Cana Bilir-Meier

Alle einen Schritt nach vorn

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Die Künstlerin Cana Bilir-Meier hat es satt, im Kulturbetrieb herabgesetzt und paternalisiert zu werden. Damit ist sie nicht allein.

Es kotzt uns an!“ ist ein Statement überschrieben, das eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern jüngst auf Wordpress erstellt hat und dem sich schon über 120 Einzelpersonen und Projekte angeschlossen haben. Auslöser ist die Diskussion über eine spektakulär entgleiste Veranstaltung in den Münchner Kammerspielen, in der der Kunstkurator Kaspar König in seinem eigenen Format „Kaspar König &“ am 12. November auf drei junge Künstler traf, mit denen er über „Heimat und Rechtsradikalismus“ sprechen sollte, die dann aber zu einer Selbstdarstellungs-Show ersten Ranges geriet, in der niemand ernsthaft etwas gefragt und dafür die Medienkünstlerin und Performerin Cana Bilir-Meier immer wieder ins Kreuzverhör genommen und auf unangenehmste Weise paternalisiert wurde.

Es müsse doch erstrebenswert für sie sein, ihre Videosachen mal im Fernsehen zu zeigen, schlug König etwa vor oder forderte in ihre Richtung mehrfach, dass die Kunst „sich formal zuspitzen“ müsse, wenn sie irgendetwas bewirken wolle. Und dabei kannte er ihre Arbeit nur aus dem Minivortrag, den sie zu Beginn der Veranstaltung gehalten hatte. Außerdem schimpfte er – quasi als Antwort auf Bilir-Meiers Beschäftigung mit Medienklischees über Muslime – über türkische Machos in dicken Autos, so dass die Künstlerin, deren Großeltern als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren (auch das eines ihrer Themen), hinterher fassungslos auf Facebook notierte, dies sei „ein allerschrecklichstes Gespräch“ gewesen, „voll toxischer Männlichkeit, Rassismus und gewaltsamer Macht gegen mich“.

Kaspar König hat sich, was soll er anderes tun, unmittelbar danach bei Cana Bilir-Meier entschuldigt und die Münchner Kammerspiele bedauerten ebenfalls und stellten den Mitschnitt der Veranstaltung auf ihrer Website zur Verfügung. Aber die öffentlichen Reaktionen auf Bilir-Meiers Eintrag insgesamt haben den Fall offenbar so stark als ihr rein persönliches Problem dargestellt und nicht das Strukturelle daran erkannt, dass ein Wir von „migrantischen/schwarzen/indigenen/lesbischen/queeren/trans Künstler*innen of Colour“ unter www.wearesickofit.wordpress.com (we are sick of it – es kotzt uns an, siehe oben) inzwischen das Wort ergriffen hat und sich jetzt dagegen wehrt, vom Kunstbetrieb tendenziell eigentlich immer diskriminiert, stereotyp bewertet und persönlich verletzt zu werden.

Das ist ein lesens- und sehr bedenkenswertes Manifest, das über seinen spezifischen „Wir“- Zuschnitt hinaus auch allgemeine Belange berührt. Denn diese Welterklärungspose eines weißen alten Mannes, die man seit einiger Zeit auch „Mansplaining“ nennt und die König in diesem Gespräch geradezu modellhaft einnahm (inklusive hemmungslosen Sich-auf-dem-Stuhl-Fläzens als Zeichen der Hausherrschaft über den Betrieb), richtet sich gegen alles, was Nicht-Ich ist und ist einer der Hauptgründe für die Gelähmtheit eines Kulturbetriebs, dessen Funktionäre den Begriff der Veränderung nur deswegen so voll im Munde führen, damit ihn niemand anderes in die Hand bekommt.

Und was das Mansplaining betrifft: Wer fürchtet ihn nicht, diesen Schreckenssatz „Darf ich Ihnen ein Beispiel geben ...“, auf den endlose Exkurse folgen, in denen persönliche Erfahrung zum Weltwissen und der eigene Horizont zum Kanon erklärt wird. Die ganze Rede ein Lexikon der Selbstzitate, das jedem Anwesenden ans Herz gelegt wird. Resolutere Personen reagieren darauf mit Panikattacken, die meisten Menschen erdulden den schamlosen Raub ihrer Zeit und Energie aber still.

Das Publikum der Münchner Kammerspiele dünnte im Laufe der eineinhalb Gesprächsstunden bei „Kaspar König &“ zwar etwas aus. Auch irritierte Zwischenfragen wurden gestellt, in deren Folge die beiden weiteren Eingeladenen, die Installationskünstlerin Henrike Naumann und der Bildhauer und Schriftsteller Wilhelm Klotzek, versuchten, selbst zu moderieren, was die Sache nicht besser machte. Alle drei hätten den Kurator im Grunde sitzen lassen müssen. Aber das geschah nicht. Noch nicht. Denn Widerstand ist ja möglich. Wer selbst kein Konzept von Höflichkeit hat, den muss man nicht schonen. Man sollte von Mansplainern lediglich noch schnell lernen, Ich zu sagen. Die Gruppe von „We’re sick of it“, macht einen Anfang im Wir.

Nochmal: Die Verallgemeinerung des Problems an dieser Stelle soll in keiner Weise die Spezifik des „We are sick of it“-Manifestes relativieren. Die Stellung von „migrantischen/schwarzen/indigenen/lesbischen/queeren/trans Künstler*innen of Colour“ im Kulturbetrieb hat etliche eigene Aspekte, die hier gar nicht erwähnt werden. Ich will nur mit Blick auf das Podium in den Kammerspielen als Frau und Kulturbetriebsmitglied rufen: me too, und betonen, dass es in diesem Diskurs eine Basis gibt, in der der Schulterschluss noch größer sein könnte, als die genannten Identitätsattribute nahelegen. Der Kanon ist zu Ende, die Kanoniere haben ausgedient. Im Rücken die Ruinen von Europa, könnte man mit Heiner Müller sagen. Wobei man nicht erwarten darf, dass Mansplainer von selbst zurücktreten. Aber wenn sich alle anderen einen Schritt nach vorn trauen, löst sich dieses Problem schnell von selbst. 

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