeitalter“ und als „eine der großen Errungenschaften unserer Zivilisation“ bezeichnet hat: die „Entdeckung der innermenschlichen Quellen des Wohlwollens“. Mit der Zivilisation, von der er hier spricht, meint Taylor allerdings wie selbstverständlich die westliche. Dass die Aufklärung schon seit Pierre Bayle und möglicherweise seit Spinoza ein transkulturelles Unternehmen war, wird im Bemühen, wieder einmal eine rein abendländische Geschichte der Moderne zu schreiben, ganz übersehen.

Dass China, also eine fremde Kultur, einen Anteil an der Herausbildung der europäischen Moderne hatte, nicht anders als auch arabisches Toleranzdenken, ist aus dem historischen Gedächtnis des Westens und seiner Philosophie längst gelöscht worden. Namentlich seit der Französischen Revolution und vollends seit der nahezu totalen politischen und ökonomischen Dominierung der Welt im Verlauf des 19. Jahrhunderts hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass der Weltgeist europäisch spricht.

Sicherlich gibt es Ausnahmen, wie den Kosmopoliten Schopenhauer. Bestimmend aber wurde die Auffassung Hegels, der den Orient als Inbegriff reflexionsloser Unbewegtheit sah. „Das Orientalische“, so Hegel, „ist aus der Geschichte der Philosophie abzuscheiden“. Einflüsse aus dem Sprachrelativismus, der Soziologie und der Ethnologie haben dieses Verdikt weiter untermauert. Zwar ist es im Zeitalter des Postkolonialismus politisch unkorrekt geworden und in der alten Direktheit kaum noch zu finden, aber unterschwellig ist es doch weitgehend in Kraft geblieben. Was Philosophie ist, wird dabei am Maßstab reiner Theorie und akademischer Organisation gemessen, während die Lebensnähe mancher außereuropäischer „Denker“ stört. Pierre Hadot hat daran erinnert, dass dies für die Griechen durchaus nicht gegolten hätte. Pure Verstandeskunst wurde die Philosophie erst, als sie zu einer Hilfswissenschaft der Theologie herabsank.

Erschüttert wurde die „mentale Abschließung“ (Jürgen Osterhammel) Europas, wenngleich vorübergehend, durch die Katastrophen, die die europäische Kultur zerrissen haben und in denen sie ihrer selbst unsicher wurde. Schon die Aufklärung hatte mit ihrer neuen Offenheit für das Fremde auf die Barbarei der Religionskriege reagiert, in der die christliche Ordnung an ihre Grenzen gestoßen war. Als Konsequenz der Erfahrung des Ersten Weltkriegs und zumal des entscheidenden „Versagens der Philosophie“ hat dann Albert Schweitzer eine neue „Inventur des Geisteslebens“ gefordert. Sie soll das „Weltdenken“ (pensée mondiale) aufnehmen, dem gegenüber er die an den Hochschulen herrschende „Epigonenphilosophie“, die „der Welt nichts mehr zu sagen“ hat, in einem provinziellen Dünkel befangen sieht. Die Globalität der Probleme, vor die die Zivilisation dank des „Niedergangs der Kultur“ in Europa gestellt ist, sprengt für Schweitzer die Zuständigkeit einer einzigen Tradition und zumal die der westlichen. Er beginnt das eigene Denken nicht mehr nur über die abendländische Tradition, sondern über eine Kommunikation mit dem Denken der „Menschheit“ zu begreifen und zu entwickeln. Das Ergebnis sind Studien zu Indien und vor allem China, die zu dem besten gehören, was der Westen hierzu hervorgebracht hat.

Meinungsbildend wurde Schweitzer freilich nicht, ebensowenig wie der Zweifel am abendländischen „Anspruch der Ausschließlichkeit“, den nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs Karl Jaspers formuliert. Mit Jaspers’ Theorie der „Achsenzeit“ der antiken Hochkulturen wird erneut ein groß angelegter Versuch unternommen, die fällige Solidarität der Menschheit auf ein globales, nicht nur Europa, sondern auch Vorderasien, Indien und China umfassendes philosophisches Fundament zu stellen und das westliche Denken von seinem unheilvollen „Hochmut“ zu befreien. Die „selbstverständliche Vorstellung einer Geschlossenheit des abendländischen Kulturkreises als der Weltgeschichte“, die zum Verhängnis mit beitrug, soll endlich durchbrochen werden.

