+
Mexiko, Tijuana: Menschen beobachten hinter dem Drahtzaun an der mexikanischen Seite die Feierlichkeiten zum US-Unabhängigkeitstag.

USA

Sind Holocaust-Vergleiche tabu?  Alexandria Ocasio-Cortez löst Debatte in den USA aus

  • schließen

Die US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez vergleicht die Internierungslager an der amerikanisch-mexikanischen Grenze mit Konzentrationslagern. Nun wird in den USA über Holocaust-Vergleiche gestritten.

Am 17. Juni hatte die New Yorker demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez in einem Instagram-Video die Internierungslager an der Grenze der USA zu Mexiko als „Konzentrationslager“ bezeichnet. Daran schloss sich eine erregte Debatte an über die Anwendbarkeit des Begriffes, über die Zulässigkeit von NS-Vergleichen überhaupt.

Am 24. Juni antwortete das New Yorker Holocaust-Museum mit dieser Erklärung: „Das United States Holocaust Memorial Museum weist unmissverständlich Versuche zurück, die Analogien zwischen dem Holocaust und anderen Ereignissen, sei es historischen oder heutigen herstellen. Diese Haltung hat das Museum wiederholt eindeutig klar gemacht.“ 

New Yorker Holocaust-Museum weist Analogen zurück

Auf diese Erklärung antworteten Anfang Juli mehr als 500 Holocaust- und Völkermord-Historiker u.a. folgendermaßen: „Wir sind sehr besorgt über das jüngste Statement des Museums zu den Holocaust-Analogien. Wir schreiben diesen Brief, um die Zurückziehung des Statements zu fordern. Wissenschaftler in den Human- und Sozialwissenschaften gehen bei der Beantwortung von Fragen über die Vergangenheit und die Gegenwart aus von sorgfältigen und verantwortungsvollen Analysen, von Kontextualisierungen, Vergleichen und Argumentationen.

Mit der Erklärung, Versuche unmissverständlich zurückzuweisen, die Analogien zwischen dem Holocaust und anderen Ereignissen, sei es historischen oder heutigen herstellen, nimmt das United States Holocaust Museum eine radikale Position ein, weit entfernt vom Mainstream der Holocaust- und Völkermord-Forschung. Lernen aus der Vergangenheit wird so geradezu unmöglich. Die Entscheidung des Museums, jede mögliche Analogie mit dem Holocaust oder den zu ihm führenden Ereignissen zu verwerfen, ist im Kern ahistorisch“.

Die Kontroverse um Holocaust-Vergleiche wiederholt sich alle paar Jahre

Alexandria Ocasio-Cortez sitzt seit Januar für die Demokraten im Repräsentantenhaus.

Soweit die Kontroverse. Wir kennen sie gut. Sie wiederholt sich alle paar Jahre. Es geht im Kern dabei um den Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion. Auf der einen Seite gibt es Menschen, die wollen verstehen, was der Holocaust war, wie er zustande kam, unter Einflüssen er zustande kam, welche Einflüsse er hatte. Für die anderen ist das so interessant nicht. Denn er war ein einmaliges Ereignis, etwas Unwiederholbares. Damit ist er jedem wissenschaftlichen Zugang entzogen. Er ist Totem und Tabu. Es gibt keinen wie ihn. Niemand ist mit ihm zu vergleichen. Er ist Gott.

Das kommt Ihnen übertrieben vor? Alle Wissenschaft basiert auf dem Vergleich. Wir erkennen die Dinge, in dem wir sie mit einander vergleichen. Das gilt für kleine Kinder und für große Kosmologen. Jedes Atom, das schwerer ist als Beryllium, sei es in unserem Körper oder wo auch immer im Universum, verdankt seine Existenz der Elementsynthese im Innern der Sterne. Erst das genaue Vergleichen hat uns darüber belehrt.

Der Holocaust als Rechtfertigung eines Denkverbots

Die Behauptung, etwas sei einzigartig und unvergleichbar, ist ein Denkverbot. Da soll etwas auf ein Podest gestellt und angeschaut, angebetet, aber auf keinen Fall soll es verstanden werden. Dazu muss man es mit ähnlichen Erscheinungen vergleichen, um festzustellen, wo sie differieren und wo sie gleich sind.

Der Historiker Timothy Snyder gehört zu den Unterzeichnern der Erklärung der kritischen Wissenschaftler. Zu seinem Forschungsbereich gehört der Vergleich zwischen den nationalsozialistischen und den stalinistischen Untaten. Seine Bücher haben durch den Vergleich jedes der Regime deutlicher herauspräpariert. Sie haben aber auch geholfen, eine Epoche genauer zu sehen, in der die Vernichtung ganzer Bevölkerungen zur selbstverständlichen Herrschaftspraxis sehr verschiedener Staaten wurde.

Die Vorstellung, der Holocaust stehe als ein einmaliger „Zivilisationsbruch“ einsam in der Weltgeschichte, müsste bewiesen werden. Natürlich unterscheidet er sich von all den anderen Versuchen, Bevölkerungen systematisch auszurotten. Allerdings nicht mehr als jene anderen Versuche, sich von einander unterscheiden. Der „Zivilisationsbruch“ begleitet die Zivilisation von ihren ersten Gehversuchen an. Sehr oft gehört er geradezu zu ihr. Der immense Aufschwung des Westens im 18. und 19. Jahrhundert ist ohne die systematische Knechtung und Versklavung großer Teile der Erdbevölkerung durch den Kolonialismus nicht zu denken. Ich glaube nicht, dass die Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen für irgendetwas in Kauf genommen werden muss. Ich glaube noch nicht einmal, dass sie nicht zu verhindern sei. Ich bin allerdings der Auffassung, dass es einiger Anstrengung bedarf, ihr, wenn sie just passiert, entgegenzutreten. Es ist gut zu begreifen, wie Kernreaktionen in Gesellschaften verlaufen, die dazu führen, dass die einen über die anderen herfallen.

Das Konzentrationslager ist keine Erfindung der Nazis

Man mag über die Internierungslager der US-Regierung an der Grenze zu Mexiko denken, wie man will. Um Konzentrationslager handelt es sich zweifelsohne. Hier werden Menschen in Lagern zusammengefasst, konzentriert. So wie Earl Kitchener ihn meinte, als er während des Zweiten Burenkriegs um 1900 Frauen und Kinder der burischstämmigen Bevölkerung in Lagern, die man amtlich als ‚concentration camp‘ bezeichnete, zusammenfasste und internierte.

Das Konzentrationslager ist keine Erfindung der Nazis und es ist auch nicht mit ihnen ausgestorben. Nirgendwo auf der Welt. Alexandria Ocasio-Cortez hat den richtigen Begriff gebraucht. Die Empörung der Leitung des United States Holocaust Memorial Museums ist verlogen. In der „Washington Post“ erinnerte der Holocaustforscher daran, dass das Museum Analogien nicht immer ablehnte. So erklärte es im vergangenen Jahr angesichts der in Myanmar verfolgten Rohingya: „Die Welt hat die Augen vor ihrer Verfolgung geschlossen – genauso wie sie es gegenüber den Opfern des Holocaust tat.“

Vergleiche mögen hinken. Aber nur hinkend kommen wir voran. In der Analyse wie bei den immer wieder scheiternden Versuchen, den Anfängen zu wehren. Wer derzeit (9.7.) die Website des United States Holocaust Memorial Museum aufruft, findet nur die Erklärung des Museums vom 24. Juni. Eine Antwort auf die Kritiker gab es noch immer nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion