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Aktrice

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Von: Stephan Hebel

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Waren da auch Frauen dabei, am 6. Januar 2021 beim Sturm aufs Kapitol? Möglich, aber bestimmt keine „Aktrice“.
Waren da auch Frauen dabei, am 6. Januar 2021 beim Sturm aufs Kapitol? Möglich, aber bestimmt keine „Aktrice“. © John Harrington/Imago

Was all die begnadeten Aktricen auf den Bühnen dieser Welt nicht verdient haben.

Lassen Sie sich bitte von der Überschrift nicht irritieren, es geht hier keineswegs nur um Schauspielerinnen, vielleicht sogar überhaupt nicht.

Beginnen wir mit einer anderen Berufsgruppe, deren weiblicher Teil vor Zeiten mit einem Begriff belegt wurde, den wir hier nicht nennen, denn er wird selbst im Duden als abwertend eingestuft. Verraten sei nur, dass die alte und überholte Berufsbezeichnung rein klanglich einem Gerät verdächtig ähnelte, in dem Speisen „in heißem Fett schwimmend gebacken werden“ (Wikipedia). Kein Wunder, dass kaum eine „Hairstylistin“ – „so klingt es gleich viel moderner“ (Friseur-Job.de) – mit so etwas in Zusammenhang gebracht werden möchte. Friseurin ist okay.

Ganz ähnlich sieht es bei der Aktrice aus: Stellen Sie sich bitte eine Person vor, die, sagen wir, einen Parlamentspräsidenten erst wählt, nachdem er sich zur Marionette einer Minderheit gemacht hat, die noch rechtsextremer ist als die Mehrheit der eigenen Partei. Sie wissen schon, Demokratie nach Art des Hauses, hier: des Repräsentantenhauses einer großen demokratischen Vorbild-Nation.

In der Zeitung unseres Vertrauens war kürzlich zu lesen, dass es sich lohne, sich „einige Akteure und Aktricen des republikanischen Aufstands“ in Washington einmal näher anzusehen. Absolut, keine Frage, aber: „Akteure und Aktricen“? Hierzu einige Anmerkungen, genährt von intimer Kenntnis, was die Maschinenräume von Redaktionsdampfern betrifft.

Erstens, unter uns: Die Formulierung „Akteure und Aktricen“ stammt, wetten?, nicht vom Autor des Textes, sondern aus der redigierenden Redaktion (Namen liegen auf der Zunge, werden aber hier nicht genannt). Der Eingriff dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass die Zeitung unseres Vertrauens gendert, die redigierende Person aber den Doppelpunkt („Akteur:innen“) nicht mag. Dass diese Person nicht „Akteure und Akteurinnen“ schrieb, ist wohl ihrer/seiner intimen Kenntnis des Französischen („acteur/actrice“) geschuldet, die ihn/sie hier allerdings in die Irre geführt hat.

Zweitens übermannte uns für Sekunden das schöne Gefühl, bei dem Vorgang in Washington habe es sich vielleicht doch nur um Theater gehandelt. Jetzt nicht nur im Sinne eines theatralischen Auftretens, das war ja vorhanden, sondern insofern, als das Ganze wirklich nur gespielt gewesen und die US-Demokratie funktionsfähig sei. Ein kurzer Traum.

Drittens: Die zahlreichen begnadeten Aktricen auf den Bühnen dieser Welt haben es nicht verdient, dass ihre Berufsbezeichnung für politische Akteurinnen der oben beschriebenen Qualität verwendet wird. Sie (die Aktricen) gehören dem Feuilleton.

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