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Ging in die Fotogeschichte ein: Heinz Hajek-Halkes „Schwarz-Weißer Akt“ von 1930/36. In der Schau der Kunstakademie dient es als Referenzbild für das experimentelle Spätwerk.
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Ging in die Fotogeschichte ein: Heinz Hajek-Halkes „Schwarz-Weißer Akt“ von 1930/36. In der Schau der Kunstakademie dient es als Referenzbild für das experimentelle Spätwerk.

Heinz Hajek-Halke

Alchemist der Dunkelkammer

  • VonIngeborg Ruthe
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Alchemie aus dem Entwicklerbad, die keiner ästhetisch-formalen Schule zugeordnet werden kann, aber bis heute Zeichner und Fotografen inspiriert: Die Akademie der Künste erinnert an den grandiosen Lichtgrafiker Heinz Hajek-Halke.

Alchemisten sind mystische Gestalten. Auf sie scheint meist das düstere Licht des Mittelalters, sie hantieren mit ihren angeblichen Zauberformeln in der Grauzone zwischen Naturwissenschaft und Okkultismus, zwischen Legalität und Illegalität. Und sie leben, weil Spielball der Mächtigen, gefährlich. Man denke nur an den armen begnadeten Johann Friedrich Böttger, Erfinder des Meißner Porzellans, und zugleich Gefangener des Sachsenkönigs August des Starken.

Mit derart mystischen Legenden hat der in Berlin geborene, in Buenos Aires aufgewachsene Grafiker und Fotograf Heinz Hajek-Halke (1898-1983) nichts zu tun. Soeben wird er in seiner Geburtsstadt widerentdeckt und nicht schlecht bestaunt. Dafür sorgt eine Schau in der Akademie der Künste, die der Bonner Fotohistoriker Rolf Sachsse beeindruckend kuratiert hat.

Hajek-Halke war, wie man es nun sehen kann, ein freigeistiger Benutzer des Massenmediums. Etliche Arbeiten aus den Glamour- und Krisenjahren der Weimarer Republik zeigen, wo er herkam. Die Fotografie entwickelte sich damals rasant, weniger als Kunst, eher für den Alltagsgebrauch. Hajek-Halke arbeitete in den 1920ern in Berlin für die Presse. Die fütterte ihre Leser mit visuellen Reizen, und so waren kühne Experiment und Zweckdienlichkeit, Pioniergeist und Kommerz keine Gegensätze. Hajek-Halke nutzte Mehrfachbelichtung und Montage, Fragmentierung und Collage. Er zählte rasch zu den Anregern der „Subjektiven Fotografie“.

Aus dieser Zeit stammt eine Arbeit, die als Inkunabel in die Fotogeschichte einging und bei deren Anblick man sofort an an die Foto-Experimente des Amerikaners Mapplethorpe aus den 1980er Jahren denkt: Hajek-Halkes „Schwarz-weiße Akt“, 1930/36, ein gedoppelter Frauenkörper, mehr kühl als erotisch. Der dynamische Kontrast ist wesentlich, die formale Kühnheit, tilgt das Emotionale. Das markante Motiv aus dem Frühwerk wird am Eingang der Schau zum Referenzbild für das spätere Schaffen.

Dazwischen liegt Leere: Hajek-Halke hatte es nach 1936 bis 1945 vorgezogen, sich den Nazis in einer Art innerer Emigration zu entziehen. Er lebte am Bodensee, züchtete Kaninchen. So vermied er es, dass seine Montagen für die NS-Propaganda benutzt werden konnten.

Metamorphosen des Alltäglichen

Was dann, nach seiner Rückkehr nach Berlin in den 1950er Jahren passierte, lässt sich vergleichen mit der Bedeutung Moholy-Nagys für das Bauhaus. Die neuartige „Lichtgrafik“ Hajek-Halkes ist in gewisser Weise den avantgardistischen „Schadografien“ des Dada-Experimentierers Christian Schad wahlverwandt. Es sind gleichfalls Kunstgebilde aus physikalischer und chemischer Symbiose. Alchemie aus dem Entwicklerbad, die keiner ästhetisch-formalen Schule zugeordnet werden kann, aber bis heute Zeichner und Fotografen inspiriert.

