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Stilbildender Bühnenbildner: Wilfried Minks.

Wilfried Minks wird 80

Alles selber machen

Zusammen mit Peter Zadek veränderte er in den 60er Jahren das deutsche Theater: Als Bühnenbildner wurde Wilfried Minks zum Maßstab für die Bildhaftigkeit des Schauspiels. Am Sonntag wird er 80. Von Peter Iden

Von Von Peter Iden

Seinen Achtzigsten wird Wilfried Minks an diesem Sonntag in St. Petersburg erleben. Vermutlich wird er dort auch der Eremitage einen Besuch abstatten und in dem Museum die großartigen Bilder alter Malerei und der frühen Moderne sehen. Es zieht ihn dahin, obwohl er, wenn es um Erinnerung geht, zum Beispiel im New Yorker MoMa eher jenen Werken der Kunst der sechziger Jahre hätte wieder begegnen können, die ihn als Bühnenbildner früh inspirierten zu Entwürfen, mit denen er in den glanzvollen Jahren des Bremer Theaters von Kurt Hübner Aufsehen machte und zu Ruhm kam.

Als Peter Zadek 1965 in Bremen Wedekinds "Frühlings Erwachen" und im Jahr darauf Schillers "Die Räuber" inszenierte, bestimmten von Minks als Hintergrund der Szenen stark vergrösserte Zitate aus der Malerei von Roy Lichtenstein Rhythmus und Vehemenz der Aufführungen. In Böhmen geboren, sein Sprechen hat noch immer den sympathischen Anklang eines fremden Idioms, war Minks über Leipzig kurz vor dem Mauerbau in den Westen gelangt, wo er am Ulmer Theater zu der Mannschaft um Kurt Hübner und Zadek stieß, mit der er dann nach Bremen wechselte.

Zadek, dessen Bühnenbildner er wurde, hat gern davon erzählt, dass Minks ihm den Blick öffnete für die Kunst der Zeit. Beide erkannten die den Bildern der Pop Art mit ihrer Herkunft aus den Erzählformen der Comic Strips innewohnende Theatralik und nutzten sie bis an die Grenzen zum Plagiat. So direkt hatte das Theater bis dahin nicht auf Erfindungen der aktuellen bildenden Kunst reagiert. Schon bald war die Rede vom "Bremer Stil".

Auch mit seinen Szenenbildern wie dem für Peter Steins Bremer "Tasso" (1969), der Aufführung, durch die sich in der Folge die Klassiker-Rezeption der Bühnen von Grund auf veränderte, und mit seinen Bildräumen für Klaus-Michael Grübers erste Regiearbeiten in Deutschland, Shakespeares "Sturm" in Bremen und Kleists "Penthesilea" in Stuttgart, hat Minks geholfen, das Theater zu verwandeln.

Appell an unsere Sinnlichkeit

Er benutzte Materialien aus dem Fundus des alltäglichen Gebrauchs. Transparente Plastikfolien markierten im "Tasso" die historische Distanz, eine punktuelle Entrückung der szenischen Vorgänge. Gras bedeckte den Boden. Im "Sturm" war es Sand, bei der Premiere hockte Grüber, der selbst den Prospero geben musste, in einer Mulde und ließ aus einem dicken Buch die Worte des Herzogs von Mailand hören. Das großformatige Foto eines griechischen Helden und ein mächtiger Baum beherrschten die Bühne der Stuttgarter "Penthesilea", eine Erinnerung an heroische Zeiten. Unter dem hohen Baum auf sandigem Boden herumliegend die Waffen und Rüstungen von Griechen und Amazonen: eine ferne Erinnerung an diese Geschichte von einem Krieg und der Liebe, die nicht versöhnt. Als dann, 1980 in Frankfurt, der Bühnenbildner auch Regisseur war, ist Minks "Penthesilea" noch einmal angegangen, als Bild im Gedächtnis geblieben ist ein Wall aus aufeinander geschichteten rostigen Tonnen für die Mauerschau der Kriegsvorgänge - mehr Einfall als szenische Deutung.

"Wilfried", schreibt Zadek in dem Erinnerungsband "My Way", "konnte alles selber, besser als jeder Handwerker. Er konnte jedem zeigen, wie er sägt, wo er sägt und wie er den Nagel einschlägt." So wollte Minks denn auch selber Regie führen. Mit seiner Aufführung von Schillers "Maria Stuart", 1972, hat Minks der Bremer Theaterarbeit noch ein Kapitel hinzugeschrieben. Nach den stilbildenden Arbeiten Zadeks, Steins, Fassbinders, Grübers und Hübners definierte Minks noch einmal neu, wie Theater auch zu sehen wäre: als eine Reihung von Bildern, die aus dem Zwang entlassen sind, Bedeutungen übersetzen zu müssen; als ein von Sinnvermittlung befreites szenischen Malen mit Licht, Bewegung, Farben, toten Dingen und lebendigen Körpern; als Defilee von Arrangements, die ein Drama aufteilen in für sich stehende Augenblicke, deren Reizkraft nicht die des Gedankens, sondern die des Appells an unsere Sinnlichkeit ist. Ein nachdrücklicher, das forcierte Pathos riskierender Kunstwille, motivierte das Konzept. Und überlagerte zugleich, das war der Preis, die Konstellationen der Tragödie. Man erlebte die Umbildung der dramatischen in die bildende Kunst.

Minks hat als Regisseur später mehr als bei diesem Beginn auf die Strukturen der Stücke geachtet. Sein Blick auf "Hypochonder" (an der Berliner Schaubühne), das erste Stück von Botho Strauß, war sehr dicht an der Vorlage, 1989 am Thalia in Hamburg erreichte auch die Inszenierung der "Besucher" von Strauß diese Intensität.

In Frankfurt hatte er 1981 Shakespeares "Richard III." und Heiner Müllers "Der Auftrag" erarbeitet. Er war im Frühjahr 1978 gemeinsam mit Johannes Schaaf, zur Leitung des Frankfurter Schauspiels berufen worden. Zwei Sinnliche würden nach vorausgegangenen Jahren der Dürre nun alles ändern - doch trog die Hoffnung: Noch ehe Minks und Schaaf, die anfangs aufgetreten waren wie ein unzertrennliches Brüderpaar, wirklich begannen, zerstritten sie sich: Was ein Anfang werden sollte, war schon das Ende. Beide schmerzt diese Niederlage bis heute.

Als Gast hat Minks dann an vielen Bühnen gewirkt. In Bochum wagte er sich 2004 mit einigem Erfolg an Hebbels selten gespielte "Judith". Erst vor einem Jahr kam in Hannover ein "Ödipus" in seiner Regie auf die Bühne, der Schauplatz Theben war da hergerichtet zu einem städtischen Rattenloch. Das sei, sagt Minks jetzt, wohl seine letzte Inszenierung gewesen. Schon seit zwei Jahren betätige er sich vor allem als Maler. Es ist auch eine Art von Rückkehr zu den Quellen der Inspiration, die ihn als Bühnenbildner groß gemacht hat.

Gratulation dem Bildermacher, der seinen Zuschauern im Theater so oft vor Augen geführt hat, dass es, von lange her, doch von heute sein kann.

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