Dann kraxelt das Dreifinger-Faultier seiner Wege und alles Böse ist fern.
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Dann kraxelt das Dreifinger-Faultier seiner Wege und alles Böse ist fern.

TIMES MAGER

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Ein Dreiviertel- äh, Dreifingerfaultier wird über die Straße getragen und an einen Baum gehängt. Sehen Sie selbst.

In einem kurzen Film, der kürzlich ein bisschen um die Welt ging, sieht man ein Dreifinger-Faultier bäuchlings auf einer asphaltierten Straße liegen. Weil das nicht der natürliche Lebensraum des Dreifinger-Faultiers ist, kommt ein Mann in Flipflops und greift dem Verirrten unter die Arme. Oder weil er einfach ein guter Mensch ist. Oder beides.

Während das Faultier von dem Mann aufgehoben wird, schaut es nach links und rechts, wirkt nicht sonderlich alarmiert, aber doch erstaunt über die Gesamtsituation. Sogleich sind Zurufe zu hören, vermutlich auf Portugiesisch, und der Mann trägt das Faultier behutsam in Richtung Straßenrand. Seine Flipflops klatschen. Oder die Flipflops der Person, die alles filmt. Zunächst hält man das Geräusch für langsamen, bestätigenden Applaus. Beifall in Faultier-Tempo. Vielleicht von Zuschauern. Aus dem Regenwald.

Das Dreifinger-Faultier hält im Flug die Arme nach rechts und links weg. So etwas hat es noch nie erlebt. Oder legt es sich jeden Tag auf die Straße, um ein Stück geflogen zu werden? Nein. So ein Typ ist unser Dreifinger-Faultier nicht. Der Flipflopmann meistert souverän die recht hohe Kante, die den Asphalt vom gestrüppigen Grünstreifen trennt. Man muss gut aufpassen, wenn man ein Dreifinger-Faultier trägt. Man muss auch aufpassen, dass man nicht andauernd aus Versehen Dreiviertel-Faultier schreibt und alles wieder korrigieren muss.

Als Faultier, ohne nähere Klassifizierung, ob nun Zwei-, Drei- oder gar Fünfviertelfaultier (da, schon wieder), wurde man früher oft selbst bezeichnet, wenn man noch im Bett lungerte, während alle Welt (also die Erwachsenen und die anderen Haustiere) schon fertig fürs Frühstück waren. Das ist natürlich ungerecht. Faultiere sind, wie sich herumgesprochen haben sollte, gar nicht faul, sondern sie wissen mit ihren Kräften hauszuhalten. Außerdem sind sie immer freundlich, wenn auch nicht unmittelbar hilfsbereit, und vollkommen vorurteilsfrei.

Der Mann mit den Flipflops und dem Faultier stapft durchs Gestrüpp auf einen Baum zu. Da hält er seinen Passagier dran, an den Baumstamm, und das geflogene Dreifinger-Faultier sucht sich mit den Armen behände einen sicheren Halt. Der Mann tritt zurück, die Kamera zoomt heran. Das Faultier dreht sich um. Es schaut in die Kamera. Es lächelt in die Kamera. Es löst den rechten Arm vom Baum und bewegt ihn langsam, so langsam auf die Leute zu. Es schließt kurz die Augen. Es sieht froh und erleichtert aus. Dann kraxelt das Dreifinger-Faultier seiner Wege. Die Leute rufen adeo und ciao. Alles Böse ist fern.

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