Zwei Jahrzehnte lang schuf Hajek-Halke, der zudem von 1955 bis 1967 an der Hochschule der Bildenden Künste Berlin unterrichtete, in seiner Dunkelkammer Metamorphosen des Alltäglichen: von Pflanzen, Gesteinen, Industriearchitekturen, von Wasser, Glas, Rasierklingenringen, Drahtgestellen, Papierstrukturen, Stofffetzen – und Seifenschaum-Gebilden. Er verwandelte Körper und Dinge in abstrakte „Landschaften“. Parallel- und Kontrastmontagen ziehen den Blick tief hinein ins Laboratorium eines obsessiven Beobachters, dem es aber nicht mehr um die Realität des Geschauten ging, sondern der diese Realität völlig veränderte, ja, mit besessener Neugier und Humor verfremdete – bis hin zum Absurden. Da werden biomorphe bis geometrische Metaphern, auch Redensarten ins Sichtbare übersetzt. Und da tragen die Bilder neben dem häufigen „o.T“ Namen wie „Kopfloser Balken“, „Flügelmutter“, Hieroglyphe“, „Windei“, „Blutende Erde“, „Keimling“ oder „Vergänglichkeit“.

Nackte Frauenkörper wurden unter Hajek-Halkes Experimenten zu Stein. Einer der Torsi steht, wie die Schwester der antiken Venus von Milo, vor einer gerasterten Berliner Fassade. Eine andere gleicht einer brüchigen Statue aus Terrakotta, die „Haut“ wie eine alte Landkarte. Eine nächste Figur formen nur sich überlagernde Schatten, der Leib ist Nebel. Und darin ragt, wie ein Skelett, eine Industriearchitektur auf.

Farbige Fotografiken der frühen 1960er Jahre schließlich lassen die vitale Korrespondenz mit den Mal-Stilen der Vor- und Nachkriegszeit erkennen: Abstraktion, Surrealismus, Konstruktivismus, Und dann, nach 1945 Tachismus und Informel, Action Painting und Geometrische Abstraktion. Formales aus den Frottagen des Surrealisten Max Ernst blitzt auf. Durchs Bild wuseln die kindlichen Gliederfüßler Mirós und die bunten Mollusken von Wols. Hajek-Halke verfremdete Picassos Taube zum Truthahn. Und er spielte mit den geometrischen Strukturen Baumeisters, den lavagleich glühenden Farbflüssen Schumachers – und den frechen Drippings (Farbtropfen-Bildern) Pollocks.

Es ist abstrakte Malerei aus dem Entwicklerbad, die Hajek-Halke erfand. So wurde er damals zum Pionier einer Methode, die kürzlich erst weltberühmte Fotokünstler der Neuzeit, etwa Thomas Ruff oder Wolfgang Tillmans – trotz Photoshop – wieder in die gute alte Dunkelkammer trieb.

Die technischen Hilfsmittel für seine atemberaubende Gebilde bestanden für Hajek-Halke damals neben der Kamera und den gängigen Foto-Chemikalien lediglich in Strick und Draht, Klingen, Kämmen, Holzstäbchen, Farbe – und einem alten Tricktisch für Animationsfilme. Mehr brauchte er nicht, außer Licht. Damit wurde er Nachkriegsavantgardist, war allerdings schon seit den 1970ern fast vergessen. Erst mit einer Pariser Schau im Centre Pompidou 2002 begann die Wiederentdeckung. Noch vor seinem Tod hatte Hajek-Halke sein Spätwerk mit 200 Lichtgrafiken dem Fotografenfreund Michael Ruetz übergeben. Dieser nun überschrieb den Nachlass der Akademie der Künste. Was nun am Pariser Platz ausgebreitet ist, das wird auch heutzutage von keinem digitalen Software-Programm erreicht.

Akademie der Künste, Am Pariser Platz 4. Bis 4. November 2012, Di–So 11–19 Uhr.

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