Genützt hat all dies wenig; man scheint auf das nächste historische Scheitern der eigenen Kultur zu warten. Trotz zaghafter Ansätze und redlicher Bemühungen wie seitens der Gesellschaft für interkulturelle Philosophie oder der in Wien erscheinenden Zeitschrift „Polylog“ hat sich das philosophische Curriculum wenig verändert. Wenn Fachphilosophen es heute wagen, den herkömmlichen Themenkanon zu überschreiten und sich mit „fremdem“ Denken ein zusätzliches Feld zu erschließen, so ist das zumindest in Deutschland ihrer akademischen Karriere in den seltensten Fällen förderlich. In den betreffenden Kulturwissenschaften wiederum gelten sie als besserwisserische Eindringlinge, die man sich am besten vom Leib hält, statt zu erkennen, was man an ihnen hat. So bleibt globale Philosophie strukturell unentwickelt, institutionell vernachlässigt und weitgehend einigen Einzelkämpfern überlassen.

Alles spricht aber für und nichts gegen eine neue Globalisierung des Horizonts der Philosophie, an welchem Ort auch immer. Wer bereit ist, die Augen dem Anderen zu öffnen statt immer wieder nur auf das schon Bekannte zurückzuschauen, wie wertvoll, reichhaltig und unverzichtbar es auch sein mag, wird auf die Dauer einen Erkenntnisvorteil haben. Das Gegenteil gilt für den, der ignoriert, wie außerhalb seiner Welt offenere, viele Quellen zusammenbringende philosophische Landschaften entstehen, und mehr noch für den, der im Glauben, ohne eigenes Zutun ohnehin die Diskurshoheit zu besitzen, nicht registriert, wie das vertraute Kategoriensystem andernorts massiv in Frage gestellt wird.

Dies geschieht derzeit in einem kulturnationalistisch inspirierten chinesischen Gegendiskurs zur „westlichen“ Moderne, der in seiner polemischen Spitze sogar den Begriff „Philosophie“ stolz zurückweist und die Meinungsführerschaft des Abendlands unter Berufung auf die großen „Meister“ der Antike, voran Konfuzius, für beendet erklärt – angesichts des Gewichtes Ostasiens mit möglicherweise erheblichen Konsequenzen für die Zukunft der Demokratie und der Menschenrechte. Woher wird eine Philosophie, die noch nicht vor dem Relativismus kapituliert und, mit Schweitzer, „der Welt noch etwas zu sagen hat“, die Kompetenz beziehen, hierbei mitzureden, wenn sie nicht einmal weiß, dass ein Teil ihrer eigenen Geschichte auf dem Spiel steht, und wenn sie nicht endlich konsequent ihr Blickfeld erweitert?

Dabei wäre hierzu nicht viel erforderlich, denn schon ein kleiner institutioneller Aufwand bedeutete einen großen Fortschritt. Schon gar nicht wäre aber verlangt, dass die Philosophie gut begründete Überzeugungen aufzugeben hätte und im Namen der Globalität ihren Gültigkeitsanspruch, wenn sie denn noch an ihm festhält, herunterschrauben müsste. Im Gegenteil – einen Anspruch auf globale Gültigkeit wird sie gerade dann und nur dann erheben können, wenn sie bereit ist, zur Wahrheitsfindung auch die Stimmen der jeweils Anderen zu hören, und die Auseinandersetzung auf Augenhöhe auch mit denen sucht, die nicht die ihr vertrauten Sprachen sprechen.

Nur wenn dieser Anspruch aufrechterhalten wird, ist auch ausgeschlossen, dass globale Philosophie zu einem Panoptikum nebeneinander gestellter Weltbilder und zur Gehilfin eines unverbindlichen „Dialogs der Kulturen“ wird. Denn daran besteht in der Tat wenig Bedarf. Worum es geht, ist die gemeinsame Arbeit an einer geteilten Problemgeschichte.

Der Autor ist Professor für Geschichte und Philosophie Chinas an der Ruhr-Universität Bochum.

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