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„Wo bleibt das RFID-Mutterhuhn, das piept, wenn sich die Küken zu weit aus seiner Reichweite entfernen?“

Update

Alles ist zu klein!

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An kleine Dinge, die wir auf keinen Fall verlieren wollen, hängen wir Kuhglocken oder Autofelgen - noch.

Im Sommer 2005 beklagte ich mich in einem Blogbeitrag: „Warum gibt es so viele irregeleitete Hersteller immer aufwendigerer Schlüsselfinder, die unsere Schlüssel, Portemonnaies, Handys, PDAs und Digitalkameras auf Befehl orten sollen? Dann, Hersteller, ist es zu spät, und wir haben das lebenserhaltende Gerät schon verloren. Wo bleibt das RFID-Mutterhuhn, das piept, wenn sich die Küken zu weit aus seiner Reichweite entfernen? Im Herbst 2004 gab es mit der Ankündigung einer Tasche, die selbstständig auf ihren Inhalt aufpasst, einen Hoffnungsschimmer, aber seitdem ist natürlich wieder mal rein gar nichts passiert.“ Fast 15 Jahre ist das her, und natürlich ist auch seitdem rein gar nichts passiert.

Genau genommen ist alles noch schlimmer geworden, denn die wichtigen Gegenstände sind jetzt kleiner und damit leichter zu verlieren. Kurze Zeit nach dem Beitrag bekam ich eine externe Festplatte geschenkt. Ihre Vorgängerin war so groß wie ein dickes Hardcoverbuch. Die neue ließ sich als Lesezeichen verwenden, was dazu führte, dass ich sie als Lesezeichen verwendete und mehr Zeit mit der Suche nach der Festplatte zubrachte als mit Datensicherung. Inzwischen habe ich keine externen Festplatten mehr, nur noch USB-Sticks, klein wie neugeborene Mäuse.

Die Hörgeräte meiner Mutter sind so winzig, dass man weder bemerkt, wenn sie herunterfallen, noch eine Chance hat, sie jemals wiederzufinden. Weil ihr das schon mehrmals passiert ist, trägt sie die Hörgeräte ungern außer Haus, obwohl sie sie vor allem dort braucht. Die kabellosen Kopfhörer von Apple und anderen Anbietern sind etwa dreimal so groß wie diese Hörgeräte, ihre Besitzer versuchen sie ebenfalls nicht aus den Augen – also Ohren – zu lassen und müssen trotzdem häufig Ersatz beschaffen. Manchmal forsche ich sogar in meiner Tasche nach, ob der Laptop wirklich darin ist. Das wäre früher nicht passiert, als Computer und Monitor zusammen 20 Kilo wogen.

Vier Wochen nach dem Blogbeitrag von 2005 erreichten mich Nachrichten von einem Gerät zur Überwachung von Kindern, und ich schrieb ein Update: „Es piept, wenn ein Kind sich aus dem einstellbaren Einzugsbereich entfernt, und weist den Eltern auf Knopfdruck die Richtung zu bis zu vier verlorenen Kindern. Das Gerät kostet um die 200 Dollar und lässt sich leider derzeit nur unter Verrenkungen anstatt zur Kinderüberwachung zur Gegenständeüberwachung abstellen. Was seltsam ist, denn schließlich werden Handys und Portemonnaies unverhältnismäßig viel öfter als Kinder gestohlen oder an der Bushaltestelle vergessen. Aber wir sind jetzt etwas zuversichtlicher und rechnen innerhalb der nächsten fünf Wochen mit dem ausgereiften Mutterhuhngerät für alles.“

Dieses Gerät kam nicht nur nicht innerhalb der nächsten fünf Wochen auf den Markt, es fehlt bis heute. Aber auf eine andere Art: Es gibt zwar sehr viele Produkte zu kaufen, die versprechen, auf leicht verlierbare Gegenstände aufzupassen oder zumindest beim Wiederfinden zu helfen. Sie funktionieren nur alle nicht oder jedenfalls nicht so wie erhofft.

Im September 2015 unterstützte ich ein Crowdfunding-Projekt, das mir Bluetooth-Schlüsselanhänger und eine App versprach, die mich im Moment des Verschwindens der so markierten Gegenstände warnen sollte. Ein halbes Jahr später bekam ich die Anhänger zugeschickt und konnte in der App tatsächlich sehen, wo mein Portemonnaie und mein Schlüsselbund sich aufhielten. Nur war die Ortsbestimmung leider so unpräzise, dass ich acht weitere Wohnorte im Umkreis meiner Wohnung eintragen musste, um nicht alle paar Minuten gewarnt zu werden. Kurze Zeit später stellte die App ihren Dienst ganz ein. Ähnliches liest man in den Kundenbewertungen aller solchen Geräte. Bluetooth-Anhänger für Schlüssel und Portemonnaie brauchen nur selten neue Batterien, funktionieren aber nur bei geringer Entfernung zum verlorenen Gegenstand. Geräte, die ihren Standort via GPS ermitteln und sich aus beliebiger Entfernung wiederfinden lassen, müssen alle paar Tage geladen werden. Sie sind zu groß für die unauffällige Befestigung an kleinen Gegenständen und zu teuer für die Überwachung von allem, was man gern behalten würde.

Wir leben in einer ungünstigen Zwischenzeit, in der alles Wichtige schon sehr klein ist, nur die Wiederfindehilfen noch nicht. Ich bin nicht mehr ganz so optimistisch wie früher, dass die Lösung innerhalb der nächsten fünf Wochen auf den Markt kommen wird. Bis es so weit ist, müssen wir uns behelfen, indem wir Autofelgen oder Kuhglocken an den kleinen verlierbaren Gegenständen befestigen. Bei den Hörgeräten und Airpods ist das keine Option, aber vielleicht ginge da ja irgendwas mit Kabeln.

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