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Quartett der ordensschwesterlichen Fremdlinge.

Dresden Frankfurt Dance Company

Aliens in Lackstiefeln

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Jacopo Godanis getanztes „Ultimatum“ im Bockenheimer Depot.

Wie eigentlich immer seine Choreografien, so bevölkern auch den neuen Tanzabend Jacopo Godanis die seltsamsten Tierchen, Menschlein, vielleicht auch Maschinenmenschen. Sie tragen ein Viertel Nonnenhabit plus verschnürten Oberkörper; oder lackglänzende schwarze Plateaustiefel wie eine Domina und rote Gesichtsmaske; oder einen Body, auf den die rohen Muskelstränge gedruckt sind, als wären diese Leute gehäutet; oder Kapuzenjacke mit Streifenhyänenmuster. Godani, künstlerischer Direktor der Dresden Frankfurt Dance Company, hat sich auch diesmal wieder die krassen, aber doch faszinierenden Kostüme ausgedacht, außerdem die ästhetisch ansprechende Bühne mit schimmernden Bodenbelag-Bahnen, die sich anheben lassen und dann eine grauleuchtende Welle bilden, mit senkrechten Neonröhren in verschiedenen Konstellationen.

„Ultimatum“ ist dieser jüngste, dreiteilige (aber nur durch kurze Umbaupausen getrennte) Uraufführungs-Abend im Bockenheimer Depot in Frankfurt überschrieben. Wem warum ein Ultimatum gestellt wird – der Menschheit möglicherweise? – bleibt offen. Denn die dunklen, dräuenden Bilder erschöpfen sich in dunklem Dräuen. Auch darin ähnelt mittlerweile eine Godani-Choreografie der anderen: Man denkt an eine Dystopie, an eine gleichgeschaltete Gesellschaft, an Genmanipulationen. Gleichzeitig achtet er doch sehr auf eine perfekte ästhetische Oberfläche. Hinter ihr, so der Verdacht, steht dann halt doch keine interessante Aussage.

Tanz hat es gar nicht nötig, gedankenschwer zu sein – seine eigene Energie genügt ihm allemal, falls genug davon vorhanden ist. Einerseits. Andererseits sendet „Ultimatum“ reichlich Signale aus, dass es um Größeres geht. Und dann funken diese Signale ins Leere.

„The Small Infinite“, die kleine Unendlichkeit, bringt zu Cellosuiten von Bach (in einer Aufnahme Jan Voglers) ein Quartett, das sich ebenso raffiniert wie zierlich ineinander schiebt und webt. Hohe Beine stechen heraus. Körper schlängeln sich. Die Bewegungssprache ist von großer Künstlich- und Kunstfertigkeit. Das ist kein Tanz, der auch nur im Entfernten einen Ausdruck sucht für die Gefühle, die Menschen umtreiben können. Die zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer könnten Wesen von einem anderen Stern sein, die irgendwelche aparten Rituale ausführen. Hinter ihnen, hinter einer Reihe von Metallplatten, scheinen andere, rotgesichtige Aliens zu lauern.

Der Mittelteil des Abends ist „Ultimatum Part II“ überschrieben. Was sich vorher im Hintergrund hielt, bedrohlich, tritt nun massiv auf, mit hohen Lacklederstiefeln, roter Gaze vorm Gesicht. Ein ganzes Rudel stampft hier auf, scheint aber auch nicht wirklich auf Beute aus zu sein. Der Drang nach vorne, die Aggressivität halten sich in Grenzen, eher wurde diese Truppe gut gedrillt. Nach den Cellosuiten kommt nun aber wieder von dem Duo 48Nord komponierte Musik ins Spiel – mit Ulrich Müller und Siegfried Rössert arbeitet Jacopo Godani regelmäßig und gern zusammen. Bach-Schnipselchen sind eingefügt in massive, dröhnende Geräuschkulissen.

Im dritten Teil, „Unit in Reaction“, bleibt Bach ganz außen vor, stellt man sich bald eine bombenverheerte und umkämpfte Landschaft vor. Dafür mischen sich nun Ensemble- mit Vereinzelungsszenen, es kommt zu Duos, die Karten werden beständig neu gemischt. Auch hier hat der Tanz wieder eine zierlich-intrikate, dekorative Qualität. Aber auch athletischen Schwung. Jedenfalls ist er rastlos, als dürfe er den Faden der Bewegung nicht verlieren.

Die Leistung der insgesamt 18 Tänzerinnen und Tänzer der Dresden Frankfurt Dance Company ist bestechend, auch wenn man es schade finden kann, dass sie einmal mehr in diesem Godani-Stück als Individuen nicht zur Geltung kommen. Er ist kein Choreograf gesellschaftlicher Fragen oder Konflikte, er möchte nichts erzählen. Ein wenig scheint er den Kopf immer im All oder in einer kühl-technologischen Zukunft zu haben.

Einmal werden menschengroße Metallplatten von den Tänzern vorne seitlich rausgeschoben, wenig später hinten wieder rein. Das ist so eine typische Godani-Aktion, von der man nicht weiß, was sie bedeuten soll und bald vermutet, sie bedeute eigentlich gar nichts, sehe nur irgendwie gut und cool aus und beschäftige das Ensemble.

Wenn man noch den gern mal in ganz neue Richtungen irrlichternden, unberechenbaren William Forsythe vor Augen hat, so muss sich spätestens jetzt bei seinem Nachfolger Ernüchterung einstellen. Stück um Stück ähnelt sich sehr, leider auch in der Bewegungssprache, bläst sich auf, kann nicht lassen vom Wispern und Raunen. Stück um Stück hat auch überraschende, für Momente bezirzende Details. Aber nach nur eineinviertel Stunden dröhnt es in den Ohren und ist man eigenartig ermüdet.

Bockenheimer Depot,Frankfurt: 9., 10., 13. - 17. März.

dresdenfrankfurtdancecompany.com

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