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Inszeniertes Paparazzitum: Helmut Newtons "Linea Italiana, Rome 1970s".

Alles alles alles zeigen

Pigozzi und die Paparazzi, ausgestellt in der Berliner Helmut Newton Stiftung

Von ELKE BUHR

Es gab eine Zeit, da sahen Stars auch auf Paparazzi-Bildern noch wie Stars aus, und nicht nur wie Frau Nachbarin, die betrunken in der nächsten Bar erwischt wird.

Der Ire Edward Quinn zum Beispiel hat in den fünfziger Jahren Bilder geschossen, die geradezu ikonische Qualitäten haben. Liz Taylor in Cannes als ernste Schönheit mit Kopftuch, die sich anmutig in Richtung Kamera wendet, während zwei scherzende Männer im Hintergrund den Rahmen bilden. Marlon Brando im Gegenlicht an einem Hafen der Côte d'Azur, der sich von einem Fischerjungen Feuer geben lässt. Wenn Sophie Loren bei einem Gala-Dinner eine Kerze auspustet, schmeicheln die Schatten ihrer Schönheit. Und die Pose, in der Maria Callas mit Sir Winston Churchill auf Onassis' Yacht plaudert, ist von perfekter Eleganz.

Brutalität gehört zum Geschäft

Quinn war allerdings auch der Feingeist unter denen, die an der Côte d'Azur mit der Kamera den Celebrities hinterher stiegen - später pflegte er lieber seine Freundschaft zu Picasso. Ansonsten zeigt die Ausstellung in der Berliner Helmut Newton Stiftung über die Geschichte der Paparazzi-Fotografie, dass eine gewisse Brutalität von Anfang an dazu gehörte.

In Erich Salomon, dem Star der Pressefotografie der Weimarer Republik, der später in Auschwitz ermordet wurde, findet die Ausstellung den Vorläufer der Bildräuber: Er fotografierte als erster in Gerichtssälen mit versteckter Kamera, und bei politischen Konferenzen stand er hinterm Vorhang, um die Diplomaten bei nächtlichen Verhandlungen unbemerkt zu knipsen.

Von den Methoden her war auch Arthur Fellig alias Weegee nicht zimperlich, und deshalb haben die Ausstellungsmacher durchaus recht, wenn sie ihn als weiteren Vorläufer des Paparazzitums interpretieren: Weegee hörte den New Yorker Polizeifunk ab, um als erster am Schauplatz von Verbrechen und Unfällen zu sein, und blitzte den Opfern dann hart ins Gesicht. Seine Fotografien von Prostituierten und Obdachlosen, schlafenden schmutzigen Kinder und knutschenden Kino-Paaren komplettieren ein Panorama, das der harten Metropole New York einen ebenso harten Blick entgegen setzt.

Doch zum eigentlichen Paparazzitum gehört der Glamour der Starwelt, und das kam mit der Celebrity-Fotografie der Fünfziger ins Spiel. "Paparazzo" hieß die Hauptfigur von Fellinis Film "La Dolce Vita", Vorbild für die Figur des nichtsnutzigen Bildjournalisten war Tazio Secchiaroli - und dessen Fotos aus den fünfziger bis sechziger Jahren spielen die Ambivalenz der Celebrity-Fotografie bereits voll aus. Einerseits gibt es sie noch, die umschwärmten Stars in der Bildmitte, zentralperspektivisch mit Aura aufgeladen. Andererseits kommen schon die abwehrenden Hände an Limousinenfenstern ins Bild, die überraschten Menschen in Unterwäsche, und nicht zuletzt sieht man auch Fotografen, die bei der waghalsigen Bilderjagd in Roms Brunnen stürzen, und zwar mit deutlich weniger Eleganz als Anita Ekberg bei Fellini.

Zum Berufsbild des Paparazzi gehört der Körpereinsatz. Und so büßte der Amerikaner Ron Galella 1973 durch einen gezielten Faustschlag Marlon Brandos fünf Zähne ein. Aus sicherer Distanz schoss dagegen Daniel Agneli eine Reihe von Nacktfotos, die Vorbild für ein noch heute überaus beliebtes Genre wurden: Romy Schneider und Brigitte Bardot beim hüllenlosen Sonnen am Mittelmeer, Giovanni Agnelli, der ohne Badehose von seiner Yacht ins Wasser hüpft und sich dabei wie ein Kind die Nase zuhält.

Damals, so die gängige Meinung, war die Paparazzi-Fotografie eine harmlose Angelegenheit im Vergleich zu heute, wo Agenturen in Los Angeles allein auf Britney Spears dreißig bis vierzig Jäger ansetzen, die jede ihrer Regungen dokumentieren - es wird geschätzt, dass die Medienbranche insgesamt mit dem Zusammenbruch der Britney Spears im vergangenen Jahr um die 100 Millionen Dollar eingenommen hat.

Freiwillig die peinlichste Rolle

Der voyeuristische Übergriff in die Privatsphäre eines Menschen berührt allerdings auch schon bei den Bildern aus vermeintlich unschuldigeren Zeiten seltsam: Roman Polanski im vertrauten Gespräch mit jungen Mädchen in Saint Tropez 1977, fotografiert von Daniel Angeli, das sieht aus wie ein Denunziationsbild, mit dem ein Lüstling zur Strecke gebracht werden soll.

Gänzlich unangenehm wirkt dann die Fotografie von Jean Pigozzi, der zur Eröffnung in die Helmut Newton Stiftung anreiste: Er zeigt Fotos aus drei Jahrzehnten, in denen er jeweils seine eigene Nase neben der eines Prominenten ins Bild hält. Pigozzi und Warhol, Pigozzi und Clint Eastwood, Pigozzi und Carla Bruni - ein narzisstisches Spektakel, in dem der Fotograf freiwillig die peinlichste Rolle einnimmt.

Eine Peinlichkeit, der sich auch Helmut Newton gelegentlich hingab, ohne den eine Ausstellung in der Newton-Stiftung natürlich nicht auskommen kann. Er hat für seine Modefotografie mehrfach Models von echten Paparazzis verfolgen und anhimmeln lassen, und inszenierte sich auch selbst mal in der Rolle des Promis, der sich von der gierigen Meute umlagert lässt.

Die Paparazzi-Fotografie wird zwar die Wahrheit über die Celebrities nicht liefern können. Aber die eine oder andere Wahrheit über die Ökonomie der Eitelkeiten leuchtet sie aus wie mit Weegees hartem Blitz.

Pigozzi und die Paparazzi, Helmut Newton Foundation, bis 16. November 2008.

www.helmut-newton.de

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